Was soll man zu einer 18 Stunden langen Busfahrt durch die Nacht in einer Sardinenbüchse von einem “Doppelbett” sagen? Es gibt hier keine Gesetze (zumindest nicht für die Fahrer, die wie die Geisteskranken durchlöcherte Bergstraßen entlang rasen), keine Sicherheitsgurte und keine Toilette. Aber wenn man nicht darf, muss man natürlich am meisten. So kommt es auch einmal, dass wir den Fahrern per Pantomime androhen, dass wir jetzt gleich in den Gang urinieren werden. Das hilft.

Irgendwann ist die Nacht vorbei und wir stehen an der Grenze zu Thailand. Eine kurze Gepäckkontrolle und ein Stempel im Pass, diesmal ganz ohne zwielichtige Stempelgebühren. Tschüss, Laos. Sabaidee, Thailand!

Am Mittag kommen wir in der Stadt Chiang Rai im Nordwesten Thailands an. Hier haben wir für eine Nacht eine Unterkunft gebucht, bevor es weiter geht. Nachdem wir auf dem Busbahnhof eingefahren sind und unsere Rucksäcke wieder geschultert haben, stapfen wir los. Alle TukTuk-Angebote werden freundlich abgewunken – nach fast 20 Stunden Liegen und Sitzen können wir die Bewegung gut gebrauchen. Nach einer dringend benötigten Dusche laufen wir in Richtung Innenstadt. Es ist Zeit, Abendessen, Frühstück und Mittagessen nachzuholen und da trifft es sich gut, dass wir im Thai-Food Himmel auf Erden landen. Die Spezialität im Norden Thailands die uns beim Four Stars serviert wird hat einen Namen: Khao Soi. Diese unglaublich leckere, leicht säuerlich, pikante Kokos-Suppe mit knusprigen (!) Nudeln hat es uns sofort angetan.

Mit vollen Bäuchen steigen wir in ein TukTuk zum White Tempel, dem Wat Rong Khun. Die große Tempelanlage stammt aus der Feder des Architekten und Künstlers Chalermchai Kositpipat und ist noch nicht fertig gestellt. Die weiße Farbe, die dem Tempel seinen Namen gibt, steht in Thailand für Trauer und ist für einen solchen Ort sehr ungewöhnlich.

Ungewöhnlich ist allerdings nicht nur die Farbe, was wir gleich beim Betreten der Anlage feststellen müssen. Strahlend und glänzend hebt sich der Tempel vom blauen HImmel ab, die Tore werden flankiert von dämonisch aussehenden Fantasiefiguren, unter den Dächern der überdachten Wege glitzern und klimpern tausende silberne Spendenplättchen im Wind und neben dem Aufgang zum Haupttempel ragen gespenstische weiße Hände empor. Dazu noch die vielen Besucher und die Souvenirläden rund herum – das Ganze hat eigentlich vielmehr etwas von einem Freizeitpark als von einem Glaubens- oder Pilgerort.

Über die Brücke der Wiedergeburt geht es in das Hauptgebäude, das leicht erhöht umgeben von Koi-Karpfen-Teichen thront, wobei es aufgrund der Symbolik nur in diese eine Richtung geht. Die Hände aus der Unterwelt greifen neben uns ins Leere oder umklammern Gegenstände, darunter auch den ein oder anderen Phallus. Sie repräsentieren dabei die weltlichen Gelüste, von denen sich der Erleuchtete bei der Wiedergeburt abwenden muss.

Spätestens ab Betreten des Gebäudes (Ubosot) sind keine Fotos mehr erlaubt. Drinnen sind Wände und Decke kunterbunt und detailreich bemalt und erst bei näherem Hinschauen bemerken wir, dass hier neben Mickey Maus und Michael Jackson auch George W. Bush oder Hello Kitty verewigt wurden. Wahrscheinlich könnte man sich hier stundenlang den Hals nach diesen comic-artigen Zeichnungen verrenken, aber es drängen immer mehr Leute in den Raum und schließlich wollen wir keiner Wiedergeburt im Weg stehen, deswegen verlassen wir den Ubosot bald wieder durch den Ausgang auf der Rückseite.

Wir streifen noch einige Zeit über das Gelände und finden an jeder Ecke neue, bizarre Details und bereits angefangene Bauvorhaben. Die Anlage ist anscheinend erst zu 20 Prozent fertig und finanziert sich komplett aus Spenden. Es wird geschätzt, dass der Bau bis 2070 abgeschlossen sein könnte.

Am frühen Abend brechen wir mit unserem TukTuk-Fahrer, der geduldig auf uns gewartet hat, zurück in die Stadt auf.

Später, als sich der Hunger wieder meldet, laufen wir bei Nieselregen von unserer Unterkunft zum Night Market. Rund um einen großen, nur sehr spärlich überdachten Platz stehen hier zahlreiche Garküchen, aus denen es dampft und herrlich duftet.

Zwei große Portionen Pad Thai und die ersten thailändischen Biere später, huschen wir im Schutz der Planen, die über den Verkaufsständen gespannt sind, bis ans andere Ende des Nachtmarkts. Wir kommen  in den Genuss einer Performance von einer prächtig herausgeputzten Tanzgruppe und lauschen den schönen Klängen zweier Gitarristen.

Der Regen wird immer stärker und als auch der letzte Stand seine Auslage provisorisch abgedeckt hat, machen wir uns auf den Heimweg. Wir rennen von Vordach zu Vordach, springen über riesige Pfützen und sind dennoch nach kürzester Zeit komplett durchnässt.

Die vorbeifahrenden Autos werfen richtige Flutwellen auf und der Regen ist irgendwann nur noch eine einzige Wand, sodass wir schließlich auch ein freies Tuktuk heranwinken und den letzten Kilometer lieber wie auf einem Jetski die Fluten teilen, statt wadentief durchs Wasser zu waten.

Am nächsten Morgen kaufen wir zwei Bustickets nach Chiang Mai, wo wir uns unter anderem mit Kayleigh und Dan aus England treffen wollen, die wir bei unserer Streetfood Tour in Hanoi kennengelernt hatten. Die Busfahrt läuft für uns überraschend pünktlich und durchorganisiert ab: eine resolute Dame mit Firmenlogo auf der Jacke hakt unsere Tickets auf einem Klemmbrett ab und weist uns die richtigen Sitze zu. Da sind wir von den letzten Monaten doch ganz andere Standards gewohnt. Leider wird der saubere Bus auch auf klinische Minusgrade heruntergekühlt, sobald der Fahrer den Motor angelassen hat. Wir klappern mit den Zähnen und prallen drei Stunden später beim Aussteigen regelrecht gegen eine Hitzewand.

Auch hier in Thailand sind die Busbahnhöfe ein paar Kilometer außerhalb der Stadt und wir teilen uns mit zwei Spaniern ein Sammeltaxi ins Zentrum. Ohne so richtig zu wissen, wohin, steuern wir erst mal ein Restaurant an. Was sonst? Nach einer kleinen Stärkung, einer ausgiebigen Google-Recherche und Absprache mit unseren englischen Freunden rufen wir uns ein Taxi und fahren wieder aus der Stadt raus. Kayleigh und Dan haben uns eingeladen, ein paar Nächte bei Ihnen zu bleiben. Die beiden sind in Südostasien per House-Sitting unterwegs und verbringen je drei bis sechs Wochen an einem Ort. Diesmal haben sie ein besonders großzügige Unterkunft bezogen: fünf Schlafzimmer, vier Bäder, ein Garten und drei riesige Hunde, die auf deutsche Kommandos wie “Sitz” und “Platz” hören (theoretisch).

Ein deutscher Geschäftsmann mietet hier die riesige Villa in einer Gated Community, mit hohem Tor und Pförtner und hat Kayleigh und Dan für vier Wochen die Obhut für Haus, Hunde und Fuhrpark überlassen (und anscheinend auch nichts dagegen, wenn die beiden Besuch einladen). Wir nehmen dankend an, denn die Luxuskombination eines eigenen Zimmers mit Bad, einer großen voll ausgestatteten Küche und so netter Gesellschaft präsentiert sich auf Reisen ja nicht alle Tage.

Wir haben die beiden vor zwei Monaten zuletzt gesehen und so gibt es viel zu erzählen. Nach einem Spaziergang mit den drei Vierbeinern kocht Dan Abendessen. Er ist gelernter Koch und Konditor und die beiden wollen nach ihrer Reise in England einen eigenen Foodtruck mit philippinischen Spezialitäten aufmachen. Die philippinische Streetfood-Küche ist zwar sehr fleischlastig, aber ausnahmsweise gibt es auch “Tofu Adobo”, eine vegetarische Abwandlung extra für uns.

Am nächsten Tag fahren wir zu viert zum Grand Canyon, einer künstlich angelegten Wasserlandschaft. Entweder haben wir einen ruhigen Tag erwischt, oder sind hier auf einen Geheimtipp gestoßen (unwahrscheinlich), denn für die ersten Stunden sind wir die einzigen Gäste. Hier schwimmt auf einem großen dunklen See zwischen roten Felsen ein riesiger, aufgeblasener Hindernis-Parkour, der an Takeshi’s Castle erinnert.

Wir rennen, springen, fallen, hangeln, schwingen und rutschen für ein paar Stunden, dann sind wir komplett platt und fühlen uns wie Kinder nach dem Freibad. Am Nachmittag füllt sich der Park und wir beobachten bei Milchshakes das ganze Schauspiel von oben.

Kurz bevor wir uns wieder auf dem Heimweg machen wollen, werden wir von einem komischen Wassergefährt in den Bann gezogen, mit dem ein Mitarbeiter elegante Bögen über die Wasseroberfläche zieht. Das Gerät sieht aus wie eine Mischung aus Wasserski und Tretroller und durch beständiges Wippen in den Knien gewinnt es Auftrieb und gleitet übers Wasser. Felix und Dan versuchen ihr Glück, gehen aber jedes Mal mit wildem Geruckel kurz nach dem Holzsteg unter. Ein sehr unterhaltsames Schauspiel.

Am Abend schlendern wir noch über zwei Foodmarkets, wo uns Dan und Kayleigh alle möglichen Leckereien zeigen, die sie in den letzten Wochen kennengelernt haben. Wir schmieden Pläne für die Weiterreise und Chiang Mai, schließlich haben wir die Stadt bis jetzt nur kurz gesehen.

Leider wacht Felix am nächsten Tag mit Fieber auf und so müssen wir unseren Aufenthalt in der Villa unfreiwillig verlängern. Eigentlich wollten wir auch noch weiter in den Norden reisen, aber jetzt müssen wir erst mal abwarten. Während Felix sich auskuriert, begleite ich Kayleigh und Dan bei Besorgungen und Gassi-Runden, zu einem Kochkurs, den wir zu viert gebucht hatten und zum großen Night Market in der Stadt.

Der Kochkurs bei der Zebb-E-Lee Cooking School beginnt mit einer Tour über den Markt, wo die Gruppe erst einmal in die verschiedenen Gemüse, Wurzeln und Kräuter eingeführt wird, bevor wir mit einem großen Sammeltaxi zur Kochschule gebracht werden.

Jeder darf sich aus dem Menu fünf Gerichte aussuchen und nach eigenen Vorlieben, zum Beispiel vegan oder vegetarisch, anpassen. Die Lehrerin steht zwischen den Kochstationen, die in U-Form angeordnet sind und probiert bei jedem. Dann gibt es entweder ein zufriedenes Nicken und ein Klopfen auf die Schulter oder ein “more salt” oder “less heat”.

Endlich lerne ich, wie unser neues Lieblingsgericht Khao Soi gemacht wird! Gar nicht so schwer, wenn man die ganzen Zutaten frisch parat hat, jemand anderes für einen abspült und man einen leichten Wok über einer großen Gasflamme zur Hand hat! Ich lerne außerdem noch, eine Tom Ka – Suppe, einen scharfen Papaya-Salat, Pad Thai und süßen Klebereis zuzubereiten. Die Gruppe hat viel zu lachen, aber so richtig schief läuft dank des wachsamen Blickes der Chefin bei niemandem etwas.

Am Ende nehmen wir alle an der langen Tafel Platz und genießen unsere selbst gekochten 5-Gänge-Menüs. So ein Kochkurs beim Reisen ist immer total inspirierend und motivierend, bis man dann zuhause am deutschen Herd steht und sich mühsam die schwer aufzutreibenden Zutaten zusammengesucht hat, nur um festzustellen, dass man es so gut und frisch wie dort sowieso nicht hinbekommt.

Am dritten Tag mit Felix Fieber beschließen wir, einen Arzt um Rat zu fragen, und landen im wohl chicsten Krankenhaus Chiang Mais. Gleich, als wir aus dem Taxi steigen, steht ein Concierge bereit, der uns höflich und in bestem Englisch an die richtige Anmeldung bringt. Im Handumdrehen ist alles eingetragen, Felix darf einen hübschen Mundschutz aufsetzen und muss nicht mal fünf Minuten warten, bis er untersucht wird. Da tropische Krankheiten wie Malaria oder Denguefieber nicht ausgeschlossen werden können, werden ein paar Tests gemacht und auch eine Nacht im Krankenhaus zur Beobachtung wird nicht ausgeschlossen. HIer ist die Kommunikation ein bisschen schwierig, denn der Unterschied zwischen dringend nötig und zusätzliche Vorsichtsmaßnahme wird nicht so klar. Die freundliche Mitarbeiterin mit dem Klemmbrett, die Felix seit der Anmeldung begleitet und ihm Anweisungen und Rezepte von der Ärztin weitergibt, nimmt nur allzu gerne die Kreditkartendaten entgegen und nickt auf die Frage der Notwendigkeit vehement: “Yes, very good for you.”

Wir warten lieber noch die Testergebnisse ab und als herauskommt, dass gefährliche Infektionen ausgeschlossen werden können, fahren wir mit einem kleinen Arsenal an Medikamenten wieder “nach Hause”.

Das Fieber geht zum Glück runter und während Felix sich noch schont, erkunde ich ein bisschen die City, begleite Dan zur Roller-Reparatur und futtere mich mit Kayleigh und Dan durch den riesigen Night Market Chiang Mais. Hier gibt es neben Essbarem alles, was das Touristenherz begehrt und mehr. Am besten gefallen mir aber die Musikanten, Künstler und Tänzer, die zwischen den Menschenmassen ihre Talente zum Besten geben.

Am Ende haben wir eine ganze Woche bei Kayleigh und Dan verbracht und sind unglaublich dankbar, dass sie es so lange mit uns ausgehalten haben. So eine Fieberattacke wäre in einem Hostel oder unterwegs im Bus oder Zug bestimmt um einiges unangenehmer geworden.

An unserem vorletzten Tag machen wir dann noch mal gemeinsam die Stadt unsicher, besuchen das völlig überbewertete, aber dennoch unterhaltsame 3D-Museum und gönnen uns die erste Thai-Massage, bei der wir wie Brezeln zurecht gebogen werden. Zum Abschied essen wir (natürlich) Khao Soi bei Cooking Love (link) und buchen noch Tickets für den Nachtzug nach Bangkok am nächsten Abend.

Bevor wir Chiang Mai verlassen, fahren wir zu zweit noch zum Wat Phra That Doi Suthep, dem Wahrzeichen Chiang Mais. Die Tempelanlage befindet sich auf einem Hügel außerhalb der Stadt und ist vom Chiang Mai Zoo aus am besten mit einem Sammeltaxi zu erreichen. Weil wir gerade einen Wolkenbruch erwischt haben, müssen wir eine Weile auf Mitfahrer warten, mit denen wir uns die Fahrt teilen können. In ewigen Serpentinen geht es nach oben, bis wir nach zwanzig Minuten vor dem steilen Treppenaufgang zum Tempel stehen.

Gefühlte tausend Stufen später stehen wir, brav bedeckt, im Innenhof der Anlage. Es glänzt und glitzert in Rot und Gold und es riecht nach Räucherstäbchen und Regen. Der Tempel hat eine große Bedeutung, denn neben vielen westlichen Besuchern sehen wir hier mindestens genauso viele einheimische Touristen, die Blumen niederlegen, beten und spenden.

Der Legende nach liegt in der riesigen, goldenen Kuppel im zentralen Innenhof des Tempels, eine Reliquie von Buddha versteckt. Wir schlendern vorbei an Buddhastatuen verschiedenster Ausmaße und genießen noch eine Weile den Ausblick auf Chiang Mai und das Umland, dann machen wir uns auf den Rückweg.

Mit Taxi geht es erst zur Villa, um die Rucksäcke zu holen und uns zu verabschieden und schließlich zum Bahnhof. Zum Glück haben uns Dan und Kayleigh noch den Tipp mitgegeben, uns im Zug warm anzuziehen, denn dort ist es dank Klimaanlage eiskalt.

Eingepackt wie Eskimos, soweit es unser leichtes Gepäck zulässt, betrachten wir die tropische Landschaft, die am Fenster vorbeizieht und freuen uns, denn nach 11 Monaten Reise ist dies tatsächlich die erste Strecke, die wir im Zug zurücklegen (der Bambuszug in Kambodscha ausgenommen). Next Stop: Bangkok!