Von der wilden Höhlenlandschaft Phong Nhas geht es für uns als nächstes nach Hué. Von 1802 bis 1945 die Hauptstadt Vietnams und ziemlich genau in der Mitte des Landes an der Küste liegend. Weil unser Bus verspätet ankommt, haben wir leider nur einen halben Tag dort Zeit um das (touristisch) Wichtigste zu sehen. Unsere englischen Freunden Vicky und Dan hatten uns Beebee Travel empfohlen, die jeden Tag eine geführte Touren durchs Stadtzentrum und durch die Zitadelle von Hué anbieten. Wir beeilen uns, am frühen Nachmittag zum Treffpunkt zu kommen und warten vor einem Café auf den Guide und andere Touristen.

Aber die Zeit vergeht, niemand kommt und irgendwann bietet uns eine freundliche Frau aus dem Café ihre Hilfe und ihr Handy an. Beim Anruf bei Beebee stellt sich heraus: die Gruppe ist schon ohne uns weg, aber wenn wir noch kurz warten, schicken sie uns einen anderen Guide, der dann die Tour mit uns für den gleichen Preis (200.000 VTD, ca. 8€) macht. Was für ein Service! Nach einem süßen vietnamesischen Eiskaffee bekommen wir also eine private Tour durch die Zitadelle und die Verbotene Stadt.

Gemeinsam mit unserem Guide Trung marschieren wir los und stehen bald zwischen der hohen Mauer, die die Zitadelle umgibt, und dem dreistöckigen Flaggenturm. Die drei Stufen repräsentieren das Volk, die Erde und den Himmel. Trung hält für uns immer wieder kleine Quizfragen bereit, die wir aber meistens nicht beantworten können.

Wir betreten die Festung durch den Haupteingang und bekommen bei der großen Pagode, in der die Kaiser ihre Audienzen hielten, gleich die nächsten Lektionen erteilt. Drachen stehen in der asiatischen Kultur für Wasser, nicht wie bei uns für Feuer. Ein Kylin ist ein Drachenhund und steht für Wohlwollen. Anhand der Krallen-Zahl der Drachen auf Vasen, an Gebäudedekorationen und Statuen kann man erkennen, ob sie symbolisch einem König (5), einer Person hohen Ranges (4) oder einem ganz normalen Bürger (3) zugehörig sind.

Alle Gebäude, die Straßen innerhalb der Festung, Blumenbeete, Pagoden und Seen sind nach dem Feng Shui Prinzip ausgerichtet, damit die Energie richtig fließen kann. Meist findet man in einer Mauer drei Tore direkt nebeneinander, die von links nach rechts Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft repräsentieren. In der Grand Queen Mother’s Residence kommen wir wieder an zahlreichen kleinen Wassergräben und Teichen mit weißen und rosa Lotusblumen vorbei.

Ehrlich gesagt können wir uns keine der Namen oder Jahreszahlen merken, die uns Trung mitgibt, aber soviel bleibt hängen: Die Zitadelle beherbergte von 1802 bis 1945 alle vietnamesischen Kaiser der Nguyen Dynastie, wurde nach dem Vorbild der Verbotenen Stadt in Peking gebaut und ist UNESCO-Weltkulturerbe.

Weil die Zitadelle von Hué kulturell und historisch so wichtig ist, verschonten die Amerikaner sie die längste Zeit im Vietnamkrieg, aber nach der Tet-Offensive 1968 kam die Festung leider doch zu Schaden und bis heute wird an vielen verschiedenen Stellen restauriert. Trung führt uns in eine Andachtshalle, wo jedem der 12 Kaiser ein Schrein gewidmet ist und erzählt uns hinter vorgehaltener Hand die Skandale und Geheimnisse des Kaiserhofs. “Game of Thrones”, Vietnam-Edition.

Am Ende der Tour, als wir gerade in einem wunderschönen Garten mit exotischen Blumen und Bäumen stehen, fragt uns Trung, was unserer Meinung nach ein langes und erfülltes Leben ausmacht. Gute Beziehungen? Gutes Essen? Da sind wir gar nicht so weit davon entfernt. Das “longevity” Symbol finden wir hier in der Zitadelle überall wieder und Wissen, Passion, Partnerschaft, Moderation und Balance werden als Hauptbestandteile angesehen.

Über den Perfume River, der so genannt wird, weil früher im Herbst die Blüten aus den Obstgärten flussaufwärts ins Wasser fielen und dem Fluss so ein blumiges Aroma geschenkt haben (heute ist das aufgrund der vielen Abgase in der Stadt sicher nicht mehr wahrnehmbar), machen wir uns auf den Weg zurück in die Innenstadt. In einem Restaurant, das uns von Trung empfohlen wurde, testet sich Felix durch die (vegetarierunfreundlichen) Spezialitäten Hués, wie milchige, kleine Reispfannkuchen mit Shrimps, knusprige Frühlingsrollen und Fleischspieße auf Zitronengras. Völlig überraschend erklärt der Chef Felix in bestem Deutsch, dass man die Rollen erst in Salatblätter einwickeln muss, bevor man sie “dippt”.

Und wir hatten uns immer über den unnötig großen Berg trockener Salatblätter am Tellerrand gewundert. Aber nichts kann Felix neue Lieblingssuppe Bun Bo Hué toppen, die er am Mittag vor der Tour in einem kleinen Familienrestaurant probiert hat. Diese leicht scharfe Suppe mit Rindfleisch ist eine Spezialität der Stadt und wird mit Vermicelli Nudeln und jeder Menge Gemüse und Kräutern serviert.

Zum Abschluss in Hué spazieren wir bei Dunkelheit noch am Fluss entlang, stoßen auf einen Park mit kitschigen Liebes-Skulpturen und bewundern die bunt beleuchtete Truong Tien Bridge und die Dinner-Boote, deren glitzernde Lichter im Wasser reflektieren.

Hai Van-Pass Motorbike Tour

Bis jetzt waren dank des Open-Bus-Tickets Busse in Vietnam unser bevorzugtes, wenn auch nicht gerade beliebtestes Transportmittel. Zeit, mal was Neues auszuprobieren und zum nächsten Ziel auf zwei Rädern zu gelangen! Dafür haben wir bei Le Family Riders eine Motorbike Tour von Hué bis nach Hoi An gebucht. Die Strecke eignet sich besonders gut dafür, weil es entlang der Küste und über den Hai Van Pass (Wolkenpass) geht.

Früh morgens werden wir von zwei freundlichen Männern auf dem Motorrad abgeholt, unser Gepäck wird von der Mutter der Chefin nach Hoi An gefahren. Wir treffen den Rest der Gruppe in einer ruhigen Seitenstraße und erhalten unsere Ausrüstung und eine kurze Sicherheitseinweisung.

Neben Helmen gehören dabei zu unserem großen Unbehagen auch kratzige Knie- und Ellenbogenschoner, Handschuhe und eine Weste in leuchtendem Orange. Understatement kommt eben nie aus der Mode.

Der Rest der Gruppe besteht aus Amerikanern, Engländern und Australiern und ganz gemischt fahren einige selbst oder auf den Rücksitzen der Le Family Riders. Wir nehmen unseren 125er Roller in Augenschein und steigen auf – los geht’s, leider erst mal direkt auf den langweiligen Highway, der aus der Stadt herausführt.

Nach wenig Fahrtzeit machen wir schon die erste Pause in einem kleinen Imbiss am Straßenrand mit kühlen Getränken und süßen kleinen Hunden, danach geht es weiter auf die staubige Hauptstraße.

Es geht weiter über holprige Sandwege und mehrere Kurven bergauf, zur Elephant Spring, einem Wasserfall und lokaler Touristenattraktion. Hier kann man sich in den breiten Becken, die das Wasser aus dem Stein gehöhlt hat, erfrischen und in unzähligen kleinen Holzhüttchen daneben entspannen, essen und trinken.

Die Le Family Riders nehmen unsere Entspannung anscheinend sehr ernst, denn sie helfen uns wieder aus den Schonern, zeigen uns die beste Stelle, um sicher über die rutschigen Steine in das Becken zu kommen und werfen uns kalte Bierdosen zu, sobald einer auf die Frage, ob wir Durst haben, Ja antwortet.

Aber lange entspannen können wir nicht, wir haben ja noch so viel vor! Zuerst steuern wir einen riesigen See an, wo uns in einem Restaurant auf Stelzen ein riesiges Festmahl erwartet. Hier sind wir dem Hai Van Pass schon sehr nahe und beobachten, wie immer mehr weiße Wolken die Sicht auf die Bergkette abschirmen.

Aber als wir endlich auf die Passstraße fahren, gibt die Sonne alles und wir genießen die Aussicht über das türkisblaue Meer.
So sehr es dem Motorradherz auch weh tut, wir müssen in Kolonne fahren und werden manchmal in den herrlichen Serpentinen ganz schön ausgebremst.

Felix weint deswegen ein bisschen, aber hauptsächlich genießen wir den Fahrtwind, das Knattern der Motoren und den tollen Blick über die Küste. Die Farben strahlen um die Wette und wir freuen uns, dass wir dieses schöne Stück Strecke nicht im Bus oder Zug eingesperrt verbringen. Als wir schließlich oben auf dem Pass den Schlüssel aus der Zündung ziehen, sind gleich wieder die netten Family Riders zur Stelle, die uns aus den Knie- und Ellenbogenschonern schälen. Langsam haben wir uns an dieses etwas peinliche Ritual gewöhnt. Auf dem höchsten Punkt des Wolkenpasses gibt es natürlich zahlreiche Cafes und Souvenir-Shops, aber auch ein paar Ruinen, von denen aus man den besten Panoramablick hat.

Ein asiatisches Brautpaar hat es mithilfe vieler Fotoassistenten und einer mitgebrachten Leiter auf ein rundes Baufundament geschafft und lässt sich dort fürs Hochzeitsalbum ablichten.

Nach Norden blicken wir auf Küste und das grüne Vorland von Hue, nach Süden auf die große und moderne Stadt Da Nang. Wir wussten zwar, dass zwischen Hue und Hoi An noch eine Stadt liegt, aber dieser Anblick auf vorwiegend weiße Hochhäuser kommt nach dem hübschen Pass trotzdem unerwartet.

Anscheinend investieren hier vor allem viele Chinesen und es wird ein Luxushotel nach dem anderen hingebaut. Aber bei dem strahlend blauen Meer kein Wunder, dass es ein beliebter Urlaubsort ist.

Bergab geht es wieder (viel zu langsam für unseren Geschmack) in Serpentinen, bis wir schließlich durch Da Nang fahren, was uns an Surfers Paradise in Australien erinnert. Das nächste Etappenziel heißt Marble Mountains und wie es der Name verspricht, weisen uns die unzähligen Marmorskulpturen vor den Läden den Weg. Die Marble Mountains sind fünf hohe bewaldete Marmor- und Kalksteinfelsen außerhalb der Stadt und unweit der breiten Sandküste.

Unsere Guides drücken uns Karten vom Gelände in die Hand und zeigen uns den Treffpunkt für 18:00 Uhr, inzwischen ist es später Nachmittag. Wir weisen die Family Riders darauf hin, dass unser Tank fast leer ist, aber die lachen nur. Gut, wir hatten auch schon Roller, bei denen die Anzeige nicht funktioniert hat.
Im gläsernen Aufzug geht es nach oben und wir strömen aus, die verschiedenen Tempelanlagen auf und in den
Marble Mountains zu erkunden.

Die Bäume scheinen den Lärm der Stadt und der Straßen zu dämpfen und so herrscht hier oben eine angenehme Ruhe. Wir kommen an vielen kleinen Tempeln und Statuen vorbei, spitzen hier und da in ein paar Höhlen hinein.

Am Ende einer dunklen Höhle finden wir eine schmale Felsspalte und zwängen uns nach oben dem Licht entgegen. So entdecken wir einen tollen Aussichtspunkt, von dem man aus Da Nang und das umliegende Land perfekt betrachten kann.

Die größte Überraschung finden wir nach kurzem Treppenworkout im größten Tempel, komplett mit schummriger Beleuchtung, die einen sofort an “Indiana Jones” denken lässt. Um mehrere Ecken laufen wir immer tiefer in die Katakomben hinein, bis sich der schmale Gang plötzlich öffnet und wir in einer Höhle, so groß wie ein Kirchenschiff, stehen.

Ein großer Buddha wacht über den Tempel und links und rechts ducken sich kleine Altarhäuschen an die Höhlenwand. Ein paar Vietnamesen beten und stellen kleine Opfergaben ab, während wir uns staunend umsehen. Es ist spät geworden und wir müssen am Ende die 156 Stufen nach unten im Laufschritt absolvieren.

Als die ganze Gruppe wieder startklar auf ihren Rollern und Motorrädern sitzt, bringen wir nochmal unsere Vermutung über den Tank an. „Kein Problem“, wird abgewunken, nur noch eine halbe Stunde bis Hoi An. Die Gruppe setzt sich wieder in Bewegung. Als wir gerade mal fünf Minuten fahren, öffnet der Himmel seine Schleusen und lässt die Wassermassen auf uns los. Die Guides haben schnell am Straßenrand Regencapes und Plastiktüten ausgeteilt, aber die meisten sind bereits komplett durchgeweicht. Langsam und vorsichtig manövrieren wir den Roller durch bereits knöchelhohe Pfützen im geschäftigen Feierabendverkehr. Und dann kommt es, wie es kommen muss, unser Roller mag nicht mehr. Wir rollen langsam aus und sehen uns nach einem unserer hilfsbereiten Rider um, der auch sofort zur Stelle ist. Er weist uns an, den Lenker ruhig zu halten und sonst nichts zu machen und dann stellt er seinen linken Fuß rechts hinten auf den Auspuff, gibt bei seinem Motorrad Gas und schiebt uns mit entspannten 20km/h ruhig durch den Dauerregen vor sich her. Vietnamesischer Abschleppdienst – oder eher Anschubdienst!

Zwanzig Minuten und viele Pfützen später erreichen wir schließlich Hoi An und die Gruppe wundert sich etwas über unser verspätetes Ankommen. Aber viel verpasst haben wir nicht, denn der Endpunkt der Tour ist die Schneiderei eines Familienmitglieds der Le Family Riders und viele der Teilnehmer sind schon am Stoffe begutachten oder Kataloge wälzen. Auch uns bietet man einen massgeschneiderten Anzug oder ein perfekt sitzendes Kleid an, denn Hoi An ist bekannt für seine vielen Schneider, die alles perfekt auf Maß anfertigen können. Aber wir wollen ja eher unsere Garderobe zu Hause reduzieren und in unsere 40-Liter-Rucksäcke passt auch kaum mehr was rein, also bedanken wir uns freundlich und warten geduldig aufs Taxi zu unserer Unterkunft. Für die nächsten vier Tage versuchen wir also uns keinen Anzug aufschwatzen zu lassen und nehmen uns Hoi An mit seiner UNESCO-gekürten Altstadt vor.