Nach einer ruckeligen, vierstündigen Busfahrt kommen wir am frühen Abend in Battambang (sprich: “Baddambong” – ein Leichtes für uns Franken!) an. Wie so oft, wenn wir in einen Busbahnhof rollen, stehen schon die Tuk Tuk-Fahrer in Massen bereit und rufen wild durcheinander. Die Qual der Wahl bleibt uns erspart, denn unser Hotel hat netterweise einen lieben Fahrer geschickt, der Ty Ty heißt und passend zu seinem Unternehmen “Ty Ty’s Smile Tours” ein breites Grinsen im Gesicht trägt. Es ist bereits dunkel in Battambang und die Fahrt zum Hotel dauert keine fünf Minuten. Wir haben uns einen straffen Zeitplan für Stadt und Umgebung zurechtgelegt und gleich nach unserer Ankunft brechen wir auch schon wieder auf. Es geht zum berühmten Phare Zirkus.

In einem Wohngebiet am Stadtrand finden wir das Gelände von Phare Ponleu Selpak, der Organisation, die sich seit Ende des Bürgerkriegs in Kambodscha Kindern und Jugendlichen annimmt, künstlerische und akrobatische Fähigkeiten fördert und zugleich eine Schulausbildung bietet. Phare war lange Zeit eine Anlaufstelle für traumatisierte Kinder und Jugendliche, die im Krieg ihre Familien verloren oder andere schreckliche Dinge erlebt haben. Heilen durch Kunst ist hier das Motto. Zwischen den Schulgebäuden gibt es ein kleines Café und einen Souvenirladen, auf dem Rasen stehen vereinzelt Skulpturen und ein Showroom in einem der Häuser lädt zum Rundgang zwischen den vielen bunten Gemälden und Installationen.

Um 20 Uhr geht es los und alle Besucher, die meisten davon internationale Reisende, finden sich auf den Stufenbänken um die Manege ein. Ausgerüstet mit einer Riesentüte Popcorn, gesellen wir uns dazu.

Eine junge Frau spricht nervös kichernd schwer verständliches Englisch in ein Mikrofon, alle klatschen, dann werden die Lichter dramatisch gedimmt. Was folgt ist eine Zirkusshow, die sich zwischen Akrobatik und traditionellen kambodschanischen Tänzen hin und her bewegt. Immer präsent ist der dramaturgisch umgesetzte Kampf zwischen Gut und Böse, der in einer losen Geschichte die Showeinlagen miteinander verknüpft.

Das junge Ensemble, alle um die 16-25 Jahre alt, strahlt und reißt uns im Publikum so sehr mit, dass wir am liebsten selbst in die Manege rennen und mit einem dreifachen Salto auf die Schulter des Nebenmannes springen wollen. Das ganze Spektakel wird von einer zweiköpfigen Band begleitet, deren Spiel fast so waghalsig wie die Stunts der Akrobaten ist.

Nach etwa einer Stunde Programm, das sich immer wieder selbst übertrifft, schlendern wir begeistert zurück zum Ausgang. Nicht nur weil die Organisation einem guten Zweck dient, sondern vor allem weil es einfach eine grandiose Show ist, sollte sich keiner, der sich nach Battambang verirrt, die Zirkusshow entgehen lassen.

Am nächsten Morgen klingelt der Wecker früh, denn wir haben viel vor. Zuerst stärken wir uns im zufällig entdeckten Vegetarian Foods Restaurant, wo außer uns wirklich nur Einheimische ihre Nudelsuppen schlürfen. Die Kinder der Köchinnen wuseln neugierig zwischen den Tischen hin und her und essen nur nach einem strengen Wortschwall von Mama ihr eigenes Frühstück weiter. Das Essen ist ganz frisch, super lecker und natürlich spottbillig für unsere Verhältnisse. Wir bekommen Nudelsuppen, selbstgemachte Sojamilch, kleine Kokoskuchen und zwei riesige Iced Coffees für 4 Dollar.

Gut genährt und mit einigen frittierten Köstlichkeiten im Gepäck, steigen wir gegen halb zehn ins Tuk Tuk zu Ty Ty. Den ersten Stopp machen wir am alten Bahnhof von Battambang, der während der französischen Kolonialzeit als wichtiger Verknüpfungspunkt zwischen Bangkok und Phnom Penh geplant war. Spätestens während der Herrschaft der Roten Khmer gerieten die Bahnstrecke und der Bahnhof aber in Vergessenheit. Die alten Zuggleise sind nur noch auf dem Übergang über die Straße zu sehen, danach verlieren sie sich in dichtem Gestrüpp.

In und um den alten Bahngebäuden hausen Familien in kleinen zusammengezimmerten Hütten und Kinder spielen zwischen den rostigen Waggons und winken uns fröhlich zu.

Wir steigen wieder ein und lassen uns den Fahrtwind um die Nase wehen. Bevor wir die Stadt verlassen, kommen wir noch an der herrschaftlichen Governor’s Mansion, einem kleinen gelben Palast, vorbei und passieren einen Kreisverkehr mit riesiger Buddha-Statue.

Dann geht es über eine Landstraße durch kleinere Orte, bis wir am berühmten Bamboo Train ankommen. Kein hölzerner Zug erwartet uns hier, sondern eine lange, einspurige Bahnstrecke, die vor allem zum Transport von abgeholztem Bambus verwendet wurde. Heute ist der Bamboo Train eine Attraktion für Touristen aus aller Welt. Die aus Brettern zusammengezimmerte Sitzfläche, der “Waggon”, liegt auf zwei Radachsen, angetrieben wird das Geschoss von einem einfachen 6-PS-Motor und betrieben von einem fast zahnlosen Zugführer.

Wir nehmen auf dünnen Kissen im Schneidersitz Platz und warten gespannt, was passiert. Vor uns setzen sich langsam die anderen Wägen in Gang und bald rauscht die grüne Umgebung nur so an uns vorbei, ständig untermalt vom rhythmischen “klack-klack” der Räder auf den Schienen, die an ihren Nahtstellen teilweise beängstigend weit auseinanderklaffen. Wir teilen unser Gefährt mit einem netten Engländer namens William und fühlen uns in manchen „Kurven“ wie in einer klapprigen Achterbahn.

Plötzlich verlangsamt unser Lokführer. Weiter vorne kommt uns ein Wagen entgegen. Von diesem Spektakel haben wir vorher schon gelesen: weil der Bamboo Train einspurig fährt, müssen entgegenkommende Wägen stehen bleiben, schnell auseinander gebaut und von den Schienen gehoben werden, bevor es wieder weitergeht. Die Regel dabei ist, dass die Seite mit mehr Wägen die Vorfahrt bekommt. In dem Fall dürfen wir sitzen bleiben und zusehen, wie die anderen Touristen aufgescheucht werden, die Sitzfläche hochgehoben wird und dann die zwei lose auf den Gleisen liegenden Achsen ins Gebüsch gepfeffert werden.

Es dauert nur ein paar Augenblicke, dann klackern wir weiter. Den abgestiegenen Fahrgästen winken wir fröhlich im Vorbeifahren zu. Etwa zehn Minuten und einige Abstieg-Weiterfahr-Maneuver später halten wir an.

Das ist wohl das Ende der Fahrtstrecke und passend zum ständigen Besuch von Touristen haben sich hier strategisch günstig kleine Verkaufsbuden positioniert, die Getränke, Süßigkeiten und Souvenirs an den Mann und die Frau bringen wollen. Kinder mit den Armen voller geflochtener Bändchen umschwärmen uns und versuchen sich gegenseitig zu übertönen: “When you buy, you buy from me!”. Wir lassen uns schließlich erweichen und versuchen, möglichst fair, von jedem Kind ein Bändchen zu kaufen. Natürlich erscheinen danach aber gleich schon die nächsten fünf Kinder, die wir kurzerhand auf die nächste Gruppe Touristen abzuwälzen versuchen.

Es ist manchmal schwierig, die Balance oder eine Rechtfertigung zu finden. Auf der einen Seite kann man Kindern schwierig etwas ausschlagen, auf der anderen Seite gehen sie dafür vielleicht nicht in die Schule. Eine formelle Schulpflicht gibt es nicht und jeder ist quasi sein eigener kleiner Unternehmer. Vielleicht stecken auch die Eltern dahinter. Wir wissen es nicht und können nur im Moment entscheiden, was sich richtig anfühlt.

Auf dem Rückweg sind wir mit den Waggons in der Unterzahl und müssen einige Male absteigen. Wir versuchen auch mal selbst, eine der Radachsen von den Schienen zu heben. Respekt vor den “Zugführern”, die das jeden Tag unzählige Male machen!

Wieder am Ausgangspunkt angekommen, suchen wir unseren Ty Ty und fahren weiter in Richtung eines Weinguts, dass wir seiner Meinung nach nicht verpassen dürfen. Wir können uns Schöneres vorstellen, als kambodschanischen Wein in der Mittagshitze zu probieren, aber lassen uns auch gerne eines Besseren belehren.

Entlang des breiten Ton Se Flusses, der bis nach Siem Reap fließt, geht es weiter, bis wir zu einer Hängebrücke kommen, die wir uns anschauen sollen. “Like San Francisco”, meint Ty Ty. Naja, fast!

Der Himmel ist inzwischen von dunklen Wolken verhangen und gerade, als wir beim Weingut auf den Parkplatz fahren, fängt es an zu schütten. Jetzt eine kleine Weinprobe! Je ein Gläschen Rotwein, Brandy, Trauben- und Ingwersaft gilt es zu verkosten. Der Rotwein schmeckt wie Reiswein, der Brandy brennt, aber die größte Attraktion ist wohl der kleine Hundewelpe, der uns um die Füße schleicht.

Nach dieser kurzen Pause geht es weiter und Ty Ty braucht anscheinend einen Snack. Nach kurzer Diskussion (vielleicht war es auch eine Preisverhandlung oder Smalltalk) mit einem freundlichen Mann am Straßenrand, der ein kleines Feuer vor seinem Haus anschürt, kehrt er mit einem etwa 30cm langen Bambusrohr zum Tuk Tuk zurück. Freudestrahlend wird ein kleiner Deckel entfernt, der Bambus wie eine Banane geschält und das Innere zum Vorschein gebracht. “Sticky Rice!”

Kralan, wahrscheinlich das kambodschanische Equivalent zum deutschen Pausenbrot, besteht aus Reis, der mit Kokosmilch, Zucker, schwarzen Bohnen und ein wenig Salz im Bambusrohr auf dem Feuer gegart wird. Weil dies meist auf dem Boden geschieht, findet man auch immer die ein oder andere Ameise drin. Aber hey, ein bisschen Eiweiß kann ja nicht schaden. Wir sind sofort begeistert von Kralan und es soll uns ab sofort an jeder Straßenecke in Kambodscha auffallen.

Der Himmel ist inzwischen frei von Wolken und die Mittagssonne knallt erbarmungslos auf die Felder und Dörfer, durch die wir tuckern. Bald sind wir an der nächsten Sehenswürdigkeit angekommen, den “fruit bats”. Man hört sie, bevor man die großen Fledermäuse zu Scharen in den großen Bäumen am Rande eines verlassenen Marktplatzes hängen sieht.

Die nächste Station vor dem Mittagessen heißt Prasat Banan und ist ein kleiner Tempel am Ende einer 358-stufigen, steilen Steintreppe. Jeder Besucher ächzt und schnauft und die Leute, die uns von oben entgegen kommen, werfen uns verständnisvolle Blicke zu.

Der Tempel oben ist mehr eine Steinruine. Wir schauen uns kurz um, erhaschen zwischen den Bäumen hindurch auch einen tollen Panoramablick auf das grüne Land zwischen Flüssen und Hügeln und machen uns wieder auf den Weg nach unten.

Ty Ty hatte uns für die Mittagspause „frei“ gegeben und will sich später an einem der vielen Essenstände mit uns treffen. Die Entscheidung ist schnell getroffen: wir landen natürlich bei der Imbissbude, wo kleine Kätzchen im Schatten unter den Stühlen spielen und schlafen. Eine kleine Pause hat Ty Ty offensichtlich auch gebraucht, denn wir finden ihn dösend ein paar Buden weiter in einer Hängematte.

Zu Zweit unternehmen wir noch einen kleinen Streifzug in Richtung einer Höhle, die wir nach einigen falschen Fährten von einem Typen bewacht finden, der sich dort sein Lager eingerichtet hat und Eintritt haben möchte. Wir lehnen dankend ab, als wir die flackernden, ziemlich mitgenommenen Stirnlampen sehen, und kehren zum Treffpunkt zurück, allerdings nicht ohne über die nicht endend wollenden Müllberge hier in der Natur zu stöhnen.

Mit dem Tuk Tuk geht es weiter zum Sampov Tempel. Diese Anlage auf einem Hügel beherbergt ein Kloster und die “Killing Caves”, ein grausiges Mahnmal, das an die Schreckensherrschaft der Roten Khmer erinnert. Weil Gelehrte als Staatsfeinde galten und aussortiert werden mussten, räumte die Rote Khmer das damalige Kloster, brachte die Mönche und anderen Bewohner um oder warf sie gleich nach einem Schlag auf den Hinterkopf in die tiefen Höhlen hinter den Klostergebäuden.

Heute kann man viele kleine Stufen in die Größere von beiden Höhlen hinabsteigen und an einer Art Schrein, mit allerhand Räucherstäbchen, großer liegender Buddhastatue und bunten Fähnchen und Gemälden den Opfern gedenken. Ty Ty hat uns gebeten, dass wir ihn als Tourguide für den Tempel und die Killing Caves nehmen und nicht einen der vielen Fremdenführer, die am Fuße des Berges ihre Dienste anbieten. Sein Englisch ist gut, aber hier geht doch einiges in der Aussprache oder mangelndem Vokabular verloren. Das Thema berührt ihn aber offensichtlich sehr stark, denn er spricht viel schneller und animierter als sonst.

Wir drehen noch eine Runde über die neue Tempelanlage, schauen einer Horde Affen zu, wie sie für die Touristen posiert und auf Essensreste lauern und treten dann den Weg nach unten an.

Die große Attraktion des Tages folgt nämlich erst noch: die Fledermausschwärme, die bei Sonnenuntergang zu Tausenden aus den Höhlen schießen und sich in der Abenddämmerung verlieren. Dafür sind die Cafés und Restaurants am Fuße des Hügels natürlich bestens ausgerüstet. Jeder preist “the best view for bats” an und reiht Stühle für die Touristen entlang der Straße auf, auf der der Verkehr irgendwann komplett zum Stehen kommt. Alles starrt angestrengt auf die Felswände und Höhlenöffnungen. Ganz vereinzelt kommen auch schon ein paar Frühaufsteher aus den Felsen geflattert. Aber als sich gegen 18 Uhr langsam die Dunkelheit über die Hügel und umliegenden Felder legt, schwillt das ferne, hohe Geräusch zu einem vielstimmigen Kreischen an und wird immer lauter.

In einer hektischen und nicht enden wollenden Wolke erheben sich jetzt die kleinen Blutsauger ins Freie und schwärmen in den Nachthimmel aus. Das Spektakel dauert wohl bis zu 45 Minuten, wir sind nach dem vollen Tag aber so müde, dass wir bald Ty Ty schnappen und wieder zurück in die Stadt tuckern.

Am nächsten Morgen geht es schon wieder zurück nach Siem Reap, natürlich nicht ohne vorher noch ein herrliches Frühstück im Vegetarian Foods Restaurant.

Der Umweg in den Westen hat sich wirklich gelohnt und wer zum Beispiel von Thailand nach Kambodscha reist, sollte Battambang auf dem Weg nach Siem Reap nach Möglichkeit mitnehmen. Wer ganz viel Zeit hat, kann die Reise Battambang – Siem Reap auch mit dem Slow Boat über den Ton Se Fluss und – See zurücklegen.