Als wir in Hanoi aus dem Flughafen treten, laufen wir nun zum dritten Mal auf dieser Reise in eine feuchte Hitzewand hinein. Hurra! Im Taxi in die Stadt merken wir: irgendwas ist komisch. Nach über fünf Monaten Linksverkehr in Neuseeland, Australien, Bali und Singapur wird hier in Vietnam wieder auf der rechten Seite gefahren, daran müssen wir uns erst wieder gewöhnen. Je näher wir der Altstadt kommen, desto verrückter wird der Verkehr. Bali war ein Witz dagegen! Roller brausen links und rechts am Taxi vorbei und es wird nonstop gehupt. Willkommen in Vietnam!

Unser Hostel liegt im wuseligen Old Quarter und wir entdecken gleich zwei kulinarische Besonderheiten der nordvietnamesischen Großstadt vor der Tür: Bia Hoi und Banh Mi.

Bia Hoi ist jeden Tag frisch gebrautes Bier, das die meisten Hostels, Restaurants und Bars hier für umgerechnet 50 Cent pro Becher aus einem Fass zapfen. Bánh Mi Stände findet man an jeder Ecke und hier werden Baguettes, belegt mit diversem Fleisch, Pastete, Salat, Käse und Koriander an den Mann und die Frau gebracht. Klingt total banal, aber was die Vietnamesen mit dem von den Franzosen eingeführten Baguette gemacht haben, ist super lecker. Knusprig und frisch, noch dazu mit dem Preis von 20.000-30.000 VTD (0,80-1,20€) ein günstiger Snack.

Als wir am zentralen Hoan Kiem See entlanglaufen, werden wir von zwei jungen Frauen in identischen T-Shirts angesprochen. Der deutsche Fußgängerzonen-Experte in uns vermutet gleich eine Umfrage oder einen Verkaufsversuch. Aber ganz im Gegenteil, die Mädels wollen Englisch üben! Nach ein paar Minuten charmanter, aber holpriger Konversation laufen wir weiter und erst jetzt fallen uns die vielen Grüppchen aus Vietnamesen und Touristen auf, von denen man immer wieder ein paar englische Phrasen und Gelächter mitbekommt. Später erfahren wir, dass die vietnamesischen Studenten das Ganze „Touristen jagen“ nennen.

Über die Geschichte Vietnams wissen wir zu unserer Ankunft peinlich wenig. Ehemalige französische Kolonie, geteiltes Land, Vietnam-Krieg. Um mehr über das Land, das wir für etwa einen Monat bereisen werden, zu lernen, machen wir uns auf zum Mausoleum von Ho Chi Minh, dem geliebten Begründer der Demokratischen Republik Vietnam, der das Land mit in die Unabhängigkeit führte. In Hanoi liegt Ho Chi Minhs einbalsamierter Körper bis heute aufgebahrt, irgendwie gruselig und anscheinend auch gegen seinen eigenen Wunsch, eingeäschert zu werden. Viele Vietnamesen pilgern zu diesem prunkvollen Ort, um dem großen kommunistischen Freiheitshelden für 20 Sekunden nahe zu sein. Leider erwischen wir das Mausoleum genau in der Mittagspause und so bleibt uns der morbide Charme erspart.

Als Ersatzaktivität laufen wir weiter durch die Stadt zum Temple of Literature. Diese heiligen Hallen sind Konfuzius gewidmet und beherbergten einst die Imperial Academy, damals die größte Universität des Landes. Heute finden immer noch Tempelrituale statt und viele Studenten und Schüler kommen hierher, um für gute Noten zu beten.

Danach brechen wir in Richtung “Hanoi Hilton” auf. Anders als der Name suggeriert, handelt es sich allerdings um ein berüchtigtes Gefängnis. Zuerst wurden hier während des Französisch Indochinakrieges im Hoa-Loa-Gefängnis vietnamesische Widerstandskämpfer von den Franzosen eingesperrt und gefoltert, dann später im Vietnamkrieg schließlich buchteten die Vietnamesen Amerikanische Kriegsgefangene ein (berühmtester Insasse war John McCain).

Die ironische Bezeichnung Hanoi Hilton kam von den Amerikanern, die hier für ein Gefängnis unter guten Bedingungen hausten und sogar Tischtennis und Basketball spielen durften.

Das Wetter hält, was die Regenzeit verspricht. Hitze, Luftfeuchtigkeit und immer wieder Regenschauer. Zum Glück gibts im Hostelzimmer eine Klimaanlage und viele gute Essensoptionen in nächster Nähe, so dass wir nie allzu nass werden. Aber wir sind auch sehr neugierig auf das ganze vietnamesische Essen und buchen eine Street-Food-Tour für den nächsten Abend.

Vor dem Tour-Office gesellen sich drei nette, englische Paare zu uns und mit der Gruppenleiterin Amy sind wir komplett. Sie fordert uns auf, immer zusammenzubleiben, wenn sie laut “sticky rice“ ruft. Los geht es durch die Gassen der Altstadt, wir unterhalten uns, stellen uns einander vor, überqueren die verrückten Straßen und stehen bald schon vor einem Restaurant, wo wir in den zweiten Stock geführt werden.

Hier wird Bun Cha serviert, gegrilltes Schweinefleisch auf Glasnudeln und einer Sauce aus Knoblauch, Fischsauce und Chili. Für Vegetarier gibt es frische Sommerrollen. Weiter geht es zur nächsten Station, einem Imbiss mit kleinen, roten Plastikhockern auf dem Gehsteig. Die haben wir schon überall in den kleinen Gassen der Altstadt bemerkt und meistens sieht man spät Abends gut gelaunte vietnamesische Familien hier schlemmen. Amy erklärt uns, dass die Hocker deshalb so praktisch sind, weil man eigentlich sein Restaurant nicht einfach so auf die Straße erweitern darf und so kann man schnell zusammenpacken, falls die Polizei kommt. So raffiniert sind die Gastronomen in Deutschland anscheinend nicht!

Hier wird uns Papaya Salat serviert, den wir schon von Thai Restaurants kennen, allerdings noch um einiges fischiger und für die Fleischfresser mit Rindfleisch. Die nächste Station ist eine kleine Küche direkt an der Straße, wo die ganze Gruppe einmal Reispfannkuchen von der Kochplatte rollen darf, mit hoch komplizierter Essstäbchen-Technik.

Es folgt ein Berg frittiertes Allerlei und als wir alle schon kurz vorm Platzen sind, kündigt Amy eine Kaffeepause an. Bei uns zuhause serviert man ja gerne einen Espresso als Digestif, aber wer schon mal vietnamesischen Kaffee probiert hat, weiß, dass es ein durchaus süßes und fetthaltiges Vergnügen ist. Wir probieren den berühmten Egg Coffee (Cà Phe Trúng), der mehr wie ein süßes Dessert schmeckt und aus starkem, vietnamesischen Kaffee, süßer Kondensmilch und Eigelb besteht. Kling komisch, ist aber sehr lecker.

Dem anschließenden Zuckerschock wird versucht, mit einem “leichten” Bánh Mi Sandwich entgegenzuwirken, aber ohne Erfolg. Gut, dass wir erst mal wieder ein paar Schritte zum letzten Stop laufen müssen, wo uns zu allem Übel auch noch Nachtisch serviert wird. Sticky Rice in Kokosmilch, Obstsalat und Eis stehen zur Auswahl.

Am Ende gibt es zur Freude aller ein Bia Hoi und einen Reisschnaps. Amy weißt uns noch in vietnamesische Trinksprüche ein: “mot – hai – ba -jo!” Na dann, Prost.

Gleich neben unserem Hostel finden wir die gut bewertete Reiseagentur Lily’s, wo wir uns über Touren in die Umgebung, vor allem Sapa und Ha Long Bay informieren. Wir hatten vorher auf Reiseblogs gelesen, dass die Ha Long Bucht sehr überlaufen ist, vor allem weil gerade noch vietnamesische Ferien sind, und dass die weiter südlich liegende Lan Ha Bucht ruhiger sein soll. Kurzfristig buchen wir zwei Plätze für eine dreitägige Kreuzfahrt am übernächsten Tag. Dan und Victoria aus Oxford, die wir bei der Food Tour kennengelernt haben, schließen sich auch noch spontan an. Zwei Tage später geht es erst im Mini-Bus, wo sich noch eine französische Familie zu uns gesellt, über vier Stunden nach Ha Long und wir steigen am Fährhafen auf ein kleines Motorboot um. Hier bekommen wir schon einen grandiosen Überblick über die Landschaft. Dunkles Wasser, aus dem überall imposante Kalksteinfelsen ragen, überall kleinere und größere Kreuzfahrtschiffe, ein bewölkter Himmel und salziger Wind, der uns um die Nase weht.

Nach einer halben Stunde wilder Fahrt schippern wir auf unser Zuhause für die nächsten drei Tage zu, ein kleines Kreuzfahrtschiff mit dem vielversprechenden Namen Lan Ha Legend. Wir bleiben tatsächlich nur zu neunt und freuen uns, dass wir das Schiff quasi fast für uns alleine haben. Die “Crew” stellt sich vor und führt uns auf die Zimmer, danach bekommen wir ein riesiges Mittagessen und das Programm für den restlichen Tag vorgelegt.

Überhaupt scheinen die folgenden Tage ziemlich vollgepackt zu sein: Kayaken, Schwimmen, Fahrradfahren auf einer Insel, nochmal Kayaken, Besuch eines schwimmenden Fischerdorfes, und dazwischen immer wieder Essen. Nach einer kurzen Pause bringt uns ein anderes Boot zu einem schwimmenden Kayakverleih in einer ruhigen Bucht.

Beim ersten Mal Kayaken geht es an steilen Felswänden entlang, durch niedrige Höhlen und in die hintersten Ecken der Lan Ha Bucht. In den Höhlen kann man Fledermäuse hören und sehen, ansonsten ist die Wasserlandschaft komplett still. Wirklich malerisch, wären da nicht immer wieder Plastikflaschen oder Tüten, die an uns vorbeischwimmen.

Zurück an Bord erklärt man uns, dass das Problem die Fischersleute sind, die ihren Müll einfach ins Wasser entsorgen. Ganz so recht können wir das aber nicht glauben. Warum sollten die Fischer ihren eigenen “Arbeitsplatz” verschmutzen?

Nach der Kayakrunde essen wir auf dem Transportboot, das uns wieder zurück zur Lan Ha Legend bringt, die inzwischen schon für die Nacht geankert hat. Die Crew bietet uns an, vom Boot aus ins Wasser zu springen. Anfangs traut sich aber keiner so richtig, denn immer wieder sieht man pizzagroße, rosa Quallen durchs Wasser schweben. Aber nachdem die ganze Gruppe einmal das Meer um das Boot herum die Lage sondiert hat, traut sich Felix als erstes ins kühle, naja, eher badewannenwarme Wasser. Das überzeugt schließlich den Rest und es beginnt ein regelrechter Sprungwettbewerb.

Pünktlich zum Sonnenuntergang beginnt auch die Happy Hour und so schlürfen wir Cocktails bis zum Festmahl-Abendessen.

Am zweiten Tag werden wir morgens unsanft geweckt. Die Bordlautsprecher quietschen und kratzen und der Captain wiederholt die Aufforderung, zum Frühstück zu erscheinen. Kein guter Start in den Tag. Zu allem Übel sehen wir vom Frühstückstisch auch noch, wie Angestellte der Party-Boote nebenan die Müllreste des gestrigen Abends ohne mit der Wimper zu zucken über Bord werfen. Wir teilen das unserer Crew mit, die versichert, es weiterzugeben und das Bootsanbieter Strafen für solche Aktivitäten erhalten. Das scheint fraglich, schließlich ist Tourismus so eine wichtige Geldquelle. 

Für uns geht es weiter, wieder auf ein anderes Transportboot. Ein weiterer Guide stellt sich uns vor, er wird uns heute mit seinem Sohn und seiner Frau nach Cát Bà begleiten, die größte Insel in der Ha Long Bucht. Am südlichen Ende angekommen, steigen wir auf klapprige Fahrräder und radeln dem Guide hinterher durch den Nationalpark, der hier die meiste Fläche der Insel bedeckt.

Die Straße schlängelt sich durch das bergige Gebiet und wir sehen weit und breit nur grün. Der Guide hatte uns versprochen, dass es immer nur geradeaus geht, aber leider hat er die Rechnung ohne den starken Regen in den Tagen zuvor gemacht. Der Weg liegt unter Wasser und wir müssen einen steilen Hügel hinauf, natürlich ohne Gangschaltung und bei 40 Grad.

Aber wo es hoch geht, kann man zum Glück auch wieder runter rollen und wir flitzen vorbei ein dutzenden Ziegen, riesigen Schmetterlingen und dichtem Dschungelgewächs. Die einzigen Anzeichen von Zivilisation sind nur die Straße und notdürftig gespannte Stromleitungen, der Rest ist unberührte vietnamesische Natur.

Nach einer halben Stunde kommen wir im kleinen Dorf Viet Hai an, wo uns der Guide zu einem Restaurant bringt und wir uns im Schatten erholen können. Wir essen ein paar Eis und unsere erste Jackfruit und nach und nach werden die Dorfkinder aufmerksam auf uns.

Dan beglückt sie mit einer Face-Swap-App und das Gelächter in der Runde ist riesig. Später frischen wir noch unsere Füße im kalten Bach ab, bevor es wieder auf die Drahtesel und zurück zur Anlegestelle geht.

Auf dem Taxiboot gibt es Mittagessen, Lachgas optional. Danach sollen wir wieder kayaken. Eigentlich sind wir alle viel zu müde, die Sonne brennt vom Himmel aber der Guide lockt uns mit einem einsamen Strand. Wir folgen ihm zwischen den Kalksteinfelsen hindurch und kommen auch hier wieder an vielen Fischern, Netzen und Fischfarmen vorbei.

Wir paddeln immer weiter, bis wir einige kleine Sandstrände am Fuße der größeren Felsinseln entdecken. Die letzten Kräfte werden nochmal mobilisiert und wir versuchen, unseren Guide einzuholen. Ein schönes Strandplätzchen nach dem anderen zieht an uns vorbei, bis wir merken, dass wir geradewegs auf den einzigen Strandabschnitt zupaddeln, den man nun wirklich nicht als “einsam” bezeichnen kann. Drei große Boote haben hier ihre Passagiere ausgespuckt, lauter Bass dröhnt übers Wasser und schon von weitem können wir erkennen, dass auch hier wieder reichlich Müll herum schwimmt. Aber der Guide lässt sich von unseren Vorschlägen, doch woanders zu halten, nicht beeindrucken und so “entspannen” wir die kurzmöglichste Zeit, bis wir endlich wieder weiter fahren dürfen.

Zurück am Boot stellen wir fest, dass die supernette französische Familie gegen zehn neue Touristen ausgetauscht wurden. Dabei hatten wir uns so gefreut, das Schiff jetzt wirklich ganz für uns alleine zu haben. Wir machen das beste daraus und spielen mit Dan und Victoria mehrere Runden UNO auf dem Deck und stellen fest, dass es anscheinend landesspezifische UNO-Regeln gibt. Wir philosophieren mit den beiden noch ewig übers Reisen, kommen zu dem Schluss, dass die einzige wichtige Lebensweisheit “Sei kein Arsch” ist und fallen schließlich erschöpft ins Bett.

Am nächsten Tag ist der letzte Programmpunkt der Besuch eines Fischerdorfes. So zumindest laut der Tourenbeschreibung und der Guides. Deshalb sind wir ein bisschen erstaunt, als wir von einem kleinen Boot abgeholt werden und ein paar hundert Meter in eine Bucht geschippert werden. Ein Fischerdorf suchen wir vergebens.

Der Kapitän, gleichzeitig der Fischermann, fährt einen großen Bogen und wirft dabei sein Netz aus. Uns werden kurze Holzstöcke ausgeteilt und die Aufgabe ist nun, mit den denen auf ein langes Holzstück zu klopfen “um die Fische ins Netz zu treiben”.

So drehen wir, auf das Holz eindreschend, zwei, drei Runden um das Netz und wir wollen behaupten, dass es nicht an unserer Rhythmik liegt, aber genau ein kleiner, bedauernswerter Fisch ist uns ins Netz gegangen.

Nach 30 Minuten ist der ganze Spuk vorbei und wir fahren ziemlich enttäuscht und verwirrt zurück zum Boot.

Bevor es letztendlich zurück geht, verteilen die Guides noch Feedback Fragebögen, und als wir unseren Unmut über das fehlende Fischerdorf (nicht weil wir es unbedingt sehen wollten, sondern mehr weil es Teil des Programms war und ohne Erklärung durch etwas komplett anderes ausgetauscht wurde) kundtun, erklärt uns der Guide, dass die Regierung viele schwimmende Fischerdörfer wegen der Müllverschmutzung aufgelöst hat. Das ist doch mal ein Erklärung. Warum man die nicht vorher geben kann, ist uns schleierhaft.

Sehr lange sind wir aber nicht betrübt, schließlich geht es auf dem Rückweg nochmal durch die atemberaubende Natur der Lan Ha und Ha Long Bucht, mit den sattgrünen Bergen, die senkrecht aus dem Meer schießen.

Auf der langen Busfahrt zurück nach Hanoi lassen wir nochmal die letzten drei Tage Revue passieren und sind trotz kleinerer Unstimmigkeiten zufrieden mit der Tour. Geschockt hat uns vor allem der viele Müll und wir hätten uns manchmal ein bisschen weniger Programm gewünscht, um einfach die Kulisse um uns herum mehr genießen zu können.

Aber Natur sollen wir noch genug bekommen, denn wir haben auch gleich noch eine zweitägige Tour nach Sapa im Norden Vietnams gebucht. Mal sehen, was die bringt …