Wo wächst eigentlich der Pfeffer? Hier in Kambodscha bekommen wir die Gelegenheit, es herauszufinden und suchen uns als nächste Station die Region Kampot im Südosten des Landes aus. Das Gebiet zwischen Ozean und Dschungel dort liefert besonders fruchtbaren Boden und günstiges Klima für den Anbau von Pfeffer und Früchten wie Papayas und Durians und irgendwie hat es uns die kleine Stadt Kampot aus Reiseberichten und Blogs sehr angetan. Knappe vier Stunden sind wir von der Hauptstadt Phnom Penh unterwegs, bis wir nachmittags am kleinen Busterminal in Kampot ankommen. Hier werden wir ein paar tage bleiben, bis es dann nach Otres und Sihanoukville weitergeht. Zuerst fällt uns das Wahrzeichen der Stadt ins Auge: eine riesige Durian-Skulptur in der Mitte des großen Kreisverkehrs. Na dann, Nase zu und durch!

Der Himmel hat sich während unserer Fahrt immer weiter verdunkelt und wir laufen im Nieselregen die wenigen hundert Meter zu unserer Unterkunft. Hier bleiben wir ein paar Nächte, eingebettet von gemütlichen Bars und Restaurants und mit Blick auf den Kampot River.

Eine erste Bestandsaufnahme zeigt: hier könnte man sich auch bei Regenwetter gut die Zeit vertreiben, denn es gibt zahlreiche vielversprechende Cafés, Yoga-Kurse und Spas in nächster Nähe.

Der Regen geht munter weiter und an unserem ersten Tag probieren wir uns also zuerst durch das leckere Angebot des Epic Arts Cafes, wo unter Anderem taubstumme und körperlich beeinträchtigte Menschen bedienen und kochen und schmieden anschließend Pläne für die nächsten Tage, wenn der Regen nachlässt.

Wir wollen mit dem Roller auf den Bokor Hill im nahe gelegenen Nationalpark, dessen Gipfel fast immer von hartnäckigem Nebel eingehüllt ist. Oben lockt ein halb verfallenes Casino und tolle Blicke bis zur Küste, wenn es das Wetter zulässt. Am zweiten Tag ist es soweit, der Regen hat nachgelassen und wir schwingen uns nach dem Frühstück motiviert auf den gemieteten Roller. Vorsorglich nehmen wir noch zwei Plastik-Ponchos im kleinen Supermarkt an der Ecke mit und dann geht es los in Richtung Bokor National Park.

Keine fünf Minuten vergehen, da fängt es wieder an zu schütten und wir sind trotz schnellem Überziehen der Ponchos gut durchgeweicht. Aber jetzt sind wir schon am Eingang des Parks und wollen auch unser Glück versuchen. In zahllosen Serpentinen kämpfen wir uns den Wolken entgegen den Berg hinauf. Einige andere bunte Plastiktouristen kommen uns auf Rollern entgegen, aber auf dem Weg nach oben sind außer uns bei diesem Wetter eigentlich nur Nationalparkmitarbeiter unterwegs.

Wir staunen über einen bedenklich großen Tausendfüßler, der gerade die Fahrbahn überquert und fahren kurz rechts ran, weil die Nebelschwaden immer wieder aufreißen und Blick auf das grüne Tal bis zum Meer freigeben.

Dieser kurze Fotostopp wird uns leider zum Verhängnis: zwei Serpentinen später merken wir, dass der Hinterreifen platt ist. Der Regen nimmt sich das gleich zum Anlass, wieder stärker auf uns niederzuprasseln. Wir winken den nächstbesten Rollerfahrer zu uns, ein Kambodschaner mit einer Staude Bananen und einer riesigen Machete auf dem Rücksitz. Er zuckt auf unsere Kommunikationsversuche hin nur mit den Schultern, Englisch bringt uns hier nicht weiter. Aber wir überreden ihn, einen von uns (Lisa) mit auf seinem Roller nach unten zu nehmen, damit der platte Reifen nicht zu sehr belastet wird. Vielleicht haben wir ihn auch einfach völlig überrumpelt, er packt auf jeden Fall die Bananen nach vorne und drückt Lisa die Machete in die Hand.

Unten angekommen, versuchen wir die Unterkunft anzurufen, aber ohne Erfolg. Unser Retter hat aber gleich mit ein paar Herren parat, die den Reifen in einem kleinen Unterstand reparieren können. Was dann folgt, ist eine Stunde Schrauben, Fluchen (vermutlich), Zerren und noch mehr Schrauben von Seiten des Mechanikers und seinen Helfern und höfliches Lächeln, Warten und “Daumen hoch”-Signale von unserer Seite. Dann ist es endlich geschafft, wir bedanken uns,  zahlen 10$ und können den Roller wieder zurück auf die Straße schieben.

Es nieselt nur noch leicht und wir starten einen zweiten Versuch, auf den Berg hoch zu kommen. Diesmal achten wir noch mehr auf unebenen Boden oder Risse in der Straße und passieren bald den Pannenort. Je höher wir kommen, desto stärker wird auch wieder der Regen. Es ist auch ein bisschen kälter geworden und ein heftiger Wind beschwert das Vorankommen. Irgendwann müssen wir tatsächlich wieder aufgeben und fahren, ein bisschen geknickt, unverrichteter Dinge zurück nach Kampot.

Zum Trost suchen wir uns in der Stadt “comfort food”, also Pizza. Bei Ecstatic Pizza überzeugt uns nicht nur der riesige Smiley auf dem Schild, sondern auch der super nette Besitzer und sein kleiner Sohn, mit dem wir schließlich “Servietten-Zerfitzeln” und „Speisekartenweitwurf“ spielen. Die Pizza ist auch richtig lecker und die Stromausfälle, die ungefähr alle zehn Minuten die ganze Straße lahmlegen, können der Stimmung auch keinen Abbruch tun.

Am nächsten Tag werden wir wieder vom sanften Trommeln der Regentropfen auf dem Dach nebenan geweckt. Nicht so schlimm, im schönen Café Simple Things gibt es morgens im ersten Stock eine Yogastunde und anschließend ein herrliches Frühstück. Der Wasserspiegel kommt aber schon bedenklich nahe an die Kante der Flusspromenade heran, auch die Mitarbeiter in unserer Unterkunft schütteln den Kopf. So viel Regen sei nicht normal für diese Jahreszeit. Eine kurze Internetrecherche ergibt: wir haben es hier mit den Ausläufen eines Taifuns, der gerade über die Philippinen fegt, zu tun. Unsere Chancen auf ein paar Tage am Strand in den nächsten Tagen sehen wir langsam davon schwimmen.

Am Nachmittag reißt der Himmel ein bisschen auf und wir versuchen nochmal unser Glück mit einem Roller, diesmal in Richtung einer Pfefferfarm. Sothy’s Pepper Farm liegt am Ende einer langen, roten Schotterpiste umgeben von grünen, dicht bewachsenen Hügeln. Wir werden freundlich begrüßt und gebeten, noch kurz im Restaurant zu warten, bis die nächste Führung beginnt. Dort probieren wir Pfeffertee und schauen uns um, bis sich drei andere Touristen zu uns gesellen und die Pfefferlektion losgeht.

Wir probieren weiße, schwarze, rote und eingelegte grüne Pfefferkörner und folgen dem Guide dann auf die Plantage. Wir hatten vorher keine Ahnung, wie Pfeffer eigentlich wächst und man kann es sich ähnlich wie Hopfen oder Wein vorstellen, weil die Pflanzen ca. drei Meter hoch an Holzpflöcken und Drähten gezogen werden, die in Reihen aufgestellt sind. Dazwischen sind kleine Kanäle in die Erde gegraben, damit Regenwasser besser abfließen kann und die Plantage nicht überschwemmt. Die Pfefferkörner selbst wachsen in kleinen Reben, also wie grüne Mini-Trauben.

Die Mehrzahl der hier ansässigen Farmen (>380) bauen ihren Pfeffer nach Bio-Richtlinien an, also ohne Einsatz von chemischen Düngern oder Pestiziden. Hier gibt es auch alles direkt vor der Haustür: den besten Dünger liefern Fledermäuse und um die Pfefferfelder herum werden bestimmte Kräuter und Gräser gepflanzt, deren Duft die Schädlinge fernhält.

“Kampot Pepper” ist weltweit berühmt und beliebt und darf sich, ähnlich wie Champagner in Frankreich, nur so nennen, wenn er aus dieser Region stammt. Die Pfefferkörner werden nach der Ernte getrocknet und handverlesen.

Schwarzer Pfeffer wird aus grünen, noch unreifen “Beeren” geerntet und dann getrocknet, der Weiße genau so, dann in Wasser eingeweicht und von Schale und Fruchtfleisch befreit. Roter Pfeffer ist der seltenste und damit auch wertvollste, weil er genau zum richtigen Zeitpunkt geerntet werden muss.

Wieder von der Pfefferfarm zurück auf der Hauptstraße, wollen wir noch bis in die kleine Fischerstadt Kep fahren. Wir wollen gerade einen gemütlich dahin tuckernden Transporter überholen, da verabschiedet sich mit Aufheulen des Motors unser Zahnriemen. Alles was übrig bleibt, sind schwarze Gummifetzen auf der Fahrbahn.

Ein Tag ohne Panne wäre auch zu schön gewesen! Wir schieben unter neugierigen bis mitleidigen Blicken den Roller zurück in eine kleine Ortschaft, vorbei an kleinen Reisbauernhäusern, provisorischen Verkaufsständen am Straßenrand, Wasserbüffeln und streunenden Hunden. Dort finden wir nicht gleich einen Mechaniker, aber ein hilfsbereiter Mann versteht genug Englisch, um uns in die richtige Richtung zu weisen und leiht uns sogar sein Handy aus, damit wir den Verleih anrufen können. Selbst in Kambodscha kommt es nicht so gut an, wenn man kurz vor Feierabend mit einem kaputten Roller auf der Matte steht. Aber die Leute sind wie immer sehr freundlich, bieten uns Stühle während der Wartezeit an und machen sich an die Arbeit. Der Preis ist auch schnell ausgemacht: 10$. Scheint die Universalgebühr für Rollerreparaturen von Touristen zu sein.

Am Ende kommen wir mit unserem neuen Zahnriemen ohne weitere Pannen nach Kampot und beenden den Tag mit einem Berg frisch zubereiteter Nudeln bei Ecran Homemade NoodlesAuf dem Heimweg können wir uns noch über eine kulinarische Erinnerung an die Heimat amüsieren. Als Felix den Imbissbudenbesitzer fragt, wie er denn an Nürnberger Bratwürste kommt, meint der: „die kriegen wir aus Thailand“. Ach so.

Aller guten Dinge sind auch hier drei und beim nächsten Versuch, auf den Bokor Hill zu kommen, schaffen wir es tatsächlich bis ganz nach oben auf die 1081m. Auf dem Bergkamm kommen wir zuerst an einem riesigen sitzenden Buddha vorbei, der plötzlich in einer Kurve aus den Nebelschwaden lugt.

Ein paar Kilometer weiter können wir dann die Hand vor Augen fast nicht mehr sehen. Die Straße endet schließlich in einer Sackgasse zwischen einem verfallenen Haus und einem Parkplatz, wo gerade ein spontanes, internationales Picknick stattfindet. Erst denken wir, dieses Haus ist schon das berüchtigte Casino, aber es erscheint uns doch zu klein und eine kurze Unterhaltung mit anderen Rollerfahrern ergibt, dass wir schlicht daran vorbeigefahren sind. Bei wenigen Metern Sichtweite nicht ganz überraschend.

Wir drehen um und erreichen ein paar hundert Meter weiter eine Absperrung entlang einer nassen Wiese, an der ein paar Roller parken. Wir stellen unseren dazu und laufen blindlings in den weißen Nebel auf die Wiese. Und tatsächlich, als sich die Augen an das Weiß gewöhnt haben, können wir schemenhaft die Umrisse eines großen Gebäudes ausmachen.

Erst, als wir direkt davor stehen, präsentiert sich das Geisterhaus in seinem vollen Ausmaß. Durch die Fensterhöhlen sehen wir vereinzelt Besucher die Gänge entlang huschen und hören von irgendwo her blecherne Radiomusik.

Um die Ecke finden wir einen Eingang, wo die Absperrung zur Seite geschoben wurde. “Zutritt verboten” – da hält sich aber offenbar keiner dran. Wir gelangen über glitschige, regennasse Treppen in den ersten Stock. Die Böden stehen fast komplett unter Wasser und die Geräusche der Wassertropfen, vereinzelte Rufe und Gespräche aus anderen Ecken des Gebäudes und der Nebel, lassen das Casino wie ein unheimliches Geisterhaus wirken.

Wir wollen gerade in den zweiten Stock vordringen, da scheucht uns ein Wächter aus dem Haus. Wir begnügen uns noch mit ein paar Fotos von außen und tasten uns dann durch den Nebel zu unserem Roller.

Ein paar Serpentinen weiter stoßen wir noch auf eine einsame Kirchenruine, die der Rest der anderen Entdecker wohl übersehen haben. Hier sind wir ganz alleine und es fühlt sich noch unheimlicher an.

Zurück in Kampot buchen wir für den nächsten Tag einen Bus nach Sihanoukville. Wir finden uns also wieder am Bahnhof beim Durianfrucht-Denkmal ein und steigen in einen klapprigen Kleinbus in Richtung Westen. Als wir die Stadt verlassen, liegt sogar ein leichter Duriangeruch in der Luft. Nur, dieser “Duft” verfliegt leider nicht, auch nicht, als wir die Stadt schon längst hinter uns gelassen haben.

Der Übeltäter ist schnell entlarvt: ein chinesisches Pärchen hinter uns hat eine Durian, eingewickelt in einen Pulli wie ein Burrito oder ein neugeborenes Baby, neben sich auf dem Sitz liegen. Ab sofort gibt es also einen neuen Spitzenreiter, was die schlimmsten Busfahrten auf der Reise angeht. Zum Glück dauert es nur zwei Stunden und wir werden in Sihanoukville mit strahlendem Sonnenschein begrüßt.

Von hier aus werden wir in ein paar Tagen nach Siem Reap fliegen und können nach dem Regen der letzten Tage vielleicht noch ein paar schöne Strandtage verbringen.