Nach drei Tagen in Ho Chi Minh City verabschieden wir uns von Vietnam und steigen in einen Bus, der uns über die Grenze nach Kambodscha bringt. Unsere Freunde Dan und Vicky sind auch dabei und wir verbringen die nächsten acht Stunden lesend, schlafend und essend. Der Grenzübergang funktioniert problemlos, obwohl der Guide im Bus nach dem Losfahren die Hände über dem Kopf zusammen schlägt, weil wir unser vietnamesisches Touristenvisum nicht in Papierform haben (wofür gibt es eigentlich e-Visa?). Hier fällt gleich anhand der  Grenzwache ein deutlicher architektonischer Wechsel von den eher nüchternen, vietnamesischen Gebäuden mit offiziellen Funktionen zum kambodschanischen Pendant mit ausladenden Pagodendächern und Goldverzierungen auf. 

Unser erstes Ziel in Kambodscha ist die Hauptstadt Phnom Penh. Der Bus lässt uns zentral in der Nähe des Flusses aussteigen und sofort stehen eifrige Tuktuk-Fahrer bereit, die uns zu den Unterkünften bringen wollen. In Kamboscha ist die Währung so unstabil, dass man auch mit US-amerikanischen Dollars zahlen kann, die meisten Verkäufer ziehen das sogar dem kambodschanischen Riel vor. Nach kurzer Verhandlung fährt uns jemand für fünf Dollar die zwei Kilometer zum Hostel.

Dort angekommen besichtigen wir kurz den Pool, die großen Badezimmer und die ungewöhnlich bequemen Stockbetten, bevor wir uns aufmachen, die Stadt zu erkunden. Aber da haben wir die Rechnung ohne meine Schließfachkünste gemacht. Irgendwie habe ich es geschafft, an der geräumigen Truhe, die sich unter unserem Bett befindet, das Vorhängeschloss genau so anzubringen, dass man mit dem Schlüssel nicht mehr ans Schlüsselloch herankommt. Quasi wie David Copperfield, nur ohne coolen Trick am Ende.

Meine Sachen sind natürlich alle schon drin. Kurze Panik, aber die haben bestimmt Ersatzschlüssel. Haben sie nicht.
Gut, aber es sieht so aus. als könnte man einfach an der Seite die Leiter abschrauben und dann besser ans Schloss kommen. Kann man nicht.
Ok, aber es gibt ja hunderte Video-Tutorials, wie man solche Schlösser mit Büroklammern knackt. Wir lernen: leider sind wir keine Naturtalente im Panzerknacken.

Letztendlich geben wir auf und ich muss mein Problem an der Rezeption beichten. Am nächsten Morgen können Sie jemanden zum Öffnen vorbeischicken. Das wäre schon in Ordnung, aber meine Sachen fürs Badezimmer und frische Klamotten hätte ich gerne schon vorher … kurzerhand finde ich aber eine andere Lösung: ich muss in Felix Schließfach kriechen und von dort durch die Seitenwand auf meine Seite kommen. Fehlt nur noch ein Schraubenzieher. Zum Glück haben wir ein paar gut ausgerüstete Holländerinnen im Zimmer, die mir einen Leatherman ausleihen. Nach acht gelockerten Schrauben fällt die Holzwand und ich kehre stolz und staubbedeckt mit meinem Rucksack aus der dunklen Höhle zurück ans Licht.

Obwohl uns dieses Kunststück zwei Stunden Zeit gekostet hat, schaffen wir es noch rechtzeitig zu “The Flicks 2”, einem kleinen Kinosaal in einem Hostel, der laufend internationale Filme für ca. 2 USD zeigt, dazu gibt es Drinks und Popcorn. Wir sehen “The Killing Fields” (deutscher Titel: “Schreiendes Land”), ein Spielfilm von 1984, um uns schon mal geistig auf den morgigen Tag vorzubereiten. Der Film erzählt die wahre Geschichte einer Freundschaft zwischen einem amerikanischen Reporter und seinem kambodschanischen Übersetzer, als direkt im Anschluss an den Vietnamkrieg, in dem auch weite Teile Kambodschas von amerikanischen Bomben angegriffen wurden, die Rote Khmer die Macht über das Land ergriff.

Die Tuktukfahrer in Pnomh Penh bieten eigentlich immer das gleiche Tagesprogramm an: erst das Genozidmuseum Tuong Sleng und danach die Killing Fields Choeung Ek außerhalb der Stadt. Es ist gut, dass wir am Tag davor mit dem Vorhängeschloss noch etwas zu lachen hatten, denn heute steht die grausame und junge Geschichte der Roten Khmer in Kambodscha auf der Tagesordnung. Wir engagieren einen netten Fahrer, holen Dan und Vicky bei ihrem Hotel ab und stehen nach halbstündiger Fahrt durch die Stadt vor einem alten Schulhaus, S21. Der Eintritt kostet fünf Dollar, der Audioguide drei und kurze Zeit später stehen wir verstöpselt und verkabelt im großen Innenhof. Obwohl draußen vor den Schulhofmauern die Tuktuks und Roller knattern und das Leben der Händler und Touristen seinen ganz normalen, lautstarken Gang geht, liegt über diesen Gebäuden eine bedrückende Stille.

1975 zwang die Rote Khmer unter Pol Pot nach zwei Tagen, in denen sie sich als Befreier und Friedensbotschafter des kambodschanischen Volkes feiern ließen, alle Bewohner aus den Städten und vor allem Angehörige der Bourgeoisie, Intellektuelle und Gebildete wie Ärzte, Lehrer und Studenten wurden zur Zwangsarbeit aufs Land oder in improvisierte Gefängnisse geschickt. S21 war eine regelrechte Folterfabrik und über die Jahre wurden hier um die 14.000 Menschen ausgefragt, gequält und schließlich zu den berüchtigten Killing Fields abtransportiert. Die Befragungen waren reine Formsache, am Ende wurde jeder Gefangene so lange und grausam gefoltert, bis er oder sie sich zu den Verschwörungs- oder Spionagevorwürfen bekannte. Dann gab es ein schriftliches Geständnis, sorgfältig auf Schreibmaschine abgetippt.

Überhaupt ist die ausführliche Dokumentation in diesem Museum mittels Fotografien und Dokumenten bemerkenswert. Auf der Flucht vor der vietnamesischen Armee hatten die Gefängniswärter es nicht mehr geschafft, das ganze Material zu vernichten und so kann man hier heute hunderte Fotografien der Insassen und Wärter, Briefe und Gemälde betrachten. Und wo es keine Fotos gibt, sprechen die Gebäude Bände: Metallpritschen, Fußfesseln, enge Holzverschläge, in denen die Gefangenen sich nicht mal drehen konnten, eingetrocknete Blutflecken auf dem Steinboden. Die Audiotour führt uns über fast zwei Stunden durch die einzelnen Gebäude und wir erfahren von unglaublichen Gräueltaten, heimlichen Liebesgeschichten und fanatischen Regimemitgliedern.

Im Hof spenden ausladende Bäume Schatten und werfen vereinzelt gelbe Frangipani-Blüten auf den Boden ab, die so gar nicht zu dieser trostlosen Kulisse aus Stacheldraht- und Beton passen wollen.

Unser Fahrer hat geduldig vor dem Tor auf uns gewartet und nach einer kurzen Wasser- und Snackpause kutschiert er uns raus aus der Stadt zu den Killing Fields von Choeung Ek. Ein weitläufiges, eingezäuntes Gelände erwartet uns hier, 15 km vor der Stadt und umgeben von Reisfeldern. Hier nehmen wir auch wieder einen Audioguide und wollen gerade los, als es stark zu regnen beginnt. Ein sehr passendes Willkommen an diesem traurigen Ort.

Der Weg vom hohen Eingangstor führt auf eine große, frei stehende Stupa mit prächtigem Pagodendach zu, in der weiße Vorhänge an der Vorderseite die Sicht auf den Inhalt versperren. Hier gibt uns der Audioguide eine kurze Einleitung: Choeung Ek, früher ein friedliches Dorf mit florierender Obstplantage, noch früher ein chinesischer Friedhof, wurde von der Roten Khmer zum Vernichtungslager umfunktioniert, wo die vermeintlichen “Feinde” des Regimes, also Städter, Intellektuelle und Bürgerliche, aber auch Menschen mit vietnamesischer Herkunft oder Angehörige der Cham-Minderheit, hingerichtet wurden. Nachdem ihnen in Gefängnissen wie S21 “Geständnisse” entlockt worden waren, wurden sie zum Beispiel hier her gebracht und nach kurzer Wartezeit direkt über den Massengräbern getötet. Über 100 solcher Gräber wurden hier 1980, über das ganze Gelände verteilt, gefunden. An den Geländern und Bäumen haben Besucher über die Jahre bunte Bänder zum Gedenken an die vielen Toten angebracht. Der Audioguide führt uns gegen den Uhrzeigersinn rund ums Gelände und an jeder kleinen Tafel mit einer Nummer gibt es eine weitere unglaubliche Geschichte zu hören. Es gibt Interviews mit Zeitzeugen, Überlebenden und sogar Ausschnitte aus den internationalen Gerichtsprozessen gegen die damalige Führungsebene der Roten Khmer, die erst 30 Jahre später aufgenommen wurden.

Der Rundgang endet schließlich vor der Stupa und von der Seite sehen wir nun, dass in dem hohen Turm mit Glasfassade tausende menschliche Schädel über mehrere Stockwerke in Glaskästen aufbewahrt sind. Vor den Stufen zum Eingang zieht man wie bei einem Tempel die Schuhe aus und kann wahlweise ein Räucherstäbchen anzünden oder Blumen niederlegen. Beim Betreten der Stupa stockt einem gleich aus zwei Gründen der Atem: es gibt nur einen sehr schmalen Durchgang zwischen den Glaskästen und der Wand und dann sieht man nichts als Knochen und Schädel, wenn man nach oben blickt, bis man sie ganz oben in der Dunkelheit des Daches fast nicht mehr ausmachen kann. Die Schilderungen der Brutalität und des Grauens aus S21 und Cheung Ek übersteigen unser Vorstellungsvermögen, selbst, wenn man schon mal in Auschwitz oder Buchenwald gewesen ist. Die Geschichte ist noch so gegenwärtig, wurde doch gut ein Viertel der kambodschanischen Bevölkerung vor nicht mal 40 Jahren einfach ausgerottet. Wir sind alle ganz still und nachdenklich, als unser Fahrer uns zurück in die lebendige Hauptstadt fährt.

An unserem letzten Tag in Phnom Penh schlendern wir noch ein bisschen durch die Stadt, müssen uns immer noch von der Geschichtslektion erholen und wie kann man uns am besten ablenken? Genau, mit gutem Essen. Nach einem späten Bagel-Frühstück steuern wir den Royal Palace an, dessen golden verzierte Pagoden im starken Kontrast zu den grauen Steinhäusern der Innenstadt stehen.

Leider erwischen wir den Palast genau in der Mittagspause, aber so schlendern wir einfach ein bisschen über das Gelände, sehen hier und da einen orange gekleideten Mönch in einen Tempeleingang huschen und freuen uns über die Temperaturen, die vom letzten Regenschauer deutlich heruntergekühlt wurden.

Im ARTillery Cafe finden wir ein paar Straßen weiter eine kleine Oase mit leckeren vegetarischen Gerichten, schöner Musik und frischem Kokoseis und treffen danach Dan in der amerikanisch anmutenden Craftbeer-Bar Hops Brewery im Diplomatenviertel. Nach ein paar Runden Billard müssen wir uns aber diesmal richtig verabschieden, denn während Vicky und Dan noch unschlüssig sind, wie sie die weitere Zeit in Kambodscha verteilen, geht es für uns am nächsten Tag schon früh mit dem Bus in Richtung Südosten. Dorthin, wo der Pfeffer wächst …