Wir haben bereits den nördlichsten und den südlichsten Punkt Neuseelands besucht, fehlt also eigentlich nur noch der Höchste (Tiefpunkte versuchen wir auf unserer Reise grundsätzlich zu vermeiden!). Wir lassen also die Küste hinter uns und biegen mit Heinz scharf nach links ab. Nächster Halt: Mount Cook? Nicht ganz. Auf dem Weg zu Neuseelands höchstem Berg gibt es einiges zu sehen. Zuerst steuern wir den Lake Pukaki an, machen jedoch noch eine kleine Detour zu den Clay Cliffs of Omarama.

Kurz nach der Abzweigung auf eine Schotterstraße erwarten uns ein breites Gatter, ein kleiner Spendenkasten und eine Kamera, die vorwurfsvoll über dieses Ehrlichkeitsprinzip wacht. Fünf Dollar soll man pro Auto einwerfen, damit man die Felsformationen auf Privatgrundstück erkunden darf. Gesagt, getan und kurze Zeit später stehen wir, nach den Pancake Rocks und den Moeraki Boulders, vor einem weiteren Rätsel der Natur hier in Neuseeland.

Lehm hat sich hier Millionen von Jahren zu interessanten Felsformationen aufgetürmt und erinnert aus der Ferne an eine riesige Sandburg. Aber es sind nicht nur die Clay Cliffs, die einen Besuch lohnenswert machen, auch der Blick zurück über das Tal ist beeindruckend. Vor allem jetzt, im Herbst, leuchten die Felder und Wiesen gelb-gold, die Hagebutten knallrot und der Himmel scheint im Kontrast noch blauer.

Am Lake Pukaki angekommen, erleben wir gerade noch einen tollen Sonnenuntergang mit dem schneebedeckten Gipfel des Mount Cooks am Horizont und suchen uns dann einen Platz zum Übernachten am südlichen Ende des Sees.

Die Nacht ist sternenklar und das bedeutet auch wieder Zusammenkuscheln im Van, denn es ist eisig kalt. Am nächsten Morgen sammeln wir mal wieder Elizabeth und Baker auf (4 Personen, 3 Sitze, 1 großes Mysterium) und fahren Richtung Mount Cook ins Glacier Valley. Dort kann man eine kurzen Wanderung zum Aussichtspunkt machen und von dort auf den Tasman Glacier Lake und leuchtende Eisberge schauen.

Der Aufstieg dauert nur 15 Minuten und wir blicken schließlich auf einen großen, grauen See, in dem noch ein paar kleine, schmutzige Eisbrocken herumdümpeln. Aber die Aussicht auf die umliegenden Berge ist grandios, die Sonne strahlt vom Himmel und wir freuen uns jetzt schon auf den Hooker Valley Track, den wir später noch zu zweit laufen werden.

Aber vorher müssen wir noch unsere Freunde zurück in die Ortschaft Mount Cook (bestehend aus Ferienhäusern und einem großen, sehr hässlichen Hotel) bringen, wo ihr Bus zurück nach Queenstown abfährt. Im Hotel nehmen wir noch einen letzten gemeinsamen Snack zu uns und werden quasi zu Kleinkriminellen, als wir anfangen, die teilweise kaum angerührten Pizzen von den Tischen asiatischer Touristen zu klauen (nachdem diese gegangen sind natürlich!). Gelegenheit macht Pizza-Liebe.

Später am Nachmittag parken wir unseren Heinz am Eingang des Hooker Valley Tracks. Der Weg führt uns entlang eines Flusses durch das Tal. Meist geht es über Holzstege oder schwingende Hängebrücken, während sich der Wanderweg durchs Hooker Valley schlängelt und Mount Cook immer wieder in seiner schneeweißen Pracht an einer Biegung hervorspitzt.

Der Track ist zum größten Teil ebenerdig und deshalb für jedes Fitnesslevel geeignet. Natürlich ist hier deswegen auch viel los aber der Blick, den wir den ganzen Weg über haben, macht für das wuselige Männleinlaufen wett.

Nach ungefähr 40 Minuten stehen wir dann vor dem Gletschersee Hooker Lake, der vom Mount Cook überthront wird. Die frühe Abendsonne taucht alles in goldenes Licht und wir genießen das fantastische Panorama für einen ruhigen Moment, bis neben uns jemand eine Drohne mit ohrenbetäubendem Lärm in die Höhe schickt. Naja, es waren schöne fünf Minuten.

Für den nächsten Tag haben wir uns den Nachbarsee von Lake Pukaki vorgenommen, Lake Tekapo. Dem NZ Frenzy entnehmen wir den Tipp, statt dem regulären Highway der Straße direkt am östlichen Seeufer Pukakis zu folgen, um während der Fahrt tolle Blicke über den See zu genießen und ein bisschen “Back Road Abenteuer” zu erleben. Dabei haben wir nicht bedacht, dass wir keinen stabilen Allradwagen, sondern einen klapprigen, zwanzig Jahre alten Kleinbus fahren. Geschüttelt, nicht gerührt kommen wir nach einer halben Ewigkeit am Eingang des gleichnamigen Orts Tekapo an.

Eine überschaubare Ladenstraße mit Cafés, Reisebüros und Geldautomaten, die Tekapo Hot Springs unterhalb vom Aussichtsberg Mount John und ein riesiger Parkplatz vor Tekapos Touristenmagneten, der kleinen Steinkapelle Church of the Good Shepherd, machen das Stadtbild aus. Die Kirche ist das Foto-Objekt tausender Instagram-Bilder und inzwischen weltberühmt. Auch wir haben uns von diesem hübschen Motiv locken lassen und schlendern kurz nach unserer Ankunft dort hin.

Nur, was auf all diesen hübschen Fotos nicht zu sehen ist, sind die Scharen von Touristen, die Tourbusse, die Schulklassen und die Selfie-Sticks. Nach einem kurzen Blick ins Innere (schlichtes Holz-Interieur und wunderschöner Blick durch eine Glaswand hinter dem Altar zum See) und einem Spaziergang durch das kleine Städtchen landen wir bei einem Tourismusbüro, wo unser Blick auf das Angebot “Hot Pools & Stargazing” fällt.

Tekapo liegt nämlich inmitten eines der wenigen “Dark Sky Reserves” weltweit, das Regionen mit extrem geringer Lichtverschmutzung auszeichnet und somit einen besonders klaren Nachthimmel verspricht. Außerdem gibt es zwei Observatorien, die am Nachthimmel forschen und wo Touristen an Führungen teilnehmen können. Wir entscheiden uns jedoch für die Wellness-Variante: erst Sterne schauen und dann die Thermalbecken genießen. Eine Dusche ist auch mal wieder fällig – wir müssen praktisch denken!

Um 23 Uhr beginnt unsere Führung bei den Tekapo Hot Pools. Mit ein paar anderen Leuten finden wir uns auf der Terrasse ein, werden von einer netten Studentin begrüßt und bekommen eine kleine Einweisung in den neuseeländischen Nachthimmel. Den Großen Wagen und den Polarstern sucht man hier vergeblich, schließlich sind wir auf der Südhalbkugel. Hier orientiert man sich stattdessen am Southern Cross, Alpha und Beta Centauri und der hellste Stern heißt Sirius. Die Milchstraße ist deutlich zu sehen, auch wenn der aufgehende Mond den Nachthimmel zunehmend heller macht.

Drei Teleskope stehen bereit, die auf Mond, Saturn und Jupiter gerichtet sind. Der Mond ist riesig und durch das Teleskop kann man ganz deutlich die Krater auf der Oberfläche ausmachen. Wir schaffen es sogar, ihn mit dem Handy durchs Objektiv zu fotografieren. Bei Saturn und Jupiter müssen wir uns schon mehr anstrengen. Zwar kann man um den hell leuchtenden Jupiter herum die Sternen ”Cluster” erkennen, von der unser Guide gesprochen hat, aber trotz super Teleskop ist der Planet winzig und wir müssen das Auge schon stark zusammenkneifen, um den Umriss Jupiters deutlich zu sehen. Einfacher wird es bei Saturn. Hier können wir ganz klar den Ringgürtel sehen, nur für einen seiner Monde, die gerade zu sehen sein sollen, sind unsere Augen (oder das Teleskop) zu schwach.

Nach einer Stunde Staunen, Sternbilder deuten und Augen zusammenkneifen geht es in die Umkleide und weiter in die warmen Thermalbecken. Das Wasser hat angenehme Badewannentemperatur und wir bekommen sogar noch eine Art Wasserhängematte, auf der man herrlich faul schweben kann, während man in den Sternenhimmel schaut. Zu unserer Gruppe gesellt sich noch ein anderer Tourguide, der Astrophysik studiert, und tiefschürfende Fragen wie – “Glaubst du an Außerirdische?” – beantworten kann.

Die restliche Nacht verbringen wir auf dem idyllisch gelegenen Lake Alexandrina Camp Ground und kommen so am nächsten Morgen unverhofft in den Genuss eines Frühstücks mit Kitsch-Blick auf einen glitzernden See, der von bunten Herbstbäumen gesäumt wird und auf dem ein paar schwarze Schwäne ihre Bahnen ziehen.

Danach machen wir uns auf, die White Bluffs of Tekapo zu entdecken, eine Attraktion, die tatsächlich noch zu geheim ist, als dass man von ihr in den Touri-Büros oder Reiseführern erfahren würde. Wir folgen den Markern auf dem Peninsula Track, die etwa hüfthoch und ein wenig unscheinbar sind, über Wiesen, vorbei an Dornenbüschen und dem ein oder anderen Hasen, der erschrocken davon hoppelt, ans Seeufer.

Der Lake Tekapo leuchtet in einem tiefen Blau und das Wasser ist so klar, dass wir am liebsten hineinspringen würden. Über einen breiten Kieselstrand laufen wir, bis sich schließlich naben uns die White Bluffs, eine helle Felswand aus Kalkstein, auftut. Tatsächlich ist diese Steinformation vom Ort Tekapo aus nicht sichtbar, weil sich das Seeufer hier vor der die Halbinsel krümmt. Man könnte sie sonst also nur vom Wasser aus auf einem Boot sehen, und so entdeckt man die White Bluffs nur wenn man aktiv danach sucht.

Am Nachmittag geht Felix nochmal seiner Wanderlust nach (Lisa liest am Seeufer) und läuft auf den Mount John hoch. Der Mount John Summit Circuit Track hoch zum großen Observatorium schlängelt sich durch einen schattigen Wald, bis man die Baumgrenze erreicht hat und über ein grasiges Feld den Gipfel erreicht. Auf 1029 Metern über dem Meeresspiegel findet man zwei große Teleskope, das Astro Café und einige Gebäude der University of Canterbury.

Das Panorama, das sich hier bietet, ist auch tagsüber nicht schlecht, denn man kann komplett über den sagenhaften Lake Tekapo und auf die umliegenden Berge blicken. Auf dem kleinen Neben-”Gipfel” entdeckt man noch eine besonders montierte Bank, die wahrscheinlich das bequeme Betrachten des Nachthimmels ohne Nacken-Verrenken möglich macht.

Von Tekapo aus fahren wir weiter nach Mount Somers, von wo aus wir am nächsten Morgen zum Mount Sunday starten wollen. Eine kalte Nacht auf einem Rastplatz später sind wir en Route zu diesem “Herr der Ringe”-Schauplatz, den Fans als Edoras kennen sollten und auf dessen Spitze für die Dreharbeiten tatsächlich die große Königshalle gebaut wurde.

Auf der einsamen Straße müssen wir erst einigen Kühen Vorfahrt lassen und laufen dann vom Parkplatz los in das weitläufige Tal. Der erste Teil des Weges wird nach Regen (so wie heute!) zum Bachlauf und wir müssen olympische Weitsprungtechniken anwenden, um nicht nass zu werden. Danach geht es, weniger ereignisreich, über ein paar kleine Holzbrücken und befestigte Wege, bis wir den Fuß des Hügels erreichen.

Über einen schmalen Grat geht es nach oben und kurze Zeit später stehen wir oben auf Mount Sunday. Von den Filmrequisiten ist natürlich nichts mehr da und wir erspähen von hier oben auch keine feindlichen Heere, nur Kühe, die friedlich grasen und sich zwischendurch lautstark bemerkbar machen.

Auf der Weiterfahrt treten wir beim Anblick bei der türkis strahlenden Rakaia River Gorge auf die Bremse und schauen kurz ein paar Speedbooten beim Starten zu. Dieser Fluss wird anscheinend durch dieselbe Mischung an Sedimenten wie der Hokitika River so unnatürlich hellblau gefärbt. Das trifft sich gut, denn als wir in Hokitka waren, gab es nach drei Tagen Regen nur braune Brühe zu sehen.

Unsere Zeit in Neuseeland ist bald zu Ende, aber bevor wir nach Christchurch fahren und daran denken können, Heinz zu verkaufen, machen wir noch einen Schlenker landeinwärts in Richtung Arthur’s Pass. Dies ist eine andere beliebte Routenoption für Reisende, die von Christchurch aus die Westküste der Südinsel abfahren wollen. Wir schlagen aber vor dem Pass am Diamond Lake unser Nachtlager auf. Auch hier erwartet uns wieder eine kalte Nacht, für die wir aber mit einem magischen Nebel über dem See am nächsten Morgen belohnt werden.

Unser Ziel ist heute der Castle Hill, ein grüner Hügel inmitten von Skigebieten, auf dem eine Ansammlung von Felsen wie ein eingefallenes Schloss thronen.
Mit dem Wetter haben wir auch wieder richtig Glück und die Sonne strahlt vom wolkenlosen Himmel.

Wir laufen das ganze Gelände einmal ab, steigen durch Felsspalten und klettern auf einzelne Steinbrocken. Hier trifft man neben Wanderern und Picknickern auch viele Kletterer (= Boulderer), die, ihre Fallmatten wie überdimensionierte Rucksäcke geschultert, nach dem perfekten Felsen suchen.

Bevor wir auf den Highway nach Christchurch fahren, gabeln wir noch einen jungen deutschen Anhalter auf und nehmen in bis in die große Küstenstadt mit. Jetzt wird es ernst: wir müssen Heinz inserieren, verkaufen und dann unsere Weiterreise nach Australien organisieren!