Unser Plan für Christchurch sieht so aus: den Van inserieren und verkaufen, dann einen Flug nach Australien buchen und die Zelte in Neuseeland abbrechen.

Der erste Teil stellt sich mühsamer heraus, als gedacht: nachdem wir Heinz gründlichst von außen und innen gesäubert haben, ihn von seinen besten Seiten abgelichtet und in einer Verkaufsanzeige in höchsten Tönen gelobt haben, holen uns die Hunderten anderen “Van zu Verkaufen”-Inserate schnell auf den Boden der Tatsachen zurück.

Es geht in Neuseeland auf den Winter zu – jeder will verkaufen und nur wenige Leute suchen gerade nach einem fahrbaren Untersatz. Da gehen wir bei unserem Preis gleich mal ein paar Stufen runter. Bei den ersten beiden Treffen mit Interessenten sind wir sehr angespannt. Wir wollten so gerne jemanden finden, der Heinz genauso wertschätzt, wie wir. Ein unperfektes, aber gemütliches und verlässliches Zuhause auf Rädern. Aus den Treffen wird erst mal nichts. Wir kleben uns “For Sale”-Schilder in die Fenster und starten noch einen Angriff in allen Backpacker-Gruppen auf Facebook.

Um uns die Wartezeit zu vertreiben, gehen wir in Christchurch auf Entdeckungstour. Das Stadtbild ist von Kontrasten gekennzeichnet. Vor allem im Zentrum gähnen neben modernen, gläsernen Gebäuden tiefe Löcher und Baugruben. Hier findet man einen bunten Spielpark, auf dem Hunderte von Kindern herumtollen und 100 Meter entfernt einen Ort der Stille, das Denkmal aus Stühlen für die 185 Opfer des Erdbebens von 2011.

Überall findet man Erinnerungen und Überbleibsel der Katastrophe, gleichzeitig trifft man immer wieder auf Neuanfänge. Bunte Street Art an den Häuserwänden, ein alter Kühlschrank, der als Nachbarschaftbibliothek dient, oder mit 3D-gedruckten Vasen bepflanzte Bauzäune.
Der beliebteste Baustoff ist definitiv der Schiffscontainer, der an allen Ecken der Stadt als Stütze für einsturzgefährdete Häuser oder als Platzhalter für Läden, Cafés und Büros  dient.

Die trendige Re:Start Mall mit mehreren Läden und Cafés in der zentralen Einkaufsstraße ist so ein Beispiel und auch ein Relikt der Zeit nach dem Erdbeben. Hier wurde eine temporäre Ladenstraße aus bunten Containern gebaut, eine Übergangslösung, bis es wieder permanente Gebäude für alle Geschäfte gibt.

Aber der Wiederaufbau der Innenstadt dauert bis heute, sechs Jahre später, an und obwohl heute viele Ladenbesitzer wieder eine feste Bleibe haben könnten, hat man die Re:Start Mall inzwischen so lieb gewonnen, dass die Container einfach um zwei Straßen versetzt wurden und weiterhin Einheimische und Touristen magisch anziehen. Ist eben doch interessanter, als eine normale Shoppingmeile.

Auch das ehemalige Wahrzeichen Christchurchs, die Christchurch Cathedral, steht immer noch zur Hälfte eingefallen und von Gerüsten gestützt an Ort und Stelle im Zentrum und ist nach wie vor Gesprächsthema. Abreißen? Renovieren? Neu aufbauen? Stadtpolitiker und Kirche können sich seit Jahren nicht einigen. Um der Gemeinde und Besuchern einen vorübergehenden Ort für Gottesdienste und Konzerte zu bieten, baute der japanische Architekt Shigeru Ban kurz nach dem Erdbeben einige Straßen weiter die Christchurch Transitional Cathedral. Auch hier wurden Schiffscontainer fürs Fundament eingesetzt, aber das Highlight der Kirche ist ihr A-förmiges Dach aus Pappröhren, was ihr den Spitznamen Cardboard Cathedral verlieh.

Nach all dem Sightseeing ist es Zeit, dass wir uns einen Schlafplatz suchen. Fast ganz Christchurch ist eigentlich eine Free Camping Zone, in der wir mit unserem Self-Contained Campervan zwei Nächte je Kalendermonat übernachten dürfen, Wohngegenden und Reservate ausgeschlossen. Auf der Website ist eine Karte der erlaubten und verbotenen Zonen abgebildet und so übernachten wir einmal problemlos in einem Park, wo uns am nächsten Morgen Jogger zum schönen Frühstücksort gratulieren.
Ein andermal haben wir weniger Glück. Obwohl wir den Park am Stadtrand auf Verbotsschilder prüfen und mehrmals online nachschauen ob er sich in der Freedom Camping Zone befindet, werden wir morgens um 7:00 Uhr unsanft von einem Ranger geweckt. Der plustert sich auf und zetert etwa zehn Minuten, droht mit Meldung und einer Geldstrafe, bis wir ihm erklärt und gezeigt haben, dass sich sein Park in der “erlaubten” Zone befindet und wir tatsächlich zertifiziert “self-contained” sind. Er lässt uns zum Glück – etwas resigniert – ohne Bußgeld ziehen.
In Sachen Vorschriften macht uns Deutschen niemand so leicht etwas vor!

Die meiste Zeit in Christchurch verbringen wir wahrscheinlich in der Bibliothek, wo wir den Blog bearbeiten, unsere Weiterreise organisieren und für potentielle Käufern für Heinz erreichbar bleiben wollen. Die Peterborough Library liegt super zentral und bevor wir vom vielen Laptop-Starren viereckige Augen bekommen, gehen wir mal kurz vor die Tür und entdecken coole Orte in unmittelbarer Nähe. Da ist zum Beispiel der Sound Garden direkt gegenüber, wo man aus Instrumenten aus Schrott Krach machen kann, oder Kakano, eine Kochschule und Café, die alle Zutaten selbst in ihrem weitläufigen Hochbeet-Garten anbauen und ausgewählte, saisonale Snacks und Desserts anbieten.

Einen weiteren schönen Ort entdecken wir etwas außerhalb vom Zentrum. Die Tannery ist eine alte Ziegelfabrik mit hübschen Backsteingebäuden und beherbergt ein Kino, mehrere Restaurants und Bars, Friseure, Gallerien und viele coole Läden. Aber unser größtes Highlight dort ist eine kleine Bäckerei, wo es ein “richtiges” Körnerbrot gibt, das wir bis heute schmerzlich vermissen.

Irgendwann haben wir in Christchurch fast alles gesehen, beim Verkauf tut sich immer noch nichts und wir haben das untätig herumsitzen satt. Also fahren wir an einem sonnigen Tag raus nach Akaroa auf der Banks Peninsula. Die Halbinsel ist der Überrest eines erloschenen Vulkans vor der Küste und der Krater bildet, geflutet vom Meer, einen natürlichen Hafen. Wir fahren durch kleine Fischerorte, passieren flauschige Schafe hinter Weidezäunen und finden einen netten Übernachtungsort am Ortseingang von Akaroa.

Am nächsten Tag ist ANZAC-Day, der neuseeländische und australische Militär-Gedenktag. Die kleine Stadt ist deshalb ganz leer gefegt und wir finden schließlich alle Bewohner um ein Denkmal versammelt und einer Rede lauschend. Auf dem Weg zum Otepatotu Track, der sagenhafte Blicke über die Halbinsel verspricht, fahren wir direkt in die tief hängenden Wolken hinein, bis wir nur noch wenige Meter weit sehen können. So wird das nichts mit den tollen Panoramablicken!

Also ändern wir kurzum den Plan und fahren wieder nach unten. Es ist ja nicht so, als gäbe es nicht genügend schöne Orte zu entdecken. Wir steuern die Onawe Peninsula an, eine Halbinsel in der Halbinsel. Wenige andere Touristen verirren sich auf die kurze Schotterstraße und noch weniger klettern entlang der orange leuchtenden Felsen bis zum Ende der Halbinsel. Wir genießen den tollen Blick über Akaroa und die gesamte Bucht, die Sonne, die sich durch die Wolken gekämpft hat und die Tatsache, dass wir mal wieder einen so schönen Ort in Neuseeland fast für uns alleine haben.

Auf dem Rückweg nach Christchurch stoßen wir noch auf SiloStay und bestaunen die witzigen Ferienwohnungen in ausgebauten Futtersilos.

Und endlich klingelt auch das Handy wieder und wir haben einen neuen Interessenten für den Van. Für den nächsten Tag wird ein Besichtigungstermin ausgemacht und nachdem Elize und Luc aus Holland eine Probefahrt gemacht haben, müssen wir uns wieder gedulden. Der Van gefällt ihnen gut, jetzt muss aber noch ein Fachmann reinschauen und ihnen Sicherheit verschaffen. Zwei Tage später wird Heinz also aufgebockt und auf Herz und Nieren geprüft. Als der Mechaniker mit dem Klemmbrett aus der Werkstatt kommt, klopft unser Herz wie wild, aber sein Fazit: Für das Alter (20 Jahre!) ist er noch top in Schuss und bis auf die optischen Mängel fehlt ihm auch nichts. Elize, Luc und wir sind erleichtert und der Deal ist eingetütet.
Die beiden lassen uns sogar noch die letzten Nächte bis zu unserem Flug im Van übernachten und fahren uns nach einem gemeinsamen Abendessen sogar noch zum Flughafen. Dort verkünden die beiden dann auch noch die Namensänderung und gleichzeitige Geschlechtsumwandlung von Heinz in “Lola”.

Heinz hat uns 4 ½ Monate treue Dienste geleistet und wir sind ein bisschen traurig, als wir den Schlüssel endgültig rausrücken müssen. Die Übergabe von Heinz besiegelt so endgültig, dass unsere grandiose Zeit in Neuseeland vorüber ist. Die beiden Inseln mit ihrer kontrastreichen Natur und den entspannten und immer freundlichen Bewohnern werden uns sicher noch lange in guter Erinnerung bleiben.
Aber lange brauchen wir nicht traurig sein, denn von hier aus geht es weiter nach Melbourne und wir sind schon gespannt, was uns in Australien erwartet!