Nach der schönen Küstenstadt Hoi An zieht es uns nach Da Lat im hügeligen Inland. Dazu müssen wir noch einmal eine schlaflose Nachtbusfahrt nach Nha Trang über uns ergehen lassen und danach noch vier Stunden mit einem Minibus die kurvigen Straßen nach Da Lat bewältigen. Die Nachtbusse hier in Vietnam werden wir sicher nicht vermissen, aber laut Berichten von anderen Reisenden sieht es in Kambodscha und Laos damit nicht viel rosiger aus. Da Lat haben wir wegen zwei Faktoren ausgewählt: Canyoning und „Mr Rot’s Secret Tour. Ersteres hat uns vor zwei Jahren in Indien so gut gefallen, dass wir es wieder machen wollen und das Umland bietet mit seinen zahlreichen Wasserfällen und Schluchten die perfekte Kulisse. Zweiteres ist eine ominöse Tour, von der wir durch andere Backpacker und Reiseblogs erfahren haben. Wie der Name schon verrät, ist das Ziel und der Inhalt der Tour streng geheim und wir freuen uns schon lange darauf. Außerdem können wir eine Abkühlung nach der ständigen Hitze der letzten Wochen gebrauchen und die Stadt ist auf einer Höhe von 1.500m immer ein paar Grad kühler.

Als wir uns der Stadt nähern, fallen uns die vielen Gewächshäuser und folienüberzogenen Felder auf. Da Lat ist nämlich bekannt für Gemüseanbau und Blumenzucht. Die Stadt macht auf den ersten Blick einen unscheinbaren Eindruck. Viel Verkehr, hügelige Straßenzüge und graues Nieselregenwetter. Wir checken also erst mal im Homestay ein und verschaffen uns dann einen Überblick über die Freizeitangebote. Die Secret Tour für den nächsten Tag ist schnell am Telefon reserviert aber das Wetter bleibt schlecht, also ist Canyoning erst mal raus. Felix geht es den ganzen Tag schon nicht besonders gut und er entspannt ein bisschen, während Lisa die Stadt erkundet. Den Tag beenden wir mit einem Dinner mit Victoria und Dan. Am nächsten Tag ist Felix Zustand leider nicht viel besser und er bleibt zurück und Lisa geht alleine auf die geheime Tour.

Da mein Haus- und Hoffotograf nicht zur Stelle ist, gibt es nur ein paar iPhone Fotos und ich möchte auch nicht zu viel verraten, den spannenden Teil der Tour sollte jeder für sich selbst entdecken. Wir sind zu zehnt und werden mit einem Kleinbus aus der Stadt ins Hinterland gefahren. Die Tour beginnt, für alle mutigen Nichtvegetarier, mit einem ehemals zirpenden Snack, begleitet von dem bereits bekannten Reiswein (“Happy Water”). Um 10:00 Uhr morgens kann man das schon mal machen.

Weiter geht es zu einem geschäftigen Obst- und Gemüsemarkt in einem größeren Dorf, wo wir uns um den niedrigen Holztisch einer alten Dame versammeln, um vietnamesische Desserts zu probieren. Der Tourguide (Mr. Rots Cousin) erklärt uns auch, was es mit den vielen Papier-Versionen von Klamotten, Autos oder Bündeln falscher Geldscheine auf sich hat, die viele Stände hier verkaufen, und die mir schon auf anderen Märkten aufgefallen sind.

Der Ahnenkult spielt in Vietnam eine große Rolle und so werden symbolisch am Todestag für die Vorfahren alle materiellen Gegenstände in Papierform verbrannt, die ihnen vielleicht im Ahnenreich nutzvoll sein könnten. Man kann auch fertige Pakete mit Outfits vom Blazer bis zu den Socken, Uhren und kleinen Smartphones aus Papier kaufen.

Nächste Station ist eine Seidenfabrik, wo wir den gesamten Prozess der Textilherstellung, vom Seidenwurm in seinem Kokon bis zum fein gesponnenen Garn kennenlernen.

Vom Markt haben wir uns eine riesige Ladung Obst mitgenommen und bekommen nach dem Mittagessen in einem buddhistischen Kloster quasi eine Lektion in asiatischen Früchten, bevor endlich der charismatische Mr. Rot auftaucht.

Er entschuldigt sich vielmals, er musste noch für seinen Auftritt heute Abend proben. Der gute Mann führt ein Hostel, singt zweimal die Woche in einer Hotel-Bar und ist Haar-Stylist, was er gleich an den Köpfen aller anwesenden Tourteilnehmerinnen unter Beweis stellen will.

Aufgewachsen in einem kleinen Dorf in den Bergen um Da Lat, bekam er als Kind ein Stipendium und durfte in der Stadt zur Schule gehen. So spricht er sowohl Vietnamesisch als auch die lokalen Dialekte der ethnischen Minderheit K’Ho und kümmert sich viel um die Erhaltung und Wertschätzung der verschiedenen Kulturen in der Region. Der beste Teil unserer Tour steht uns noch bevor, aber das bleibt hier, dem Namen entsprechend, geheim …

Ich kann die Tour wirklich empfehlen, wobei sie bestimmt jedes Mal ein wenig anders abläuft. Zuerst deckt man in der Gruppe ein paar touristische Highlights um Da Lat ab, dann wird es immer kurioser und persönlicher. Ich hatte eine tolle Zeit und erzähle gerne jedem, der mich persönlich fragt, mehr davon.

Am frühen Abend kehren wir in die Stadt zurück. Felix geht es inzwischen wieder besser und nach einem leckeren Abendessen im vegetarischen Restaurant, treffen wir einige Tourteilnehmer wieder und brechen mit ihnen zum angekündigten Auftritt von Mr. Rot auf. Uns erwartet eine seltsame Karaoke Mischung in einer Hotelbar auf sehr professionellem Niveau, die bis auf uns Touristen sehr dürftig besucht ist und sehr brav pünktlich um 22.30 Uhr beendet wird.

Mr. Rot zeigt uns anschließend noch die berühmte 100 Roofs Bar. Am Eingang kauft man seinen Drink und verliert sich dann in dem skurrilen Labyrinth aus dunklen Nischen und schmalen, steilen Treppenaufgängen, die garantiert jedem Besucher, der mehr getrunken hat, lebensgefährlich werden könnten.

Ho Chi Minh City

Am nächsten Morgen geht es für uns in den Bus nach Ho Chi Minh City und pünktlich zu unserer Abfahrt aus Da Lat lässt sich endlich die Sonne blicken. Zu spät, wir ziehen weiter!

Knapp fünf Stunden später stehen wir also in der größten Stadt Vietnams. Heiß ist es, und die hellen, hohen Gebäude rundherum blenden uns, als wir uns den Weg zu unserem Hotel bahnen. Zentral im Viertel Pham Ngu Lao gelegen, haben wir die perfekte Ausgangslage, um trotz der Temperaturen überall gut zu Fuß hinzukommen.

Wir staunen über die Massen an Rollern und die vielen kreativen Transportarten für Glastüren, Möbel oder riesige Echsen (wir waren so perplex, den Waran auf dem Roller zu sehen, das wir leider kein Foto gemacht haben). Ho Chi Minh City ist verkehrstechnisch wirklich noch einmal eine ganz andere Nummer als Hanoi.

Die Mischung aus Tradition und Moderne fällt an jeder Straßenecke auf, wo fahrbare Essensstände vor schicken Restaurants stehen und Geschäftsmänner im Anzug auf Verkäufer mit Kegelhut treffen.

Auf unserer Entdeckungstour kommen wir an großen Sehenswürdigkeiten, wie dem Ben Than Markt, der Notre Dame Kathedrale, dem Rathaus und der Oper vorbei.

Dabei entgehen uns aber auch kleinere Kuriositäten, nette Läden und coole Cafés nicht. So landen wir für einen nachmittäglichen Koffeinkick bei The Workshop. Wer Kaffee(brau)kultur ernst nimmt, ist hier sehr gut aufgehoben.

Das Eindrucksvollste, das wir in Ho Chi Minh City allerdings besuchen, ist das Kriegsmuseum. Wie wir ja schon in Hanoi berichtet haben, wussten wir vorher eigentlich nicht so richtig über den Vietnam-Krieg, oder “American War”, wie er hierzulande heißt, Bescheid. Ursprünglich hieß das Museum bei seiner Gründung 1975 “Haus zur Darstellung der Kriegsverbrechen Amerikas und der Marionettenregierung” und wurde dann zum “Museum der Amerikanischen Kriegsverbrechen” umbenannt. Heute heißt es schlicht “War Remnants Museum”, also frei übersetzt “Kriegsreste-Museum”.

Schon beim Betreten des Vorplatzes stellt sich ein beklemmendes Gefühl ein. Die ersten “Reste”, die uns hier begegnen, sind Panzer, Hubschrauber, und Bomber-Flugzeuge in allen Größen. In der Eingangshalle findet man eine Galerie der Solidaritätsbekundungen anderer Länder mit Vietnam zu Kriegszeiten. Auf den höheren Stockwerken gibt es verschiedene Foto- und Artefaktausstellungen, die Besuchern den Verlauf und Ausmaß des Kriegs veranschaulichen. Scheinbar wurde schon öfter der Vorwurf laut, das Museum beleuchte den Krieg sehr einseitig. Allerdings kann man nicht leugnen, dass hier die Brutalität des Kriegs mehr als anschaulich dargestellt wird und einen Eindruck hinterlässt, der uns auch den restlichen Tag kaum verlässt. Die Dokumentation von Massakern wie My Lai, Napalmbomben oder der verheerenden Auswirkungen des Entlaubungsmittels Agent Orange ist sicher nichts für schwache Nerven und wir wundern uns über einige Familien mit jüngeren Kindern oder Touristen, die Selfies vor Granatenwerfern und Streubomben machen. 

Victoria und Dan, die wir auch hier in Ho Chi Minh City wieder getroffen haben, machen sich noch zu den Cu Chi Tunneln außerhalb von der Stadt auf, wo Besucher das Tunnelnetzwerk der Vietcong besichtigen und auf Wunsch und gegen Bares ein Maschinengewehr abfeuern können. Wir verzichten lieber auf dieses makabre Schauspiel und schlendern noch ein letztes Mal durch die Stadt, bevor wir am nächsten Tag alle gemeinsam nach Kambodscha aufbrechen.

Vegetarisches Vietnam:

Wir haben in Ho Chi Minh City zwei wahnsinnig tolle vegetarische/vegane Restaurants gefunden, die wir an dieser Stelle empfehlen wollen:

  • Bong Sung
    Tolles Ambiente und kreative, vegetarische Küche und leckere Säfte und Limonaden.