Schaut man sich unsere Route durch Kambodscha auf der Karte an, muss man eigentlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Der nächste Stopp heißt Mondulkiri und ist von Siem Reap aus schlappe 514km entfernt. Ganz im Nordosten des Landes, nicht weit von der vietnamesischen Grenze entfernt. Aber was tut man nicht alles dafür, Elefanten zu sehen? Und zwar aus nächster Nähe und in (fast) freier Wildbahn? Genau aus diesem Grund haben wir uns Mondulkiri ausgesucht. Saftig grünes Hügelland verspricht uns außerdem eine willkommene Abwechslung zum flachen Rest des Landes, den wir bis jetzt zu sehen bekommen haben.

Wir steigen früh am Morgen in den Minibus, der uns in schlappen 10 Stunden nach Mondulkiri bringen wird. Die Fahrt ist aber überraschend angenehm, trotz mancher halsbrecherischer Fahrmaneuver und fragwürdiger Nail Art der Mitfahrer.

Jetzt kennen wir ja auch schon kambodschanische Straßen-Snacks und können an der Raststätte fachmännisch Kralan bestellen. Bei einbrechender Dunkelheit erreichen wir das Städtchen Sen Monorom in der Provinz Mondulkiri und lassen uns gleich wieder auf den altbekannten Balztanz mit TukTuk-Fahrern ein. Nach einer holprigen Fahrt über rote Erde erreichen wir außerhalb der Stadt das Eingangstor der Nature Lodge. Hier haben  wir uns auf zahlreiche positive Internetempfehlungen hin für die nächsten Tage einquartiert. Das Tolle an der Nature Lodge: die Unterkünfte, kleine Holzhäuschen auf Stelzen, sind über das weitläufige Gelände verstreut und dazwischen finden wir viele grasende Kühe, Esel und Pferde, pickende Hühner und streunende Katzen. Dazu gibt es in dem angeschlossenen Nature Lodge Café super leckeres Essen.

Erschöpft von der Busfahrt, machen wir uns hungrig über ein Kokos-Curry her und fallen danach zufrieden in unser moskitonetzumhülltes Hüttenbett. Aber an Schlafen ist erst mal nicht zu denken, denn vom Tal weht noch mehrere Stunden der Bass irgendeiner Party zu uns hinauf und der Gecko, mit dem wir die Hütte teilen, schreit irgendwo ganz nah an unseren Köpfen. Aber irgendwann schlafen wir zum Glück ein und werden dafür am nächsten Morgen vom sanften Schnauben der Pferde und Kühe geweckt.

Uns ist mal wieder nach Rollerfahren zumute und nachdem sich der nächste Tag zwar bewölkt gibt, es aber am Nachmittag aufklaren soll, laufen wir in die Stadt, um uns einen fahrbaren Untersatz zu mieten. Wir düsen los in Richtung Sen Monorom Falls aber nach einer Stunde holpriger Serpentinen verschlechtert sich das Wetter und es beginnt zu regnen. Für einen leichten Schauer sind wir mit Jacken ausgestattet, aber es schüttet immer stärker und dann gesellen sich auch noch Donner und Blitze dazu. Wir sind schon durch einige kleinere Siedlungen durch gefahren aber jetzt gibt es eigentlich nur noch Felder links und rechts von der Straße und über uns der grollende Himmel. Kurzerhand fahren wir rechts auf die Schotterauffahrt eines größeren Hauses zu, wo ein älterer Mann gerade die Fensterläden zuklappt und die Rolltore herunter lässt, die noch Blick auf sein Wohnzimmer freigeben. Wir parken den Roller, rennen unters Vordach, obwohl wir schon komplett durchnässt sind und versuchen dem Mann irgendwie mit Händen und Füßen klarzumachen, dass wir gerne im Trockenen das Gewitter abwarten wollen. Die Situation ist zum Glück international leicht verständlich, er lässt uns ins Haus und bittet uns, auf einer kunstvoll geschnitzten Holzbank Platz zu nehmen. Irgendwann erscheint seine Frau aus einem Hinterzimmer, die uns argwöhnisch, aber trotzdem irgendwie freundlich zur Kenntnis nimmt. Wir unternehmen ein paar vergebene Übersetzungsversuche mit Google Translate, aber die meiste Zeit nicken wir nett, wenn unser Gastgeber auf irgendwas deutet und etwas dazu sagt, blicken auf die grünen Felder draußen, auf die der Regen nieder peitscht und schauen uns alle ehrfürchtig an, wenn der nächste Donnerschlag noch lauter als der vorherige ist.

Wir verbringen bestimmt über eine Stunde bei dem Ehepaar und mit der bevorstehenden Dunkelheit werden wir immer unsicherer, ob wir es nicht einfach riskieren sollen, durch den Regen zurück zu fahren.Wir versuchen, uns an die Formel zu erinnern, mit der man die Entfernung des Gewitters bestimmen kann und versagen kläglich bei dieser einfachen Rechenaufgabe.
Das Wohn- und Esszimmer, wo wir uns hier befinden, ist sehr schlicht eingerichtet, bis auf die riesigen in Gold gerahmten Fotos festlich herausgeputzter Brautpaare, davon eines der beiden Gastgeber in jüngeren Jahren. Diese kitschigen, meist sehr weich gezeichnet und rosig gefärbten Gemälde von Paaren haben wir seit Vietnam schon in vielen Restaurants und Cafés bemerkt. In jedem Fall freuen sich die Leute, wenn man darauf deutet, sie fragt ob sie das sind und ein Kompliment macht. Das klappt auch hier perfekt ohne passendes
Khmer-Vokabular. Wir zeigen ihm noch auf GoogleMaps, wo wir herkommen und wo wir heute eigentlich hin wollten. Er macht uns mit Gesten verständlich, dass wir bei ihnen übernachten können und hätten wir all unsere Sachen bei uns und für den nächsten Morgen nicht schon etwas ausgemacht, hätten wir diese Gastfreundschaft bestimmt gerne in Anspruch genommen. Aber das Gewitter ist zieht schließlich weiter, der Regen lässt ein wenig nach und nachdem uns unsere Gastgeber noch Plastiktüten für unsere Kamera und Handys im Rucksack gegeben haben, machen wir uns wieder auf den Rückweg.

Wir steigen auf den Roller, rufen noch ein paar “Åkhun”s und “Thank You”s über die Schulter und fahren vorsichtig zurück auf die Straße. Aber schon ein paar Minuten später ist der Regen wieder so stark, dass wir lieber wieder Unterschlupf suchen, diesmal bei einem kleinen Imbiss. Hier sitzen ein paar Männer an einem Plastiktisch, eine Frau kocht und ein paar Kinder spitzen neugierig aus der Küche hervor. Wir bestellen zwei Angkor Biere und setzen uns dazu. Alle sind neugierig aber keiner traut sich so recht, mit uns zu sprechen. Diesmal greifen wir auf ein Stück Pappe und einen Stift zurück, schreiben unsere Namen auf, malen einen Elefanten und lernen das kambodschanische Wort dafür (ដំរី – „damri“, ausgesprochen „damrei“). Zwei der drei Kinder lernen Englisch in der Schule und werden von ihrem Vater stolz vor uns gezerrt. So plötzlich auf die Probe gestellt sind sie natürlich total schüchtern, aber wir kriegen dennoch ein paar Sätze aus ihnen heraus. Die kleine Schwester tanzt dabei um uns herum und zeigt uns stolz ihren kleinen Hund. Bevor wir in der nächsten Regenpause wieder aufbrechen, gibt es noch eine Runde Gruppenfotos und dann steigen wir zurück auf unseren Roller, der uns trotz riesiger Pfützen und Schlaglöcher auf dem Weg durch die Dunkelheit sicher zurück zur Nature Lodge bringt.

Nach dem Frühstück am nächsten Tag hüpfen wir auf die Ladefläche eines Pick-Up Trucks, der uns zum Mondulkiri Project bringt. In der Stadt sammeln wir noch drei Mädels aus England und eine holländische Familie ein und ruckeln über eine Straße, die sich die Hügel westlich von Mondulkiri empor schlängelt. Unser junger Tourguide ist gut gelaunt und springt aus dem Truck, sobald wir unseren Ausgangspunkt, den Scheitel eines grünen Hügels, der das umliegende Land überblickt, erreicht haben.

Ab hier müssen wir ein gutes Stück bergab zu einer Lodge steigen, dem zentralen Treffpunkt für Essen, Schlafen und Toilettengänge innerhalb des geschützten Stück Waldes. Wir werden ganz freundlich von „Mr. Tree” empfangen, der uns mehr über sein „Baby”, das Elephant Sanctuary, erzählt. Das Mondulkiri Project hat sich zum Ziel gesetzt, einst versklavten Elefanten ein besseres Leben zu bieten. Frei vom Zwang, Touristen durch die Tempelanlagen von Angkor Wat spazieren zu tragen oder schwere Baumstämme aus illegalen Rodungsgebieten zu schleppen, können die Tiere sich hier auf einem geschützten Stück Land frei bewegen.

Das Mondulkiri Project ist eine kambodschanische NGO, die nur einheimische Mitarbeiter einstellt. Von „westlichen” Touranbietern hält Mr. Tree wenig. Schließlich kennen die Locals ihre Gegend, die Natur und die Kultur am besten und so kann er an die Region zurückgeben, indem er Natur und Tiere bewahrt und dem indigenen Stamm der Bunong Arbeitsplätze verschafft, medizinische Versorgung bietet und Essen spendet.
Aber kommen wir nun endlich zu den Elefanten: Mit den Gebühren für die Touren finanziert das Mondulkiri Project seine Mitarbeiter und kauft Elefanten. Das meiste Geld aber kommt über Spenden zusammen. Als wir zu Besuch waren, war das große Ziel, einen männlichen Elefanten für das Sanctuary freizukaufen, damit es vielleicht in der Zukunft auch mal ein Elefanten-Baby gibt, das nicht in Gefangenschaft, sondern in ein friedliches Umfeld hineingeboren wird. Dafür haben sie sich schon mal einen Elefantenbullen zur Probe „ausgeliehen”. Der Glückliche wurde von einem Waldarbeiter monatlich gemietet, um zu sehen, ob er sich mit einer der Elefantendamen im Sanctuary verstehen würde.

Ein Elefant kostet, je nach Alter und Geschlecht, bis zu 50.000$ und weil soviel Geld nicht immer gleich verfügbar ist, „least” das Mondulkiri Project die Elefanten vorübergehend, bis sie das nötige Geld zusammen haben. So ist dem Elefanten immer noch geholfen, denn er darf sich in den Wäldern tummeln, statt hart arbeiten zu müssen. Weil diese Elefanten traurigerweise an Menschen und nicht an ein Leben in freier Natur gewöhnt sind, hat jeder Elefant einen Mahout. Dieser Hüter passt auf, dass der Elefant nicht etwa die Ernte von irgendwelchen Farmern in der Nähe zerstört. Dies passiert aber ganz ohne Gewalt, die Mahouts schnalzen mit der Zunge oder pfeifen, wenn es darum geht, umzudrehen oder Besucher zu treffen und die Elefanten folgen mehr oder weniger brav, werden dabei aber nicht eingeschränkt. Passend zu ihrem Schicksal, dass sich hier zum Guten gewendet hat, heißen die Elefanten zum Beispiel Happy oder Lucky.

Unsere erste Begegnung mit einer Elefantendame lässt gar nicht lange auf sich warten. Nach der Einführung des charismatischen Mr. Trees steigen wir mit unserem Guide weiter den Hügel hinab und tiefer in den Wald hinein. An der Lodge wurden wir noch mit reichlich Bananen versorgt und so schnell schauen wir gar nicht, da kündigt sich schon die erste sanfte Riesin mit einem Rascheln und knickenden Ästen an. Sophie steht in voller Pracht vor uns und wartet keine Vorstellungsrunde ab, um sich die ersten Bananen zu schnappen.

Es kostet erst einiges an Überwindung, diesem großen Tier einfach so eine Banane entgegen zu strecken, aber mit der Spitze ihres langen Rüssels nimmt sie uns ganz sanft das Obst aus der Hand. Sie ist vom Schlamm, in dem sie sich vor kurzem gewälzt hat, ganz braun und ihre Haut fühlt sich an wie vertrocknetes Leder. Sophie duldet unsere Gesellschaft, solange unser Bananenvorrat hält, aber verzieht sich auch recht schnell wieder ins Dickicht, als klar ist, dass wir nichts mehr rausrücken.

Es gibt schließlich noch drei andere Elefantendamen, die sich auf uns (oder zumindest den Proviant, den wir bringen) freuen. Wir stapfen weiter hinter unserem Guide durch den Wald, und stoßen schon bald auf die zweite Elefantenkuh, Princess. Hier beobachten wir auch zum ersten mal aus nächster Nähe, wie clever Elefanten mit ihrem besten Werkzeug, dem Rüssel, umgehen. Sie greift einen Stock und bricht ihn mithilfe eines Vorderfußes in Zwei. Jetzt hat sie das perfekte Kratzwerkzeug, um sich bei einer juckenden Stelle am Hinterfuß zu behelfen. Als auch sie nach einer Ladung Bananen wieder von Dannen zieht, gibt sie uns noch eine lustige Show, indem sie ihre Flanken und den Po ausführlich an den Baumstämmen auf ihrem Weg kratzt. Die Bäume schwingen dabei wild hin und her und schnalzen schließlich wieder zurück. Hat was von Balou im Dschungelbuch.

Ein paar Minuten später treffen wir noch Happy an, die sich wohl gerade erst frisch im Schlamm gewälzt hat und mit einem Fächern ihrer Ohren die ganze Gruppe mit braunen Matschtröpfchen sprenkelt. Wenn wir die Elefanten beobachten, wie sie wieder zwischen den Bäumen verschwinden, fällt uns vor allem auf, wie sanft und fast lautlos sie sich über den Waldboden bewegen. So leichtfüßig und leise, dass es so gar nicht zu dem schweren Körper passen will.

Dann ist es Zeit, fürs Mittagessen zur Lodge zurückzukehren. Die freundlichen Mitarbeiter haben eine große Picknick-„Tafel“ mit Reis, Fleisch, gebratenem Gemüse, Kaffee, Obst und Dessert vorbereitet und die Hängematten in der zu den Seiten offenen Hütte nebenan kommen uns nach dem Festmahl bei der Hitze gerade recht. Die Gruppe entspannt sich und verarbeitet die ersten Begegnungen mit diesen schönen und schützenswerten Tieren.

Nach der Pause schmeißen wir uns in unsere Bikinis und Badehosen, denn das nächste Treffen mit den Elefanten wird nass. Erst überqueren wir den Fluss, der sich durch das weitläufige Gelände bahnt, über eine provisorische Brücke aus zusammengezimmerten Baumstämmen. Am gegenüberliegenden Ufer müssen wir kurz aufsteigen und kommen bald zu einem weiteren Flusslauf, von dessen anderem Ufer uns ein Mahout zuwinkt.

Und aus dem Blätterdickicht schaut ein Elefant hervor, der noch viel größer als unsere bisherigen Bekanntschaften scheint. Das ist der Bulle, der im Moment noch nicht dauernd bei den „girls” sein darf. Speed Dating ist nicht bei den grauen Riesen, hier wird sich erst mal vorsichtig und in kleinen Dosen kennengelernt.

Wir winken dem Mahout und dem Elefanten noch einmal, bevor wir umdrehen und ein Stück flußabwärts wandern. Am Ufer warten wir nun gespannt, bis Sophie mit ihrem Mahout aus dem Wald erscheint. Die Elefanten werden hier nicht gezwungen, mit den Touristen im Wasser zu spielen, manchmal genießen sie es, weil sie eine Abkühlung (und ein paar weitere Bananen) gebrauchen können, aber andere Male beachten sie die Menschen gar nicht und ziehen weiter durchs Flussbett. Wir stehen gerade knietief im Fluss, wo undefinierbare Fische oder Krebse an unseren Zehen knabbern, als Sophie erscheint. Wir sind mit Eimern und Schrubbern ausgerüstet dabei und während die einen den Elefanten mit Bananen beschäftigen, nehmen sich die anderen der hartnäckigen Schlammkruste an Sophies Flanken an.

Sie scheint es weder zu stören, noch besonders zu gefallen, aber unser Guide versichert uns, dass die Elefanten das total genießen also wechseln wir uns ab und geben uns größte Mühe, beim Schrubben nicht auf den glatten Steinen im Fluss auszurutschen. Vielleicht ist es auch einfach ein geheimer Witz unter den Mitarbeitern, á la „Touristen sind so albern, die putzen sogar unsere Elefanten”. 

Aber das ist uns egal, denn man kommt schließlich nicht so oft in den Genuss, in einer Elefantenwaschanlage auszuhelfen.

Am späten Nachmittag ist es schließlich Zeit, sich von den Elefanten, Mr. Tree und seinen Mitarbeitern zu verabschieden. Während ein Teil unserer Gruppe noch über Nacht bleibt, um am nächsten Tag einen langen Dschungeltreck zu unternehmen, wandern wir mit dem Rest zurück zur Hügelkuppe, wo schon der Pick-Up auf uns wartet. Wir genießen noch ein paar Momente das grüne Hügelpanorama im Abendlicht und erspähen noch mal den großen Elefantenbullen. Ein einzelner Elefant auf einem sattgrünen Hügel in der Dämmerung ist wahrscheinlich eines der schönsten Bilder, das uns von Kambodscha im Gedächtnis bleiben wird.

Der nächste Bus an die Grenze geht erst am übernächsten Tag und so bleiben wir noch in der Nature Lodge, genießen die Ruhe, die Tiere, das Essen und einen wunderschönen Abendhimmel, bevor wir ein letztes Mal in die Stadt aufbrechen, wo wir nach längerem Suchen die viel gehypte Mondulkiri Pizza finden und uns Proviant für die Busfahrt besorgen.

Nächster Stopp – Laos!