Für uns stand schon lange fest, dass wir in Australien auf jeden Fall die raue, rote Mitte des Kontinents erleben wollen. Von Melbourne buchen wir also spontan einen Flug und eine dreitägige Tour ins Outback!

Früh morgens geht es für uns mit Jetstar nach Yulara, einem winzigen Flughafen bei Uluru/Ayers Rock. Der Flug von Melbourne aus dauert drei Stunden und wir müssen bei unserer Ankunft die Uhren um eine halbe Stunde (!) zurückstellen. Schon als wir über die Landebahn zum Flughafengebäude laufen, können wir den riesigen, roten Uluru sehen und es fühlt sich ganz unwirklich an, diesem Wahrzeichen Australiens plötzlich so nahe zu sein.

Vor dem Flughafen warten viele Tourbusse und wir müssen noch kurz warten, bis einer von The Rock Tours mit quietschenden Reifen um die Ecke biegt. Eine gut gelaunte Frau stellt sich uns als Emily und unser Guide für die nächsten drei Tage vor und schon haben wir unsere Rucksäcke in den Anhänger geschmissen und klettern im Bus über Beine und Taschen in die letzte Reihe. Unsere Reisegefährten sind vornehmlich jung, blond (ein großer Anteil Dänen, wie sich später herausstellt) und freundliche Gesichter suchen wir erst mal vergeblich. Die anderen sitzen aber auch schon fünf Stunden hier im Bus, also mag der erste Eindruck vielleicht täuschen. Emily hält eine kurze Ansprache, erinnert alle daran, dass es für die Gruppendynamik besser wäre, wenn jeder Englisch miteinander spricht und entlockt der Meute ein paar unmotivierte “Yeahs” und “Whohoos (“Are you ready to see the Outback? Are you excited?”). Diese Club-Animateur-Art ist für uns auch erst gewöhnungsbedürftig, aber wir wollen mal sehen, wie es weitergeht.

Den ersten Stopp, Uluru, haben wir nach 20 Minuten erreicht. Wir sind beim Aboriginie Discovery Center, um uns erst eine Übersicht über die Ureinwohner und die Bedeutung diesen spirituellen Ortes zu verschaffen, bevor wir das Gelände gemeinsam zu Fuß erkunden. Bei dieser Hitze und flimmernden Luft ist es angenehm, in den kühlen Lehmhütten zu verschwinden. Hier werden die Geschichten und Traditionen der Aboriginies ausgestellt, sind aber schwierig verständlich. Emily erklärt uns, dass Aboriginies ihre Kultur recht geheim halten und die Geheimnisse von Generation zu Generation weitergegeben werden, Schriftstücke existieren so gut wie gar nicht deswegen bleibt vieles für Außenstehende ein Mysterium. Ein Mysterium ist auch, warum die australische Regierung bis 1985 gebraucht hat, bis sie den Ureinwohnern das Land hier zugesprochen hat. Seitdem gehört das Land um den Uluru nun offiziell dem ansässigen Stamm und wird von der Regierung lediglich gepachtet.

Durch den Souvenirshop geht es anschließend nach draußen und wir laufen gemeinsam einen Teil des angelegten Weges, der einmal um den Uluru führt. Emily legt immer wieder Stopps ein und erklärt. Wir kommen an Höhlen vorbei, in denen sich Aboriginie-Frauen versammelt haben, um zu kochen und ihre Weisheiten an die Töchter weiterzugeben, während die Stammesmänner auf Jagd gingen. Wandmalereien und Rußflecken zeugen von solchen Treffen.

Der Uluru hat für die Aboriginies eine besondere Bedeutung und gilt als heiliger Ort. Umso unbegreiflicher, dass unter Besuchern seit vielen Jahren der Trend existiert, auf den 863m hohen Sandsteinfelsen zu klettern, oft auch noch mit schlechtem Schuhwerk, zu wenig Wasser oder Kopfschutz. Es ist hier schon zu einigen Rettungsaktionen und auch Todesfällen gekommen. Im Cultural Center sowie auf Infotafeln appellieren die Aboriginies an Touristen, ihr Heiligtum nicht zu beklettern. Jede Felsspalte, jede Färbung in der Oberfläche hat symbolische Bedeutung und erzählt eine Geschichte und die Oberfläche des Uluru ist von Kletterern bereits sichtbar verändert worden.

Nach alter Aboriginie-Sage wurde Uluru von Vorfahrens-Wesen zu Beginn der Zeit erschaffen. Diese Ursprungszeit, der die meisten Geschichten, Traditionen und letztendlich des Aboriginie Stammes Anungu entspringen, wird als “Dreamtime” bezeichnet. Zum einen schafft der Uluru für die heutigen Nachfahren eine wichtige spirituelle Verbindung zur Vergangenheit und stellt zum anderen ein Ort des Schutzes dar.

Neben den Höhlen am Boden gibt es auch einige Wasserrinnen, die nach starkem Regen zu richtigen Wasserfällen werden. So haben sich an zwei schattigen Einkerbungen im Felsen Wasserlöcher angesammelt, die früher viele Tiere anzogen und die Jagd für Aboriginies so zu einem leichten Spiel machten.

Besonders eindrucksvoll ist zum Einen das Zusammenspiel der Farben, das rostige Rot des Felsens mit dem strahlenden Blau des wolkenfreien Himmels und zum anderen, dass der große Fels sich einfach so mitten im Nirgendwo aus dem Boden erhebt.

Wir fahren auf die andere Seite, um Höhlenmalereien und ein weiteres Wasserloch anzusehen. Hier erzählt uns Emily eine weitere Dreamtime Geschichte, die unter anderem eine Schlange und deren Neffen als Protagonisten hat. So richtig können wir nicht folgen, als Beweis für die “Echtheit” der Geschichte, dienen aber verschieden Kerben im Fels. Na gut, alles muss man ja auch nicht verstehen.

Zurück geht es in den Bus und weiter zu einem einsamen Aussichtspunkt, wo es zu allem Überfluss sogar WLAN gibt. Warum man ausgerechnet hier ins Internet muss, ist uns ein Rätsel, lange können wir aber nicht investigieren, denn wir müssen schnell zum Abendessen weiter.

Zu Sonnenauf- und -untergang ändert der Uluru im veränderten Lichteinfall seine Farbe, ein Spektakel, das wir uns natürlich auch nicht entgehen lassen wollen. Wir fahren ein paar Kilometer weiter auf einen großen Parkplatz mit Picknicktischen, von wo aus man einen perfekten Blick auf den Uluru hat. Emily, die sich spontan in ein Batman-Kostüm gezwängt hat (Warum auch nicht?) bereitet Abendessen für die Gruppe vor, während wir uns in Position bringen, den Abendhimmel und das Panorama einzufangen.

Der Parkplatz füllt sich stetig und während bei anderen Gruppen ein ganzes Buffet oder eine Sektbar aufgebaut werden, auf die wir neidisch schielen, begnügen wir uns mit Nudeln. Trotzdem lecker!

Als die Sonne schließlich hinter uns untergeht, bewundern wir die Farbmetamorphose des Uluru und überall wird geknipst, gefilmt und getimelapst.

Als nächstes heißt es, Teller abspülen und weiter geht’s zum Camp für die heutige Nacht. Nun haben wir uns darunter einen einsamen Ort mitten im australischen Outback vorgestellt, ein Lagerfeuer vielleicht, ein klarer Sternenhimmel und wahrscheinlich das ein oder andere beängstigende Geräusch in der Nacht.
Stattdessen erwartet uns ein weitläufiges Gelände mit permanenten Hütten, festen Zelten, einem Dusch- und Toilettenkomplex und hellen Straßenlaternen. Wenigstens die “Swags”, unsere mobile Schlafstätte, sehen abenteuerlich aus. Man stelle sich einen rechteckigen Schlafsack aus Wachstuch vor, mit einer dünnen Schaumstoffmatte im Inneren und Reißverschlüssen auf beiden Seiten, die man bis zum Gesicht hochziehen kann. Über dem Kopf gibt es ein extra Stück Tuch, das man als Schutz vor Mücken, Wind oder Regen über sein Gesicht legen kann.

Mit unseren warmen Schlafsäcken und in mehrere Lagen gehüllt verkriechen wir uns gegen 20 Uhr schon in unsere Swags und blicken gespannt in den von Sternen gespickten Nachthimmel. Auch die erwarteten beängstigenden Geräusche stellen sich ein, allerdings in Form von einer Bingo-Session vom Nachbarcamp über Lautsprecher, später dann auch noch mit einem skurrilen Karaoke-Wettbewerb.
Wüstenstimmung haben wir uns anders vorgestellt.

Trotzdem findet uns irgendwann der Schlaf und wir werden am nächsten Morgen sanft mit “Lovely Day” von Bill Withers geweckt. Im Dunkeln rollen wir Schlafsäcke und Swags zusammen und fahren zum Aussichtspunkt für den Sonnenaufgang über Uluru. Überraschung, es ist derselbe Parkplatz wie am Vorabend! Emily baut das Frühstücksbüffet auf, bestehend aus Cornflakes und Toast, und wir sehen verschlafen zu, wie sich der Himmel langsam lila färbt.

Unsere nächste Station ist Kata Tjuta, eine weitere rote Felsformation, deren Name “Viele Köpfe” bedeutet. Hier wandern wir mit Emily durch die Wüstenlandschaft und können beim ersten Stopp entscheiden, ob wir die lange oder die kürzere Wanderroute laufen wollen.

Aber erst müssen wir uns noch im Kreis aufstellen und Emily unternimmt einen weiteren Versuch, die Gruppe ein bisschen aufzulockern. Um zu veranschaulichen, wie die Felsformation Kata Tjuta entstanden ist, werden wir in “Felsen”, “Löcher”, “Sand”, “Wind” und “Wasser” aufgeteilt.

Während sie die geologische Entstehungsgeschichte durchgeht, müssen sich die jeweiligen Bestandteile bei ihrer Erwähnung bewegen und ein passendes Geräusch machen. Dieser Waldorfschulenansatz stößt bei manchen auf Widerstand, erntet aber auch einige Lacher.

Wir wählen trotz der großen Hitze die längere Wanderroute und werden bald mit tollen Ausblicken über diese weitläufige und einzigartige Landschaft belohnt. Nach etwa einer halben Stunde steigt der Weg an und führt uns auf einen Sattel zwischen zwei hohen Felswänden, wo wir von Emily mit einem Snack erwartet werden. Als sich die Gruppe wieder vollständig versammelt hat, steigen wir auf der anderen Seite ins Tal zwischen den “Köpfen” hinab.

Bevor wir am nächsten Nachtlager ankommen, halten wir noch im Nirgendwo, um Feuerholz zu sammeln. Alle müssen mit anpacken und unter Emilys strengem Blick zerren wir tote Baumstämme, Wurzeln und Äste aus einem kargen Wald am Straßenrand. Als der Haufen Holz groß genug ist, wird er auf den Anhänger gebunden und es geht weiter.

Einen letzten kurzen Tank- und Bierstopp später rollen wir in das verlassen wirkende Camp. Wenigstens gibt es hier kein Flutlicht und vor allem keine Bingo-Sessions. Eine Baracke zum Unterstellen und eine Grube für Lagerfeuer, daneben eine kleine Wiese und über uns der Abendhimmel – so haben wir uns das eher vorgestellt.

Die Gruppe macht sich an die Vorbereitungen zum Abendessen. Gekocht wird mit einem riesigen Wok und zwei Töpfen direkt auf dem Feuer und bald sitzen wir alle zufrieden mampfend auf unseren zusammengerollten Swags ums Feuer.

Fehlt nur noch eine Gitarre, aber ein Bluetooth Lautsprecher tut’s für heute Abend auch. Irgendwann verschwindet Emily und taucht kurze Zeit später wieder mit etwas Großem hinter ihrem Rücken auf und macht die Runde ums Lagerfeuer: es ist der Schwanz eines Kängurus. Begeistert wedelt sie damit vor allen Gesichtern herum und verkündet, dass der jetzt in den glühenden Kohlen vergraben wird und alle in einer halben Stunde mal probieren können. Da wir bis zu dieser Zeit noch nicht mal ein freilaufendes Känguru in Australien gesehen haben, schockt uns der Anblick ein bisschen. Nach einigen Minuten im Kohlenbad und dem fachmännischen Häuten mithilfe eines Crocodile-Dundee-Gedächtnis-Messers, gewinnt Felix Neugier allerdings Oberhand und er probiert die skurile Delikatesse. Es schmeckt wie Wild und ist sehr zart, zu seinem Lieblingsfleisch wird es aber wohl nicht.

Früh morgens am dritten Tag weckt uns wieder Emilys Musikbox und nach einem schnellen Frühstück fahren wir weiter zu einer Sonnenaufgangswanderung am Kings Canyon. Mit Kopflampen geht es nach kurzer Erklärung zum Verlauf los in den noch stockdunklen Morgen.

Gleich zu Beginn müssen wir einen steilen Abschnitt mit hunderten Stufen überwinden, den Heart Attack Hill. Als wir nach etwa 15 Minuten keuchend oben stehen, ist die Sonne schon langsam aufgegangen und der majestätische Canyon liegt vor uns im ersten Morgenlicht.

Weiter geht es am Rand der Schlucht entlang und wir können gut die einzelnen vorwiegend roten Gesteinsschichten sehen. Wir sind beeindruckt von den Dimensionen des Canyons und der Vielfalt der unterschiedlichen Pflanzen, die es hier im harschen Klima aushalten.

Doch der Kings Canyon hat noch eine Überraschung parat. Über Holztreppen steigen wir immer tiefer zwischen die Felswände hinab und betreten den Garden of Eden.

Tief in der Schlucht sammelt sich das Wasser und so ist das Tal inmitten der kargen Schlucht- und Felslandschaft hier voller Leben. Am Ende des Tals erreichen wir ein Wasserloch, das dunkel und unergründlich zwischen den rot leuchtenden Steinwänden liegt und wo wir uns kurz für den erneuten Aufstieg und den Rückweg stärken.

Wieder oben angekommen, fällt unser Blick auf die gegenüberliegende Seite des Canyons und auf Felsformationen, die wie hunderte kleiner Kuppeln aussehen, fast wie eine Stadt aus rotem Fels.

Auf der Südseite geht es schließlich wieder entlang des Plateaus zurück und von hier können wir die fast senkrechte Wand des Canyons noch genauer betrachten. Über 100 Meter geht es hier in die Tiefe, Absperrung oder Geländer sucht man vergebens.

Am Ende kommen wir nach dreieinhalb Stunden und sechs Kilometern zurück am Parkplatz an. Der Kings Canyon hat uns echt beeindruckt und ist unser persönliches Highlight der Dreitagestour.

Das können auch keine Tiere mehr ändern. Vor allem nicht wenn sie eingesperrt sind. Unsere letzte (und, wie wir finden, unnötige) Station führt uns zu einer Kamelfarm, wo sich einige Gruppenteilnehmer eine kleine Reitrunde auf besagten Tieren leistet. Nein, Danke! Wir sehen uns lieber die Emus an und sind ziemlich froh, dass es einen Zaun zwischen uns und dem rotäugigen und ziemlich finster dreinblickenden Laufvogel gibt.
Ein paar traurige Kängurus und weitere Kamele und Llamas gibt es auch noch zu sehen, aber die ganze Farm hinterlässt bei uns eher einen negativen Eindruck.

Zurück im Bus verkündet Emily den weiteren Streckenverlauf: Mehrere Stunden geradeaus und dann das Highlight – eine Linkskurve!
Wir sind froh, dass wir das nicht selbst fahren müssen, denn selbst als Mitfahrer wird die eintönige Steppe und die schnurgerade Straße des Outbacks irgendwann ziemlich langweilig und alle Insassen fallen bis nach Alice Springs in einen tiefen Mittagsschlaf.

Dort angekommen werden wir am Hostel rausgeworfen, wo wir noch eine Nacht bis zum Abflug nach Cairns am nächsten Tag verbringen.
Die Stadt selbst ist größer als erwartet aber ziemlich unscheinbar. Dafür finden wir vor unserer Abreise im Watertank Café noch einen würdigen Abschluss inklusive leckerem Kaffee und einer dreiköpfigen Swing-Band zum Frühstück.