Im Schlafbus von Thakek dösen wir aneinandergekuschelt über ruckelige Straßen, bis wir in den frühen Morgenstunden in der laotischen Hauptstadt Vientiane ankommen. Es regnet und wir stehen mal wieder an einem Busbahnhof im Nirgendwo, von Stadt keine Spur. Jede Menge Songthaews (der große Bruder des Tuktuks) warten darauf, die Ausgestiegenen ins Zentrum zu bringen. Zähneknirschend quetschen wir uns auch mit auf eine der überdachten Ladeflächen und zahlen den Premiumpreis. Langsam müsste man sich an diese Aktion gewöhnt haben, es nervt aber immer wieder aufs Neue, wahrscheinlich vor allem, weil man nach langer Fahrt im stickigen, meist unbequemen Bus voller großer Erwartungen an den neuen Ort aussteigt.

Während der wolkenverhangene Himmel noch keine Anstalten macht, den neuen Tag zu beginnen, rollen wir in die Stadt. Da wir in Vientiane kein festes Ziel haben, sondern von hier gleich weiter in den Norden reisen wollen, steigen wir einfach irgendwo im Zentrum aus. Ein paar Straßen weiter finden wir ein Café, das wenige Minuten später aufmacht und wo wir uns ein Frühstück und dank WLAN eine kurze Google-Suche genehmigen.

Am Nachmittag oder frühen Abend wollen wir eine Weiterfahrt nach Vang Vieng finden und bis dahin die Stadt erkunden. Wegen des heftigen Regens entscheiden wir uns gegen den außerhalb gelegenen Buddha Park, der eigentlich auf unserer Sightseeing Liste stand. Stattdessen finden wir ein modernes kleines Hostel (immer praktisch für Reiseauskünfte und Buchungen), wo wir Minibus-Tickets für den Nachmittag buchen und unser Gepäck bis dahin abstellen können.

Und dann reißt der Himmel sogar auf und die Sonne knallt auf die regennassen Straßen. Wir wandern eine Weile ohne Ziel durch die Stadt, beobachten das Treiben auf den Straßen und kommen an einigen auf Hochglanz polierten Tempeln vorbei. Am Ende unseres Erkundungsspaziergangs stehen wir vor dem COPE Visitor Center.

Wusstest du, dass Laos das am stärksten bombardierteste Land der Erde ist? Wir bisher nicht. Umso einprägsamer wird uns dieser traurige Weltrekord im COPE Center in Vientiane aufgezeigt.

COPE steht, zum Einen aus dem Englischen übersetzt, für „etwas bewältigen“ und zum Anderen für Cooperative Orthotic and Prosthetic Enterprise und sorgt dafür, dass Menschen, die “unexploded ordnances” (UXOs) zum Opfer gefallen sind, mit modernen Prothesen ein “gesundes und produktives” Leben führen können.

Im “Secret War”, wie er heute in den USA bezeichnet wird, luden amerikanische Flugzeuge neun Jahre lang (1964-1973) alle acht Minuten(!) eine Ladung Streubomben über Laos ab. So wurde fast ein Drittel des Landes, das circa 60 Prozent von Deutschlands Landfläche entspricht und sieben Millionen Einwohner hat, mit Bomben übersät und zerstört.

Etwa 30 Prozent der Sprengsätze sind damals nicht detoniert und sorgen bis heute, über 40 Jahre später, für schreckliche Unfälle. Herzzerreißend ist vor allem, dass die Streubomben noch heute Kinder und Erwachsene umbringen oder verstümmeln und gleichzeitig für die ganze Bevölkerung so alltäglich sind, dass sie, für unsere Ohren liebevoll klingend, „bombies“ genannt werden und, wenn sicher entschärft, einfach in den Alltag eingebaut werden. Manchmal als Blumentröge, Gartenzäune, Kochtöpfe oder Leitern.

Gerade in den ländlichen Gegenden und abgelegenen Dörfern in den Bergen ist die medizinische Versorgung schlecht bis nicht vorhanden. Doch gerade dort kommt es auch heute immer noch zu Explosionen von unentdeckten Sprengsätzen. Rund und klein wie ein Tennisball, halten sie Kinder für ein Ballspielzeug. Beim Kochen über offenem Feuer (wie es in Laos auf dem Dorf oft üblich ist) heizt sich die Erde so auf, dass ein verschütteter Sprengsatz hochgeht. Oder ein Bauer stößt mit seinem Pflug knapp unter der Ackerfläche darauf. Dabei werden auch immer wieder riesige, komplett intakte Streubomben in Wäldern, Teichen oder mitten auf dem Sportplatz einer Dorfschule entdeckt und in behutsamer, zeitlupenartiger Weise aus der Erde gehoben und anschließend entschärft oder in evakuierten Gebieten detoniert. Den eindrucksvollen Film Bomb Harvest (“Bombenernte”), der die Arbeit eines australischen Bombenentschärfers zeigt, der seit Jahren in Vietnam, Kambodscha und Laos UXOs entschärft, die Bevölkerung aufklärt und Locals in seinem gefährlichen Beruf schult, sehen wir uns im hauseigenen Kino an.

Im Museum des COPE Centers werden Besuchern auf anschauliche Art und Weise die Geschichte, die Bomben, die Folgen und die Entwicklung näher gebracht. Ein Mobile aus “bombies” hängt von der Decke, an der Wand stehen aufgereiht Beinprothesen. Ein Spiegelkasten soll Patienten, denen zum Beispiel ein Arm fehlt, bei Phantomschmerzen helfen. Man kann Postkarten und Jute-Beutel kaufen, oder einen Beitrag spenden, denn der Eintritt in das COPE Visitor Center ist schließlich kostenlos. 

Nachdem wir noch eine Runde durch die andere Seite der Innenstadt gedreht haben, vorbei an Marktständen auf der einen und modernen Shoppingmalls auf der anderen Seite, ist es Zeit, zum Hostel zurückzukehren. Unser Bus kommt spät, aber doch, und zu unserem Unwohl werden alle Gepäckstücke auf dem Dach festgezurrt, abgedeckt mit einer Plane. Konnten wir bis jetzt durch unsere kompakten Rucksäcke meist vermeiden, dass unser Gepäck irgendwo außerhalb unseres Blickfeldes verstaut wird, müssen wir bei diesem kompakten Kleinbus nun nachgeben und hoffen, dass unser Rucksack nicht in irgendeiner scharfen Kurve im Graben landet.

Als wir die Stadt hinter uns lassen, fahren wir durch grüne Hügellandschaft und Karstberge. Egal wie schmal oder schlecht ausgebaut die Straße, unser Fahrer hält sich offenbar für einen Formel1-Fahrer und rast durch die grüne Landschaft. Da hilft nur: die Aussicht genießen und Daumen drücken, dass wir heil ankommen.

Unser nächstes Ziel Vang Vieng erreichen wir nach ein paar Stunden gerade zum Sonnenuntergang. Die Hauptstraße des Ortes war früher wohl eine Flugbahn. Beim Aussteigen muss sich Felix noch beim Ausladen nützlich machen und verteilt Koffer und Reisetaschen an unsere Mitfahrer, dann laufen wir los, um uns eine Unterkunft zu suchen.

Vang Vieng galt lange Zeit als Partyhochburg für Rucksacktouristen. Grundlage dafür war ein breiter Fluss, auf dem man sich in großen Schwimmreifen treiben lassen konnte und darauf schwimmende Bars, die neben viel Alkohol auch allerlei Drogen unters feierwütige Volk brachten. Dann verunglückten einige Touristen und der internationale Presserummel machte der laotischen Regierung genug Druck, das bunte Treiben auf dem Wasser und den Drogenverkauf und -konsum in Vang Vieng einzudämmen.

Heute ist Vang Vieng auch wieder Hotspot vieler junger Touristen. Die kommen aus Südkorea und pilgern deshalb hierher, weil die kleine Stadt als Kulisse einer beliebten koreanischen Soap dient. “Tuben”, also in Reifen den Fluss hinab treiben, kann man immer noch (und wer unbedingt möchte, findet wahrscheinlich auch noch immer ein Potpourri an Drogen). Die zweite Attraktion, die Blue Lagoon, liegt außerhalb der Stadt und wird vornehmlich mit laut knatternden “buggies” erreicht. Wir laufen durch die bunte, belebte Hauptstraße und überqueren den berüchtigten Fluss über eine Holzbrücke, auf der wir zu unserem Erstaunen Wegzoll zahlen müssen. Einen kurzen, misstrauischen Moment zögern wir, aber nachdem wir auch einige Locals auf Rollern und in Autos beobachten, die bezahlen, zucken wir mit den Schultern und erleichtern unseren Geldbeutel um ein paar Kip.

Wir finden kurz darauf ein Guesthouse, das in einem unserer gefundenen Lonely Planets empfohlen wurde und werden von einer Mitarbeiterin durch die Anlage geführt. Die kleinen Bambushütten haben Verandas mit Hängematten und Blick auf einen wunderschönen Garten, einen plätschernden Fluss und die Berge hinter der Stadt.

Als wäre das nicht idyllisch genug, wuseln im hauseigenen Restaurant süße Katzen und Hunde umher. Hier wollen wir zwei Tage bleiben, ein bisschen wandern, ein bisschen entspannen.

Leider hat es am zweiten Tag mit der Idylle ein Ende, als die Schwester der Hausherrin, die ins Restaurant gekommen ist, urplötzlich einen riesigen Aufstand macht, ihrer Schwester eine Flasche gegen den Kopf wirft, in Rage volle Mülltonnen über den Rasen kickt und wild um sich schlägt. Das alles, während sie ein kleines Kind auf dem Arm hält, das hysterisch weint. Das alles passiert innerhalb von Sekunden. Die Folge ist eine Platzwunde am Kopf der Wirtin und eine Markierung, die Felix heute noch an Vang Vieng erinnert: ihn hat die Frau nämlich in den Unterarm gebissen, als er versuchte, sie von weiteren Übergriffen abzuhalten.

Uns kommt schließlich ein bekiffter Franzose zu Hilfe und als die Frau endlich den Rückzug antritt, finden wir auch den Hausherrn und Mann der Wirtin, einen älteren Iren. Der ist zwar betroffen, zuckt aber nur resigniert mit den Schultern, erzählt uns seine halbe Lebensgeschichte und die Familienverknüpfungen hier in Laos und erklärt, dass man da nichts machen könnte. Seine Frau lässt sich schließlich dazu überreden, zum Arzt zu gehen, muss sich aber selbst mit dem Roller dorthin fahren. Sie kehrt mit ein paar Stichen zurück und wir machen schon mal unsere Pläne für die Abreise.

Die plötzliche Aufregung in der sonst so verschlafen wirkenden Stadt hat uns auch wieder aufgeweckt. Mit einem faden Beigeschmack wollen wir diese sonst so schöne Region nicht verlassen. Am nächsten Morgen stehen wir deshalb schon ganz früh auf und wandern zwischen sattgrünen Reisfeldern die Straße in Richtung Blue Lagoon entlang. Unser Ziel ist der Phangern Mountain, der mit seinen hohen Felsen aus der Landschaft ragt und eine tolle Aussicht verspricht.

Kurz vor dem Anstieg passieren wir einen kleinen Stand, wo wir 10.000 Kip “Eintritt” zahlen. Der Aufstieg zum ersten Viewpoint soll 20 Minuten dauern und obwohl wir normalerweise jede Wegzeitangabe unterbieten, haben wir hier aufgrund der dampfigen Hitze einfach keine Chance. Ächzend und schwitzend kämpfen wir uns die steilen Wege hinauf, die uns über glitschig feuchte Steine, Stufen und Lehmboden führen.

Nach knapp 40 Minuten erreichen wir den ersten Viewpoint, wo eine einfach hingezimmerte Plattform aus Holz zum Ausruhen und Schauen einlädt. Leider liegt an diesem schönen Fleck mal wieder richtig viel Müll rum. Der Grund: selbst auf diesem einsamen Aussichtsberg haben sich kleine Verkaufsstände etabliert, die gekühlte Getränke und Snacks verkaufen. Das grüne Tal vor und den wolkenlosen blauen Himmel über uns, halten wir es ein paar Momente in der Sonne aus, um diesen herrlichen Blick zu genießen.

Dann huschen wir aber schnell wieder in den Schatten der Bäume und treten die zweite Etappe zum obersten Aussichtspunkt an. Langsam macht sich auch bemerkbar, dass eine Banane und ein Liter Wasser zum Frühstück als Wandergrundlage in diesen Temperaturen nicht ausreicht. Wir kämpfen uns weiter nach oben und kommen 20 Minuten später auf dem final viewpoint an, der sogar mit einer überdachten Aussichtsplattform aufwartet.

Auf der Plattform genießen wir den sanften Wind, der uns um die Nasen weht, trocknen unsere Shirts in der Sonne und kaufen dann auch noch zwei Flaschen Wasser von den Verkäuferinnen, die hier anscheinend schwer bepackt mit Eis und Getränken in FlipFlops hochgelaufen sind.

Der Weg zurück ist zwar mühselig, aber nichts gegen den Aufstieg und wir freuen uns, dass wir so früh oben waren, denn inzwischen kommen uns immer mehr schwitzende Leidensgenossen entgegen. Auf dem Weg kann man zwar nur manchmal aus dem Dickicht aus Bäumen und Sträuchern auf die umliegenden Hügel und das Tal blicken, es gibt dazwischen aber viel interessantes Getier, wie Raupen, Grashüpfer und Schmetterlinge zu entdecken.

Eine Stunde später sind wir wieder an unserer Unterkunft und nach einer Dusche und Verabschiedung bei den Gastgebern und den Hunden und Katzen, überqueren wir gegen Wegzoll nun zum vierten Mal die Brücke über den Fluss. Auf der anderen Seite gibt es ein großes Frühstück, bevor wir in den Bus nach Luang Prabang einsteigen. Auch hier bietet die Busfahrt wieder die schönsten Blicke in die Landschaft. Laos mit seinen vielen Grüntönen ist einfach ein riesiger Garten, an dem wir uns nicht sattsehen.