Nach einer Woche in Hostels und Swags heißt es für uns in Cairns endlich wieder: ein rollendes Zuhause beziehen. Bei onestopadventures in Melbourne haben wir den Tipp bekommen, einen Camper von Cairns runter nach Sydney zu nehmen, statt, wie ursprünglich von uns angedacht, von Sydney in den Norden. Diese Strecke entlang der Ostküste ist die beliebteste Touristenroute Australiens. Wir werden uns zwar beim Runterfahren auch langsam in immer kühlere Zonen bewegen, schließlich ist in Australien gerade Spätherbst, erst einmal heißt es aber Schwitzen in Cairns.

Nachdem wir abends im coolen Mad Monkey Hostel eingecheckt haben, gehen wir noch auf nächtliche Entdeckungstour durch Downtown Cairns. Die Bars und Restaurants sind gut gefüllt, Clubmusik schallt von den Terrassen auf die Strandpromenade und die Luftfeuchtigkeit haut uns nach der trockenen Hitze des Outbacks fast um. Da hilft nur Eis essen und sich ganz langsam bewegen. An der Esplanade entdecken wir über uns die ersten riesigen Flughunde und lauschen einem Baum voller ohrenbetäubend kreischender Papageien.

Am nächsten Morgen dürfen wir unser Raumschiff, den Campervan von Spaceships abholen. Es ist eine silberner Familienkutsche mit (zum Glück) recht dezentem Logo, Automatik, Klimaanlage, einem kleinen Kühlschrank und Lichtern im Innenraum, die von einer zweiten Batterie gespeist werden – nach Heinz auf den ersten Blick eine absolute Luxuskarosse! Das Bett lässt sich leicht in zwei Handgriffen ausklappen und man kann entweder komplett im Inneren schlafen, oder die Liegefläche bei geöffneter Heckklappe nach hinten verschieben. Mit einem Zeltanbau liegt man so in warmen Nächten mit dem Kopf quasi im Freien, mit mehr Platz und Luftdurchzug.
Für die knapp 2600km von Cairns nach Sydney haben wir den Camper für einen Monat gemietet, jetzt geht es aber erstmal in die entgegengesetzte Richtung.

Nachdem wir das Stadtgebiet nach Norden verlassen haben, fahren wir noch einige Kilometer an der Küste entlang, rechts das Meer, links eine samtgrüne Hügellandschaft, und bis wir zum Daintree River kommen, den wir mit einer kleinen Autofähre überqueren müssen, sind die Straße von Zuckerrohrplantagen gesäumt. Auf der anderen Seite fängt der Daintree Rainforest an. Dieser Regenwald ist der älteste der Welt und so ist es nicht verwunderlich, dass nur hier der Urvogel Cassowary (deutsch: Kasuar) noch sein Unwesen treibt. Noch haben wir keine Ahnung, wie dieser Vogel in echt aussieht, auf dem Weg sehen wir nur die gelben Straßenschilder, die Autofahrer zur Vorsicht ermahnen.

Im Dunkeln kommen wir auf dem Noahs Beach Campground an und bauen zum ersten Mal unser Bett und den Zeltanbau auf. Hinter dem Van muss irgendwo ganz nah das Meer sein, denn wir können beim Einschlafen den Wellen zuhören. Ins Wasser trauen wir uns allerdings nicht, auch nicht trotz Hitze am nächsten Morgen, denn hier gibt es überall Salzwasserkrokodile, die in Ufernähe auf Beute lauern. Aber der Strand ist wie aus dem Bilderbuch und auch wenn wir hier fernab jeglicher Zivilisation sind, gibt es, wenn man ein bisschen herumprobiert, ein paar Striche Handyempfang.

Das wird ausgenutzt und wir reservieren schnell für den nächsten Morgen zwei Plätze für eine Schnorcheltour am Cape Tribulation.

Das weltberühmte Great Barrier Reef erstreckt sich nämlich über 2300km entlang der nördlichen Ostküste und wir hatten vorher gar nicht so richtig auf dem Plan, dass man, außer von Cairns aus, an so vielen verschiedenen Orten Zugang dazu hat.

Als wir über den Campingplatz zu unserem Van zurückkehren, werden wir noch von einer amerikanischen Familie mit wildem Winken und Nach-Oben-Deuten in unserem natürlichen Stechschritt gebremst. Etwa drei Meter über uns schmiegt sich ein riesiger Lace Monitor (deutsch: Buntwaran) in der Sonne an einen Baumstamm. Beim Frühstück laufen uns noch ein paar kleinere Laufvögel über den Weg – Cassowaries? Wir sind uns nicht ganz sicher und halten weiter die Augen nach dem seltenen Vogel offen.

Nach dem Zusammenpacken fahren wir erst wieder ein paar Kilometer zurück zum Daintree Rainforest Centre, wo es einen Baumwipfel- und Lehrpfad durch den Regenwald gibt. Der Eintritt kostet stolze 35 AUD aber wir wollen auch gerne wissen, was uns hier pflanzen- und tiertechnisch im Regenwald so erwartet und zücken die Kreditkarte.

Mit einem Audioguide in der Hand laufen wir los und erfahren über die verschiedenen Farnarten, Insekten, Vögel und sonstige Bewohner. Natürlich dreht sich hier auch alles um den Cassowary, was er frisst, wann er sich paart, worauf man achten soll, wenn man ihm begegnet. Unter uns raschelt es und wir blicken gespannt ins Dickicht, entdecken aber nur ein Wildschwein, das schnell wieder im niedrigen Blätterwerk verschwindet. Die sind hier ganz unbeliebt, weil sie den Laufvögeln wichtige Nahrung wegfressen und auch sonst für viel Unordnung sorgen.

Weil die Wege teilweise auf dem Boden, oder in verschiedenen Höhen darüber, verlaufen, kann man die unterschiedlichen Schichten des Regenwaldes gut erkennen und der Baumwipfelpfad endet in einem 23m hohen Turm, von dessen Spitze der Kohlenstoffdioxidgehalt der Luft gemessen und beobachtet wird und wir einen Rundumblick über diese grüne Hölle bekommen.

Zum Ende laufen wir noch den Mega Fauna Circuit, wo sich wie in einem prähistorischen Themenpark Plastikdinosaurier bewegen und Laute von sich geben, wenn man an ihnen vorbeiläuft. Maßstabsgetreue Umrisse von Urvögeln und einem wirklich beängstigenden Vorgänger-Modell des heutigen Kängurus gibt es auch zu sehen. Dank den ausführlichen Beschreibungen wissen wir jetzt auch endlich, wie groß wir uns einen Cassowary vorstellen müssen (bis zu 1,70m!)  und scannen ab sofort den Wald nach ihm ab. Aber meistens sind es nur wilde Truthähne, die irgendwo durch das Laub rascheln.

Gleich neben dem Discovery Centre gibt es noch den Jindalba Boardwalk, wo wir in knapp 30 Minuten einen Rundweg durch den Regenwald ablaufen. Auch hier genießen wir die Pflanzenvielfalt und die Geräusche des Regenwaldes, erspähen Schmetterlinge und Spinnen, aber keine Cassowaries.

Am Nachmittag steuern wir auf dem Weg zu Cape Tribulation die Daintree Ice Cream Company an. Hier werden jeden Tag vier Eissorten frisch aus den Früchten der dazugehörigen Obstplantage hergestellt. Die Qual der Wahl an der Eistheke wird uns abgenommen und wir genießen neben cremigen Kokos, Passionsfrucht, Soursop (deutsch: Stachelannone) und Wattleseed (deutsch: Akaziensamen). Total lecker!

Zum Eis bekommen wir auch noch eine Karte der Plantage mit Erklärungen zu den verschiedenen Früchten in die Hand gedrückt und gehen auf eine kleine Entdeckungstour, bevor wir uns wieder in den Van setzen und bis in die kleine Ortschaft Cape Tribulation fahren, die eigentlich nur aus zwei großen Lodges und deren Mitarbeitern besteht.

Hier können wir unseren Camper für 10 AUD pro Person bei der Safari Lodge zum Übernachten parken und werden in den Ablauf für die Schnorcheltour am nächsten Morgen eingeführt. Später gibt´s auch noch ein Vollmond-Lagerfeuer, wo wir zwar kräftig eingeräuchert werden aber auch viele gute Stories von den Leuten hören, die heute schon schnorcheln waren.

Voller Vorfreude und auch Aufregung gehen wir schlafen und werden zwei Stunden später von heftigstem Regen aufgeweckt. Es geht die ganze Nacht bis zum Morgen weiter und wir befürchten schon, dass die Tour wegen schlechtem Wetter abgesagt werden muss.

Aber da haben wir nicht mit den abenteuerlichen Jungs von OceanSafari gerechnet! Erst ab 25 Knoten Windstärke denken sie ans Absagen und wenn´s ein wenig stürmischer zugeht, macht Bootfahren ja auch mehr Spaß!

Ein bisschen mulmig ist uns dabei und wir haben auch Bedenken, ob wir nach dem starken Regen im Wasser so gut sehen werden können. Aber viel Zeit zum Nachdenken bleibt nicht, da zwängen wir uns schon in unsere Neoprenanzüge und in den Jeep, der uns zur Ablegestelle am Cape bringt.

Hier werden noch ein paar “Fun Facts” über Salzwasserkrokodile und Quallen ausgepackt und die Gruppe watet so schnell wie möglich durchs seichte Wasser auf das grellgelbe Speedboot. Guide und Skipper sind gut gelaunt und freuen sich auf die wilde Überfahrt. Der Wellengang macht das ganze zu einem sehr holprigen und nassen Spaß, andererseits braucht OceanSafari dank Schnellboot auch nur 25 Minuten zum Great Barrier Reef, was mehr Zeit zum Schnorcheln bedeutet, und wir werden während der gesamten Fahrt bestens von der Playlist und Witzen des Skippers unterhalten.

Als wir am ersten Schnorchelstopp ankommen, gibt es erst eine kurze Einweisung in das Schnorchelequipment, Handzeichen für “Schildkröte”, “Rettet mich” und “Hai” und die wichtigsten Riff-Regeln: nichts anfassen und nichts mit den Flossen berühren.

Wir sind beide zugegebenermaßen keine Wasserratten. Felix findet Salzwasser doof und ich vermute hinter jedem Schatten einen Hai oder etwas ähnlich Gefährliches. Warum wollten wir nochmal schnorcheln gehen? Egal, es geht los!

Am Anfang hängen wir uns noch an unseren Guide, der einen Rettungsreifen an einem Seil hinter sich herzieht und mit uns auf Schildkrötensuche geht. Es dauert keine fünf Minuten, da haben wir auch schon eine entdeckt. Ganz entpannt gleitet sie durchs Wasser und fühlt sich anscheinend nicht weiter von der schnorchelnden Paparazzimeute gestört.

Tiefer unten in den Anemonen gibt es Clownfische. Die Sichtbarkeit ist gut und obwohl die Farben der Korallen vielleicht stärker leuchten, wenn die Sonne ins Wasser scheint, staunen wir über die (Farben)Vielfalt der Riffbewohner. Eine herrliche Stille umgibt uns, wenn da nicht das eigene röchelnde Atmen durch den Schnorchel und die gelegentlichen Ausrufe “Turtle” wären. Seesterne, riesige Muscheln, Fische in allen Farben und Größen und eine zweite Schildkröte sind die “Ausbeute” der ersten Runde. (Anmerkung: auf den Fotos sieht das Riff trauriger aus, als es tatsächlich ist. Die Fotos wurden mit der GoPro gemacht und wir musten uns aufs Atmen konzentrieren!)

Nachdem alle zurück aufs Boot geklettert sind, schippern wir weiter zum zweiten Stopp, wo wir nochmal eine Stunde Zeit haben, das Riff zu erkunden. Diesmal trauen wir uns auch “alleine” los und genießen die Unterwasserwelt. Dass im Great Barrier Reef langsam immer mehr Korallen sterben, was zur Folge hat, dass auch immer weniger Fauna Nahrung findet, können wir hier auch klar erkennen.

Viel zu schnell ist der Schnorchelgang zu Ende und wir steuern wieder das Festland an. Passend zum wilden und tiefgrünen Regenwald, der sich hier am Cape bis zum Strand erstreckt, laufen wir zum Titelsong von “Jurassic Park” am Ufer ein.

Nach einer Dusche fahren wir am Nachmittag wieder zurück in Richtung Cairns. Kurz nach Cape Tribulation halten wir noch am Eingang des Marrja Boardwalks. Dieser Rundwanderweg führt auf erhöhten Stegen durch den Mangrovenwald, wo sich die Wurzeln der Bäume durch den Sumpf schlängeln und wie Schnorchel für die Sauerstoffaufnahme sorgen.

Auf dem Weg zum Alexandra Lookout kurz vor Ende des Daintree Rainforests und bevor es wieder auf die Fähre geht, lassen wir die letzten zwei Tage noch einmal Revue passieren und bedauern, dass sich trotz intensivem Augen-Offen-Halten unsererseits einfach kein Cassowary blicken ließ.

Just in diesem Moment (so wollte ich schon immer mal einen Satz beginnen!) fahren wir an einem Exemplar vorbei, das etwa fünf Meter von der Straße entfernt im Wald steht. Es ist ein total komisches Tier, wie eine Mischung aus Truthahn und Emu, mit einem leuchtend blauen Hals, schwarzen Federn und einem hohen Kamm aus Horn. Nähern sollte man sich den Kasuaren lieber nicht, da sie auch mal Menschen angreifen, wenn sie sich bedroht fühlen. Dieser Cassowary ist die Aufmerksamkeit aber anscheinend gewohnt und wir können in Ruhe ein paar Fotos machen. 

Jetzt haben wir auf unserer imaginären Checkliste für Cape Tribulation wirklich alles erledigt und sind noch glücklicher, den “Umweg” in den Norden gemacht zu haben.