Beim Frühstück sitzen wir vor einem großen Bild, auf dem eine Höhle abgebildet ist – im unteren Drittel kleine schwarze Punkte, die sich bei näherer Betrachtung als Personen herausstellen. Wir haben bereits gehört, dass sich in der Nähe von Phong Nha auch die größte Höhle der Welt – Son Doong – befindet, aber eine kurze Recherche ergibt, dass zum Einen Touren in die Höhle mit 3000 Dollar zu Buche schlagen und zum Anderen der Anbieter über ein Jahr im Voraus ausgebucht ist.

Lisa ist von Höhlen irgendwie nicht so beeindruckt, aber ich krieg dieses Bild nicht mehr aus dem Kopf. Ich spreche also ein weiteres Mal mit dem hilfreichen Team vom Easy Tiger Hostel und siehe da, man kann auch Touren in die zumindest drittgrößte Höhle Hang En machen (die zweitgrößte Höhle, der sog. Deer Cave befindet sich in Malaysia), zwei Tage Dschungeltrekking inkl. Schlafen in der Höhle für nur(!) 290$. Ich schlafe noch eine weitere Nacht drüber und buche am nächsten Tag einen Platz beim Tourenanbieter Oxalis. Die Plätze fürs Höhlencamp sind leider schon weg, aber das Dschungelcamp tuts auch – wer hätte gedacht, dass ich da auch mal mitmache.

Ich werde pünktlich um 08:30 Uhr mit dem klimatisierten Minibus vom Hostel abgeholt und treffe meine vier anderen Mitstreiter. Michelle und Robert aus den USA, Shauna und Anthony aus Irland und ich werden also in die drittgrößte Höhle der Welt steigen. Wir alle sind super aufgeregt, aber erstmal muss das Sicherheitsbriefing absolviert werden.

Klassisches Prozedere, aber das Oxalis-Team ist professionell und die Guides unglaublich freundlich, wie ich es selten bei Tourenanbietern erlebt habe. Das ganze dauert inklusive Umpacken (die Porter tragen unsere Klamotten ins Camp – nett!) eine Stunde und nach einer weiteren Stunde Fahrt in den Nationalpark, halten wir in einer Kurve und schlagen uns über einen kleinen Trampelpfad ins Gebüsch.

Während dem Abstieg ins Tal erzählt unser Guide King interessante Fakten über den Phong Nha-Ke Bang Nationalpark, wie etwa, dass das perfekte Zusammenspiel aus Temperatur, Niederschlag und Gesteinsformationen die Höhlenbildung fördert und sie somit über 1000 Höhlen im Nationalpark zählen können.

Im Tal wandern wir entlang und durch zahlreiche Flüsse, bis zu unserem wohlverdienten Lunch, mit leckeren Do-It-yourself Reispapierrollen und weiteren spannenden Geschichten vom Guide.

Zwischenzeitlich halten wir an einer kleinen Wasserstelle, wo wir von einer Herde Kühe aus dem Nachbardorf neugierig beäugt werden. Und dann geht es weiter durch mehrere Flüsse und ich gebe es auf, die angekündigten “über 50 Flussdurchkreuzungen” mitzuzählen – an die nassen Schuhe habe ich mich mittlerweile gewöhnt.

Gegen 14 Uhr kommen wir im Camp an und bekommen Helm und Stirnlampe ausgeteilt. Nach kurzer Kaffeepause geht es für uns in die erste Höhle, Hang Lanh auch Cold Cave genannt.

Genannt wird die Höhle deswegen so, weil – wer hätte es gedacht – sie angenehm kühl ist und ein kalter Fluss durchfließt, dessen Wasser den langen Weg aus Laos auf sich genommen hat. Jedesmal wenn wir durch eine schmale Stelle müssen, hört man jeden einzelnen der Gruppe vor Erfrischung jauchzen – das Wasser ist wirklich ar***kalt!

Wir machen immer wieder ein paar Fotos und King ist ganz begeistert von meinem Gorillapodstativ, das natürlich mehr als hilfreich bei der Langzeitbelichtung ist (stockdunkle Höhle + Stirnlampen + 30 Sekunden leuchten), die Kamera nicht auf dem glitschigen Stein balancieren zu müssen.

Nach einem Kilometer ist dann Schluss und wir drehen um, Zeit fürs Abendessen, das schon für uns bereit steht. Am Abend spielen wir dann noch eine Art “Wer-Bin-Ich”, bevor wir voller Vorfreude auf den nächsten Tag in unsere Zelte kriechen.

Pünktlich um 08:00 Uhr, nach einem guten Frühstück geht es in Richtung Hang En Höhleneingang – natürlich wieder durch Flüsse. Von Weitem können wir bereits den Eingang der Höhle sehen und unsere Schritte werden immer schneller, je näher wir kommen.

Den großen Haupteingang des Hang En, was übrigens “Schwalbenhöhle” (Hang = Höhle, En = Schwalbe) bedeutet, lassen wir jedoch links liegen und betreten die Höhle durch einen kleinen Seiteneingang.

Vorbei an hüfthohen Felsbrocken und eine leichte sandige Anhöhe hoch, öffnet sich plötzlich die Decke und wir blicken in den Schlund der Höhle. Einige Augenblicke lang sagt niemand etwas.

Wir sehen kleine bunte Punkte am Boden der Höhle, die sich auf den zweiten Blick als Zweimannzelte herausstellen. Ich lasse den Blick nach oben schweifen. Dank der riesigen Höhlenöffnung kommt viel Licht hinein und man kann das volle Ausmaß der Schwalbenhöhle sehen. Aber fassen kann man es nicht. Die Relationen sind so ungewohnt, dass das Gehirn den Augen nicht ganz trauen will.

Wir steigen nach unten, überqueren eine wackelige Holzbrücke und stehen mitten in Hang En. Auf der anderen Seite kraxeln wir einige Felsen hoch um einen perfekten Blick auf das Höhlencamp und den großen Eingang der Höhle zu erhalten. Und auch hier spielt einem die Wahrnehmung wieder einen Streich. Ich sehe die Porter, wie sie die Zelte abbauen und ich sehe die Höhlendecke, die über ihnen in 120 Metern die 140m Breite der Höhle überspannt – aber es ist mit nichts zu vergleichen, was ich bis jetzt je gesehen habe.

Ich frage unseren Guide wie viel größer Son Doong – die weltgrößte Höhle – im Vergleich ist. Er lacht und sagt Hang En entspricht ungefähr einem Zehntel von Son Doong. Beim Herunterklettern mache ich eine mentale Notiz auf der “Bucket List”, schon mal Geld dafür beiseite zu legen.

Wir durchqueren die Höhle um auf der anderen Seite den anderen großen Eingang anzusehen, kommen an einer kleinen, verletzten Schwalbe und einem riesigen angeschwemmten Baum vorbei. Die Relationen in Hang En, ich sag’s euch!

Auf der anderen Seite angekommen schmeißt die Natur ein weiteres Mal mit Superlativen um sich und ich erspare euch einen weiteren Versuch die schiere Größe dieser Höhle zu beschreiben. Die Fotos können das zwar auch nur zum Teil wiedergeben, da kann man aber wenigstens kleine schwarze Menschenpunkte suchen.

Unser Mittagessen nehmen wir im Cave zu uns, nachdem wir uns – erstmal widerwillig – im höhleneigenen See abgekühlt haben. Denn was die Bilder nicht zeigen, ist der andauernde Geruch von den tausenden Schwalben, die Hang En ihr Zuhause und somit auch ihre Toilette nennen und die natürlich auch in den See machen (sie haben ja keine Wahl!).

Aber trotz des Geruchs wollen wir alle diesen sagenhaften Ort nicht verlassen und können uns nur schweren Herzens losreissen. Der anstehende vierstündige Dschungelmarsch zurück in die Zivilisation ist da auch wenig motivierend. Aber schließlich werden die Rucksäcke geschultert, ein letzter Blick zurück geworfen und dann geht es durch den schmalen Seiteneingang hinaus aus der unwirklichen Welt von Hang En.

Auf der Hälfte des Weges passieren wir noch ein kleines Dorf, in dem an die 40 Einwohner ohne Strom und fließend Wasser leben. Der Dorfälteste lädt uns zwar zum Tee ein, aber wir müssen weiter, wir haben noch zwei Stunden Weg vor uns.

Außerdem wartet nach einem letzten anstrengenden Aufstieg aus dem Tal ein kühles Bier auf uns, um den grandiosen Tag abzuschließen und das ziehen wir dann doch dem Tee vor.

Die zweitägige Tour mit Oxalis ist definitiv eines meiner Highlights unserer Reise. Das liegt nicht nur an der perfekten Organisation der Tour, sondern natürlich vor allem an der unwirklichen Schönheit der Natur und was sie in der Hang En Höhle mal wieder geleistet hat.