Bei strömendem Regen kommen wir in Dunedin an, der zweitgrößten Stadt der Südinsel Neuseelands. Gleich fällt uns auf, wie sehr es an eine schottische Stadt erinnert, mit dunklen Backsteinen, gotischen Kirchen und Regierungsgebäuden und einem Belle-Epoque Bahnhof. Bei einem kurzen Besuch im Infozentrum erfahren wir, dass der Stadtname tatsächlich schottisch-gälisch für Edinburgh ist.
Ein Edinburgh 2.0 am anderen Ende der Welt sozusagen.

Trotz Regen wird uns in Dunedin nicht langweilig. Es gibt viel zu entdecken, Kunst zum Beispiel. Am Nachmittag schauen wir in die Public Art Gallery und wie bei den meisten Museen in Neuseeland ist auch hier der Eintritt kostenlos. Uns erwartet eine wilde Mischung an Kunstsammlungen, deren bunte Farben eine willkommene Abwechslung vom grauen Nieselwetter bieten.

Mehr Kunst gibt es draußen, um genau zu sein, an den Häuserwänden zu sehen. Zahlreiche bunte Streetart-Schätze von lokalen und internationalen Künstlern zieren Mauern und Backsteinwände in Dunedin.

Es gibt sogar einen Street Art Trail, dem wir folgen, als der Himmel ein bisschen aufreisst, und so verbinden wir die 28 Kunstwerke miteinander und bestaunen die genialen Bilder. Nebenbei erkundet man dabei noch die Stadt abseits der belebten Einkaufsstraße im Zentrum.

Als hätten wir uns nicht schon genug kulturell weitergebildet, beschließen wir, auch noch ins Otago Museum zu gehen. Kost‘ ja nix! Hier gibt es hauptsächlich naturwissenschaftliche Ausstellungen und wir können Fossilien längst ausgestorbener Urtiere, wie dem bis zu zweieinhalb Meter hohen Laufvogel Moa oder dessen Erzfeind dem Haast Adler, bestaunen.

Dazu gibt es noch Demonstrationen der Traditionen und Rituale verschiedener Inselvölker um Neuseeland herum bis hin zur kompletten Insekten-, Vogel-, -Fisch- und Säugetierwelt Aotearoas.

Zur Stärkung nach der ganzen Weiterbildung gibt es zum Glück viele gemütliche Cafés, in denen man auch die Regenschauer absitzen kann. Wir landen erst im vegetarischen Potpourri Cafe und am nächsten Tag im Governor’s Café und genießen guten Kaffee, Kuchen und schnelles Internet. Wir übernachten mit unserem Heinz neben einem Pub mitten in der Stadt, was Nachtwanderungen zur nächsten öffentlichen Toilette bedeutet und mitleidige Blicke von Passanten bei einem versuchten Freiluftfrühstück bei Nieselregen auf uns zieht.

Als das Wetter nach drei Tagen endlich aufklart, machen wir uns auf zum berühmten Tunnel Beach. Wenn man den vom Regen aufgeweichten Weg hügelabwärts gemeistert hat und auf die ins Meer ragenden Sandsteinfelsen blickt, könnte man vielleicht meinen, der Name Tunnel Beach kommt von dem tunnelartigen Bogen, den das Wasser in den Stein gewaschen hat.

Aber nein, der Grund ist ein anderer. Völlig unscheinbar liegt der Eingang zu einem von Menschenhand gebauten, schmalen und dunklen Tunnel, der steil durch den Felsen nach unten zu einem kleinen Strandabschnitt führt. Hier hat John Cargill in den 1870ern für seine Familie einen privaten Zugang bauen lassen, damit sie ungestört von ihrem Anwesen zum Strand am Fuße der rauen Steilküste gelangen konnten.

Weiter geht es auf die Otago Peninsula, den Rand eines – ihr werdet es bereits ahnen – uralten Vulkankraters. Dort steuern wir den Sandy Mount an, einen grasbewachsenen Hügel mit Aussichtspunkten über die Küste.

Die hügelige Küstenlandschaft erinnert uns einmal mehr an Schottland (obwohl Felix noch die da war, aber jetzt immer mehr dort hin möchte). Vom Parkplatz am Sandy Mount laufen wir einen Rundweg, der uns an Lovers Leap, einer natürlichen Steinbrücke, die aufgrund der Meeresfluten darunter und Erosion immer dünner wird (und deren Ausmaß extrem schwierig auf Fotos festzuhalten ist – versucht mal die Schafe im Foto als Referenzpunkt zu entdecken), und The Chasm vorbeiführt, einem weiteren Aussichtspunkt  auf der Steilküste, von wo es ungefähr 200m in die Tiefe geht.

76 km nördlich von Dunedin findet man die Moeraki Boulders, kugelrunde Felsbrocken, die am Strand vor der Küste liegen. Bei Ebbe kann man die meisten sehen, aber diesmal haben wir uns nicht an den Gezeiten orientiert und kommen kurz vor “high tide” (Flut) in Moeraki an. Warum es sich einfach machen, wenn es auch kompliziert (=nass) geht? Wir waten also mit unseren Schlappen in der Hand, die Hosen bis zu den Knien hochgekrempelt, durch die seichten Wellen, bis die ersten Kugeln in Sicht kommen.

Schon auf der Nordinsel haben wir dieses Naturphänomen bei den Koutu Boulder bewundern können. Aber hier in Moeraki sind die Steine noch ein bisschen größer und vor allem runder. Die boulders variieren von einem halben Meter bis zwei Meter Durchmesser und bestehen aus Schlamm, Lehm und Ton.

Auf dem Rückweg finden wir auch ein Exemplar, das in seine Einzelteile zerbrochen ist und wir können genau sehen, wie die Kugeln aus verschiedenen Schichten zusammengesetzt sind.

Unser nächstes Ziel ist die Stadt Oamaru weiter nördlich, die bei Reisenden vor allem wegen dem skurrilen Steampunk Headquarters bekannt ist.

Unter Steampunk versteht sich ein Kunstgenre und Subkultur, in der sich moderne Maschinen und Aparaturen mit Mitteln und Techniken aus dem viktorianischen Zeitalter vorgestellt werden. Somit entstehen zum Beispiel moderne Computer mit Dampfmaschinenteilen und retrofuturistischen Elementen. Ein Museum voller dampfender Maschinen mit vielen mysteriösen Knöpfen und Funktionen haben wir uns ungefähr vorgestellt, als wir das alte Bahngebäude betreten, die 10$ Eintritt am Eingang bezahlen und in den schummrig beleuchteten ersten Raum gebeten werden.

Der erste Blick fällt auf eine umfunktionierte Kirchenorgel, die statt besinnlichen Klängen wirren Lärm, moderne Beats oder Raketenstartkommandos von sich gibt. Überall stehen Skulpturen aus Schrottresten und Metalstücken, Autos mit wild zusammengeschweißten Teilen oder auch eine riesige Krabbe aus Zahnrädern. Alles ganz nett, aber mit viktorianischen Dampfmaschinen oder der Steampunkästhetik hat das Ganze relativ wenig zu tun.

In der letzten Ecke finden wir die Tür zum “Portal”, einem rundum verspiegelten Raum mit dutzenden Lichterketten, die zu sphärischer Musik verschieden aufleuchten. Von allen Exponaten ist dieser Raum wahrscheinlich am spannendsten, deswegen starten wir die dreiminütige Prozedur gleich ein zweites mal.

Als wir danach blinzelnd in den Hof hinaustreten, stoßen wir noch auf einen alten Zugwaggon und ein riesiges Motorrad aus rostigen Metallteilen und aus manchen Ecken grinsen uns ein paar Totenköpfe entgegen. Nach sage und schreibe einer halben Stunde stehen wir wieder draußen und insgesamt haben wir uns vom Steampunk HQ irgendwie mehr erwartet und sind ein bisschen enttäuscht.

Die Enttäuschung hält aber nicht lange an, denn ein kurzer Blick auf die Karte verheißt Gutes. Jetzt geht es wieder in die Berge! Nächster Stopp: Mount Cook.