Mit unserer ersten, holprigen und fast schlaflosen Nachtbusfahrt in Südostasien auf dem Reisekonto kommen wir morgens um fünf Uhr in Sapa an. Draußen ist es noch komplett dunkel und außerdem regnet es in Strömen. Die ersten Leute stecken neugierig ihre Köpfe vorne in den Bus. -„Trekkingtour?“ -„You need hotel?“

Haben wir alles schon von Hanoi aus gebucht, aber von Mao, unserem Trekking-Guide, die uns die nächsten zwei Tage durch die grünen Hügel hier in Nordvietnam führen soll, fehlt noch jede Spur. „Mao? No.“ Die versammelten Frauen, die schöne bunten Tüchern um den Kopf, Silberschmuck an den Ohren und um den Hals und Gummistiefeln an den Füßen tragen, zucken ratlos mit den Schultern. Mit uns stehen noch ein paar andere Backpacker verloren neben dem Bus und so fragen wir uns weiter durch die wachsende Gruppe an bunten Frauen. „Mao?“

Endlich scheint der Name auf Erkenntnis zu stoßen und Mao’s Cousine stellt sich vor. Mao verspätet sich, wir sollen mit ihr im Café nebenan frühstücken und warten. Einige Leute in der Gruppe sind misstrauisch, aber die Frau ist sehr nett und kann uns alle mit Händen und Füßen davon zu überzeugen, ihr zu folgen.

Nach dem Frühstück erscheint eine kleine, freundlich lächelnde Frau in der gleichen Tracht der Schwarzen Hmong wie alle anderen im Café. Mao! Mao lacht viel, entschuldigt sich, sie habe verschlafen und wir sollen mit ihrer Cousine und ihrer Schwägerin mitgehen, die würden uns jetzt über den Berg um Homestay führen, sie trifft uns dann später da.

Es geht los. Zu unserer Gruppe gehören noch zwei Briten, eine Australierin, eine Chinesin und zwei deutsche Mädels. Den ersten Stopp machen wir bei der großen Markthalle mitten in Sapa, wo wir uns in billige Regenhüllen kleiden und das morgendliche Treiben an den Ständen im Vorbeigehen bewundern.

Links, rechts, links, dann verlassen wir die geteerte Straße und schlagen uns zwischen zwei Wohnhäusern in die Büsche. Ein schmaler Pfad, der sich im Regen in einen kleinen Bachlauf verwandelt hat, führt uns in Serpentinen bergauf. Die Temperaturen sind hier ein paar Grad kühler als in Hanoi, trotzdem schwitzen wir beim steilen Aufstieg ganz schön und unsere bunten Regencapes beschlagen von innen.

Wir tauschen uns mit den anderen Reisenden aus und stellen den drei Guides so viele Fragen, wie es ihr Englisch (oder unser fehlendes Vietnamesisch) erlaubt. Sie zeigen uns Teebäume und Indigo-Planzen, mit denen sie ihre wunderschönen Textilien in mühseliger Handarbeit färben. Ihre blauen, fast schwarzen Fingerkuppen sprechen Bände.

Sie warnen uns vor „leeches“, also Blutegeln, und tatsächlich, auf dem ersten Aussichtspunkt findet fast jeder von uns mindestens ein ekliges Ding auf Schuhen oder Hosen. Nie zu lange stehen bleiben, lautet die Devise. Kein Problem, dank der dichten, weißen Wolken gibt es auch noch nicht so viel zu sehen.

Aber immer wieder reißt die weiße Wand auf und offenbart kurze Ausblicke zurück auf Sapa und auf die umliegenden Hügel und Täler. Der Weg ist sehr schlammig und rutschig und wer schlechtes Schuhwerk hat, kommt nur langsam voran. Aber die drei Hmong Damen helfen ganz geduldig und bieten immer wieder eine helfende Hand an.

Der Weg und das Wetter macht ihnen gar nichts aus, schließlich sind sie hier täglich unterwegs und kennen das Gelände in und auswendig. Und die Gummistiefel helfen sicher auch.

Ab und zu kommen uns kleine Jungs mit Ziegenherden entgegen. An einer Biegung weht uns ein süßlicher Geruch um die Nase. Hm… ist das nicht…?
„Marijuana“, ruft unsere Trekking-Führerin ganz stolz und deutet auf ein eingezäuntes, grünes Feld übermannshoher Hanfpflanzen.

Aber lange können wir uns nicht darüber wundern, denn schon klebt uns eine Traube hüfthoher Kinder an den Beinen, die bunte Armbänder verkaufen wollen. In Paul, unserem englischen Mitwanderer, haben sie einen willigen (oder hilflosen?) Kunden gefunden. „One for five thousand, three for ten thousand“ leiern sie immer wieder herunter, wohl die einzige englische Phrase, die sie kennen.

Zum Glück ist es nicht mehr weit bis zur Mittagspause, die wir in einem einfachen Restaurant unter Wellblechdach zu uns nehmen. Der Regen prasselt auf das Dach, auf dem alten Fernseher in der Ecke läuft Tom und Jerry und wir haben die Wahl zwischen gebratenem Reis und gebratenen Nudeln.

Alle sind froh über die kurze Pause im Trockenen und lehnen sich gerade in den Sitzen zurück, als es wieder „One for five thousand, three for ten thousand” um uns ertönt. Die Kinderaugen kleben am Fernseher, der Mund leiert wie in Trance die auswendig gelernten Sätze herunter. Zum Glück ist die Zeichentricksendung bald spannender als die Touristen.

Nach dem Mittagessen haben wir bis zum Homestay noch zwei Stunden Wegmarsch vor uns. Es geht nun hauptsächlich bergab und wir schlittern und rutschen gemeinsam die lehmigen Gehwege hinunter.

Wir sehen einen riesigen Wasserbüffel, der von seiner gebrechlichen, aber resoluten Besitzerin zum Grasen geführt wird, Pferde und viele weitere Ziegenherden. Ab und zu knattert ein Roller oder ein Motorrad über den Weg, einmal sogar ein Rolls Royce. Finde den Fehler!

Endlich kommen wir bei unserem Homestay an und beeilen uns, die schmutzigen Schuhe und nassen Regenjacken vom Leib zu schütteln. Kleine Plastikstühle und Tische werden zurechtgerückt und wir bekommen einen warmen Tee in die Hand gedrückt. Es gibt sogar WLAN.

Mao würde auch gleich kommen, heißt es und wir könnten uns jetzt entspannen, später duschen und dann essen wir alle gemeinsam. Wunderbar! Ganz so entspannt ist es dann aber doch nicht, weil die netten Damen, die uns hierher geführt haben, sofort in den Verkaufsmodus umschalten und uns ihre handgemachten Täschchen, Tücher und Schmuck darbieten. Wirklich schön, aber wir brauchen nichts. Das wollen sie nicht ganz verstehen.

Wir fühlen uns ein bisschen überrumpelt und sind froh, als es heißt, dass wir jetzt duschen können. Einer nach dem anderen macht sich präsentabel und die Gruppe wächst noch einmal um vier Leute aus England, den USA und Singapur, die schon ihre zweite Nacht hier verbringen.

Schlafen werden wir in einem großen Matratzenlager mit Moskitonetzen. Wir hoffen insgeheim, dass es keine Schnarcher in der Gruppe gibt und versammeln uns mit den anderen um den niedrigen Tisch fürs Abendessen. Maos Familie tischt reichlich auf. Frittierte Frühlingsrollen, gebratenes Morning Glory (eine Art Wasserspinat), Hühnchen, Gemüse, Pommes und Berge an Reis. Immer, wenn ein Teller leer ist, erscheinen Mao oder ihre Cousine und klatschen unter unseren lauten Protesten eine weitere Portion darauf.

Irgendwann können wir uns nicht mehr rühren, aber die Stimmung ist gut und Mao kommt grinsend mit zwei Flaschen aus der Küche. „Happy Water“, kündigt sie freudig an. Den Trinkspruch “mot hai ban – jo!” kennen wir ja schon aus Hanoi und so verschwindet ein Schnapsglas nach dem anderen in unsere neugierigen Rachen. Das Happy Water ist ein starker Reiswein, den viele Vietnamesen selbst zuhause brennen. Es wird eine Ukulele ausgepackt und bis kurz vor Mitternacht gelacht und geschunkelt. Der Reiswein schmeckt eigentlich nach nichts und brennt auch nicht so stark, deswegen kann man recht viel davon trinken. Risiken und Nebenwirkungen sind lautes Singen und später noch lauteres Schnarchen.

Glücklicherweise kommen wir am nächsten Morgen ohne Kater aus dem Bett und versammeln uns zum Frühstück wieder um den großen Tisch. Es gibt auf Wunsch Pfannkuchen oder Omelette und dazu wunderbaren und viel zu süßen vietnamesischen Kaffee. Wieder in die feuchten Wanderklamotten zu steigen, fällt ausgesprochen schwer, vor allem weil es so aussieht, als würden wir am zweiten Tag noch jede Menge Regen abbekommen. Die zwei deutschen Mädels bleiben noch eine Nacht und verlassen uns nach dem Frühstück, dafür schließen sich die vier “Neuen” für den Rückweg an.

Heute haben wir nur Mao’s Schwägerin Ming als Guide dabei und die scheint es sehr eilig zu haben. Anscheinend gibt es einen leichteren und einen komplizierteren Weg, der uns ins Tal und am Ende des Tages zum Abholort führt. Da wir jemanden dabeihaben, die schon gestern den ganzen Tag ausgerutscht und umgeknickt ist, bitten wir um die einfachere Variante. Aber Ming schüttelt den Kopf “Easy way, not nice.” Der Stolperdame werden kurzerhand Gummistiefel angezogen und die Gruppe eilt hinter ihr den Berg hinunter.

Der Weg hat es wirklich in sich, weil der Boden vom Regen der letzten Tage so aufgeweicht ist und sie uns durch Maisfelder, über kleine Flüsse und auf schmalem Lehm-Grat zwischen Reisfeldern hindurch führt. Jeder in der Gruppe rutscht mal aus, sappt in eine Schlammpfütze oder landet auf dem Hintern im Matsch.

Dafür ist die grüne Umgebung aber auch, wie versprochen, sehr eindrucksvoll und der Weg bringt uns durch abgelegene Dörfer, wo wir immer wieder kurze Einblicke in das Leben der Leute dort gewinnen erhaschen können. Da rennt ein nacktes Kleinkind über die Veranda, hier hängt eine Frau Wäsche zum Trocknen raus, hier drängen sich Hühner und Küken in einen Holzstoß, da sägen ein paar Männer Balken für ein neues Haus zurecht.

Nach ein paar Stunden kommen wir in einem Dorf im Tal an, überqueren einen Fluss auf einer bedenklich schaukelnden Hängebrücke und laufen erst durchs Ortszentrum, dann zwischen Reisfeldern hindurch zu einem Nachbarort. Hier bemerken wir unter anderem, dass sich die Tracht der Frauen leicht geändert hat. Zwar tragen sie hier auch viel Indigo, um den Kopf gewickelt haben sie aber rote Tücher, ein Kennzeichen der Roten Dao.

Die verschiedenen Stämme könnten sich untereinander sprachlich gar nicht verstehen, würden die meisten nicht auch noch vietnamesisch sprechen. Die Stämme sind hier stark von den Frauen geprägt und sie sind diejenigen, die Geld mit ihren Textilien und Fremdenführungen für die Familie verdienen, während sich die Männer um die Feldarbeit und auch die Kinder zuhause kümmern.

Wir kommen an vielen kleinen Shops vorbei, die hier günstig für die Reisegruppen positioniert wurden und bewundern die filigrane Handarbeit. Ming zeigt uns Tonnen, die für das Färben mit Indigo verwendet werden.

Ein paar ältere Frauen hocken am Straßenrand und trennen die einzelnen Fasern per Hand von den Hanfpflanzen ab, die später zu Fäden zum Weben gesponnen werden.

Nach dem Mittagessen steigen wir noch einen steilen Hügel hinauf und warten auf unseren Transport zurück nach Sapa. Nach einer Viertelstunde erscheint Mao, die uns mit ihrem Mann zurück nach Sapa bringt. Wir haben sie seit dem gestrigen Happy Water-Gelage nicht mehr gesehen, aber sie wirkt frisch und fröhlich und schenkt uns allen noch ein selbstgemachtes Armband, bevor sie uns in Sapa am Bus zurück nach Hanoi absetzt.

Die zwei Tage waren voll mit schönen Eindrücken,netter Gesellschaft, Matsch, Regen und Reisfeldern und haben uns einen kurzen Einblick in das Leben der indigenen Stämme im Norden Vietnams gegeben. Eine interessante Mischung aus Tradition und Moderne – Wasserbüffel und WLAN.