Nach drei Tagen im Fjordland kehren wir den Bergen im Südwesten den Rücken und kommen nach langer Fahrt im kleinen Ort Winton an. Eigentlich wollen wir hier auf einem Parkplatz im Industriegebiet übernachten, den die App CamperMate vorschlägt. Nachdem wir dort aber einen Blick in die geparkten Autos werfen, deren Rückbänke in leeren Bierflaschen und -dosen ertrinken, überlegen wir es uns anders und steuern die (hoffentlich ruhigere) Dunsdale Recreation Area mitten im Wald an.

Eine halbe Stunde geht es über holprige Straßen, auf denen wir kraterartigen Schlaglöchern und Pfützen ausweichen, durch den Wald. Im Dunkeln kommen wir auf einer großen, von Bäumen eingerahmten Wiese an, über uns leuchten die Sterne im klaren Nachthimmel. Außer uns stehen nur ein paar Pick-Up Trucks und zwei Zelte da und als wir gerade kochen, grüßen uns zwei junge Typen und fragen, ob wir auch zum Jagen da sind. Wir schauen uns etwas beunruhigt an, aber die Jungs sind nett und erzählen uns, dass sie gleich morgen früh losziehen werden, um Wild zu schießen. Vielleicht würden wir nachts auch die Hirsche hören. Aber wir haben eine ruhige und hirschfreie Nacht. Am nächsten Morgen scheint die Sonne und wir nutzen nach einem gemütlichen Frühstück erst mal die riesige, grüne Wiese zum Beachtennis spielen.

Als wir nach Invercargill hinein fahren, halten wir beide gespannt die Luft an, denn der Ruf als hässlichste Stadt Neuseelands ist dem Ort über viele Camper zu uns vorausgeeilt. Aber überraschenderweise finden wir nichts, was dieses Gerücht bestätigen könnte. Es handelt sich um eine ganz normale neuseeländische Stadt: ein Industriegebiet am Rand, im Zentrum eine lange Einkaufsstraße mit einigen sehr schön restaurierten historischen Gebäuden, die Küste gleich vor der Tür. Wir haben allerdings auch kein Sightseeing für den Tag eingeplant, Wäsche waschen und eine Dusche stehen auf dem Camper-Programm! Aber für den nächsten Morgen haben wir uns eine kuriose Touristenattraktion ausgesucht: Demolition World.

Wir folgen den Schildern und parken auf einer Art Schrottplatz, um uns herum Container, alte Ladenschilder, ausgeschlachtete Autos. Als wir aussteigen, hören wir schon aufgeregtes Geschnatter und Gegacker und sehen einige Hühner über den Weg flitzen.

Eine Dame begrüßt uns freundlich und gibt uns zu verstehen, dass wir uns einfach frei umschauen können, der Eintritt sei gratis aber man freue sich über Spenden. Die Demolition World ist wie eine kleine Westernstadt aufgebaut, mit einer “Hauptstraße” aus kleinen Holzhäuschen, die beim geringsten Windstoß auseinander zu fallen drohen.

Da gibt es zum Beispiel eine Kapelle, ein Damenmodegeschäft oder einen Zahnarzt. Die Einrichtung besteht aus einem verstaubten Sammelsurium an Antiquitäten, Schrott und sonstigen Fundstücken und die Akteure sind gruselige (Schaufenster-) Puppen.

Über einen Gartenpfad vorbei an hübschen Rosenbeeten gelangen wir zu einem großen Gehege mit Enten und Hühnern, die gerade von einer ängstlichen Gruppe Kindergartenkinder gefüttert werden. Auch hier kann man wieder in künstliche Läden, Arztpraxen oder Supermärkte hineinspitzen und es gibt sogar ein echtes altes Bahngleis, einen Planwagen, Kutschen, ein Tipi und ein Boot.

Weiter geht es nach Bluff, der südlichsten Stadt Neuseelands. Manche Reisende verbinden die beiden Punkte Cape Reinga im Norden der Nordinsel und Bluff ganz im Süden mit dem Fahrrad oder zu Fuß, mit 3.000km der längste zusammenhängende Trail Neuseelands. Bluff selbst ist ein kleines Nest, bekannt vor allem durch seine „Bluff Austern“. Aber wir sind nur hergekommen, um vom Aussichtsberg zu schauen und diesen kultigen Ort “abzuhaken”, wenn wir schon in der Nähe sind. Jetzt haben wir Neuseeland tatsächlich von ganz oben bis ganz unten durchfahren!

Ab jetzt führt unsere Route an der Ostküste nach oben. Zuerst machen wir in den Catlins Halt, einer grünen und hügeligen Landschaft, die zum Wandern und an den Stränden zum Surfen und Schwimmen einlädt. In der Porpoise Bay soll es Hector Delfine geben, nebenan in der Curio Bay die seltenen Yellow Eyed Penguins. Das Wetter schwankt leider zwischen Regengüssen und dunklen Wolken, weshalb wir uns damit begnügen, die Rückenflossen der kleinen Delfine vom Strand aus zu beobachten und legen uns am Nachmittag auf die Lauer auf Pinguine.

Gegen Spätnachmittag steigen wir die Stufen zum Petrified Forest hinunter und sehen erstmal “nur” den versteinerten Wald. Überall sieht man nahezu komplett erhaltene Baumstümpfe, die aus dem Gezeitenriff herausragen. Wir entdecken einen querliegenden Baumstamm, an dem man die Rinde noch perfekt erkennen kann und in manchen Baumstümpfen könnte man noch die Ringe zählen.

Unsere Aufmerksamkeit fällt auf den hinteren Teil der Bucht, wo eine Gruppe Touristen aufgeregt auf ihre Kamera-Auslöser drückt. Und da stehen tatsächlich zwei Gelbaugen-Pinguine, die auf dem Weg vom Wasser in ihren Bau sind. Relativ unbeeindruckt putzen sie sich und schauen sich um, die gaffenden Besucher sind sie anscheinend schon gewohnt.

Die Pinguine sind bei weitem nicht so hübsch anzusehen wie ihre chilenischen Artgenossen in Punta Arenas, die wir im November gesehen haben, aber trotzdem ist es immer wieder faszinierend, solchen exotischen Tieren in (zum Glück) freier Wildbahn zu begegnen.

Wo Hügel sind, will auch gewandert werden und so machen wir uns am nächsten Tag auf den Weg, den Waipohatu Waterfalls Loop zu erkunden. Durch dichten native bush geht es über matschigen Waldboden. Wo es zu schlammig und rutschig ist, wurden Stücke von faserigen Palmenstämmen ausgelegt.

Der Regen der letzten Tage hat die Luftfeuchtigkeit noch spürbar gesteigert und wir sind nach kurzer Zeit komplett nass geschwitzt. Nach einer halben Stunde erreichen wir den ersten namenlosen Wasserfall und staunen mal wieder darüber, dass wir hier die einzigen Menschen weit und breit sind.

Nach kurzem Aufstieg geht es hinunter zu Wasserfall Nummer Zwei, wo das Rauschen und ein paar Vogelgesänge die einzigen Geräusche sind, die diesen friedlichen Ort untermalen. Für den Rückweg brauchen wir noch eine gute halbe Stunde und suchen uns danach einen Platz zum Übernachten. Von hier sind es noch fast 200km entlang der Küste bis zu unserem nächsten größeren Ziel, Dunedin. Leider machen uns ein streikender Scheibenwischer und Dauerregen einen Strich durch die Rechnung und wir müssen einige Sehenswürdigkeiten wie die Cathedral Caves und den Leuchtturm am Nugget Point (in diesem Fall) rechts liegen lassen.