Nach unserem Gletscherabenteuer in Franz Josef kehren wir der Westküste den Rücken und ziehen in Richtung Southern Lakes Region weiter. Doch bevor man das Seenland erreicht, muss man noch den Haast-Pass überwinden. Eine Wegstrecke, die landschaftlich einiges zu bieten hat, vor allem für Fans von Wasserfällen. Wir folgen mal wieder unserem kleinen gelben Buch und finden kurz nach Haast bereits das erste Exemplar.

Von einem völlig unscheinbaren, kleinen Kiesplatz am Straßenrand folgen wir einem kaum erkennbaren Trampelpfad in den Wald. Dem NZ Frenzy vertrauen wir inzwischen blind und nicht zu Unrecht. Nach wenigen Metern hören wir schon das Rauschen, das immer lauter wird und nach drei Minuten stehen wir vor einem wunderschönen, breit gefächerten Wasserfall, der Depot Creek Fall genannt wird. Das klare Wasser in den Becken sieht mehr als einladend aus, wenn er es doch nur nicht schon so kalt wäre …

Der nächste Wasserfall-Hot Spot liegt an einem breiten Kiesbett, wo sich unter Besuchern der Trend durchgesetzt hat, möglichst hohe Türme aus runden Kieselsteinen zu bauen. Am gegenüberliegenden Ufer plätschert der Fantail Waterfall, aber diese Steinkunst ist fast spannender.

Als wir den Haast Pass überwunden haben, machen wir noch bei den beliebten Blue Pools im Mount Aspiring Nationalpark Halt. Ein halbstündiger Wanderweg vom Parkplatz führt durch den Wald und über zwei Hängebrücken und über das unglaublich klare und tiefblaue Wasser des Makarora Rivers.

Hinter dem Pass ändert sich die Landschaft dramatisch. Der dichte, grüne Regenwald öffnet sich und wird von goldenen Hügeln unter weitem, blauem Himmel abgelöst. Die Straße führt uns entlang dem Nordufer des Lake Wanakas, bis wir nach Osten zum Lake Hawea abbiegen.

Hier wollen wir uns ein Picknick am treffend benannten Bottom Bay genehmigen und freuen uns, denn an dem unscheinbaren Schild von der DOC steht kein einziges Auto. Wir müssen durch ein Kuhgatter und entlang einer eingezäunten Weide den Hügel hinab zum Seeufer. Die Kühe beäugen uns neugierig und, wie wir finden, auch ein wenig misstrauisch und wir behalten vorsichtig den riesigen Stier im Auge, als wir kurz über den Zaun in ihr Gehege klettern müssen.

Aber unsere Freude über diesen einsamen Strand, wo die Ruhe nur von dem ein oder anderen „Muh“ oder Gequake der Enten gestört wird, hält nicht lange an. Kaum haben wir uns auf unseren Allerwertesten niedergelassen, starten die Sandflies ihren Sturzflug auf uns und wir kommen vor lauter Geklatsche fast nicht zum Essen. Wir brechen unser Picknick also kurzerhand wieder ab und fahren weiter nach Wanaka.

Von diesem kleinen Ort und seiner Umgebung haben wir schon viel Gutes gehört und sind gespannt, was die nächsten Tage bringen. Felix spielt schon seit vor Reisebeginn mit der Idee, hier einen Fallschirmsprung zu machen. Die Kulisse mit den zwei großen Seen und den Southern Alps rundherum bietet sich dafür mehr als an, außerdem hat seine Schwester vor Jahren hier schon „vorgetestet“. In der Touristeninformation werden wir vom Freizeit-Angebot schier erschlagen. Skydiving, Bungee Jumping, Canyoning oder Speedboote – alles, was das Adrenalin-Junkie-Herz begehrt findet man zwischen Wanaka und Queenstown. Felix ergattert noch einen freien Platz bei SkyDive Wanaka für den nächsten Tag und reibt sich vorfreudig die Hände.

Aber zuerst genießen wir den sonnigen Nachmittag mit Ausblick auf den Lake Wanaka und holen unser missglücktes Picknick nach. Glücklicherweise nerven hier keine kleinen Stechviecher. Zur Feier des Tages (beim SkyDive kann man nie wissen…) beschließen wir noch, ins Kino zu gehen. Das Cinema Paradiso ist ein besonderes Filmhaus mit angeschlossenem Bistro.

Statt in Kinosesseln lümmelt man hier in den zwei Kinosälen gemütlich auf alten Sofas oder wahlweise in zwei alten Oldtimern. In der Pause (ja, der Film wird in der Hälfte einfach ausgeknippst!) kann man sich frisch gebackene Kekse an der Theke holen und Lisa springt gazellengleich über die zwei Sofareihen vor uns um ganz vorne in der Schlange zu sein.

Felix SkyDive

Der Morgenhimmel am nächsten Tag ist wolkenverhangen, aber als ich (Felix) meinen letzten Check-In Anruf eine halbe Stunde vorher mache, sagt mir die nette Dame am anderen Ende, dass alles nach Plan läuft und die Sprünge ausgeführt werden. Ich bin erleichtert, denn die Angst, dass der Sprung abgesagt wird, war größer als die eigentliche Angst vor dem Sprung.

Um Punkt 12:00 Uhr stehe ich aufgeregt an der Theke von Skydive Wanaka und checke ein. Nach dem obligatorischen Formular, das man bei solch lebensmüden Aktivitäten unterschreiben muss, gebe ich noch meine Daten ein und dann heißt es warten.

Im Foyer ist es leicht auszumachen, wer den Sprung noch vor sich hat, in den Gesichter ist nervöse Vorfreude, Neugierde und auch Angst zu sehen. Alle, die bereits gesprungen sind kommen mit einem vom Wind noch breiter gezogenen Grinsen aus dem Hangar und meine Vorfreude wird noch größer.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der ich mir immer wieder Frage stelle, ob ich das gerade tatsächlich machen werde, geht es los.

Ich bekomme einen rot-orangenen Jumpsuit in die Hand gedrückt und werde anschließend von einer netten Mitarbeiterin in den Gurt gesteckt und alles wird festgezurrt.

Im Hintergrund sieht man die fleißigen Helfer die Fallschirme packen und mir gibt die Gelassenheit, mit der sie ihre Arbeit verrichten, ein bisschen zu denken. Auf der anderen Seite ist Skydive Wanaka einer der bekanntesten Fallschirmsprung-Anbieter in Neuseeland. Was soll schon passieren …

Nach weiteren fünf Minuten lerne ich dann meinen “beautiful stranger” kennen, also meinen Tandempartner, der Mann, der weiß was zu tun ist und mich hoffentlich heil wieder auf die Erde bringt.

Bis das Flugzeug bereit ist machen Jack und ich ein bisschen Small Talk, denn im Gegensatz zu allen anderen Passagieren, bin ich der einzige, der keines der teuren Kamerapakete dazu gebucht hat und jetzt berühmte letzte Worte oder Liebesbekundungen an Mutti in die Actioncam spricht.

Dann geht’s ins Flugzeug, das im Inneren nur mit zwei langen Schaumstoffbänken eingerichtet ist. Mein Tandempartner und ich sitzen ganz vorne, mit dem Rücken zum Piloten, da wir als letztes springen werden. Im Gegensatz zum Rest der Truppe, die alle bei 12.000 Fuß abspringen, werden ich und eine verängstigte Irin bei 15.000 Fuß (4.572m) das Flugzeug verlassen.

Die Profis reißen blöde Witze und machen den nervösen Springern Angst. Ich versuche die ganze Zeit im kleinen Flugzeug irgendwie den Blick aus dem Fenster zu erhaschen, denn das Panorama mit den Seen und umliegenden Bergen ist wahnsinnig! Die Vorfreude steigt und ich kann es kaum erwarten.

Wir erreichen 12.000 Fuß, die Luke wird geöffnet, die Ampel schaltet auf grün und in wenigen Sekunden ist das eben noch komplett volle Flugzeug nahezu leer. Aus dem Fenster sieht man immer kleiner werdende Menschenbündel mit Vollspeed Richtung Boden fallen.

Keine zwei Minuten später – ich bin mittlerweile eng an meinen neuen besten Freund geschnürt – haben wir 15.000 Fuß erreicht. Auf dem Hosenboden rutschen wir die lange Bank bis vor zur Luke, wo die Irin mit ihrer separaten Kamerafrau bereits verschwunden ist und hängen unsere Beine aus dem Flugzeug. Am Boden hab ich mir noch ausgemalt, ob irgendwie runtergezählt wird und warte auf ein Kommando, aber nach einem kurzen: “Ready?” kippen wir einfach vornüber aus dem Flugzeug.
Wer bereits einen Fallschirmsprung gemacht hat, weiß wahrscheinlich, wie schwierig es ist, die nächsten 60 Sekunden zu beschreiben, da es eigentlich nichts vergleichbares gibt. Allein schon das Herauskippen aus dem Flugzeug und in den freien Fall übergehen ist Wahnsinn!

Und dann rast man einfach so nach unten.

Der Wind pfeift mir ums Gesicht und ich versuche mich zu orientieren, die Aussicht mitzunehmen, zu schreien, einfach alle Eindrücke irgendwie einzusortieren. Jack tippt mir auf die Schulter und zeigt zum Horizont. Ich kann “… Mount Cook!!” ausmachen und sehe Neuseelands höchsten Berg am Horizont hervorspitzen.

Dann öffnet sich der Fallschirm und ich kann zum ersten Mal richtig durchatmen. Wir segeln gemütlich nach unten, Jack erkundigt sich nach meinem Befinden, aber so richtig sagen kann ich nichts – ich bin einfach sprachlos.

Bevor wir landen, drehen wir noch ein paar Pirouetten und dann hat mich die Erde wieder. Noch voller Adrenalin und Endorphinen umarme ich Jack, beglückwünsche ihn zu seinem Job und wackle noch ein bisschen benommen zurück zum Hangar.

Während ich mich aus dem Overall schäle sehe ich Jack hinter mir bereits wieder zum Flugzeug gehen – im Schnitt macht er 10-15 Sprünge am Tag!

Als mich Lisa wieder in Empfang nimmt bin ich immer noch ganz seelig und verstehe jetzt die Gesichter der anderen, die ich vorher gesehen hatte. Der Sprung war jeden Cent wert und ich erwische mich den ganzen Tag über immer wieder beim Gedanken: “Krass, ich bin von 15.000 Fuß aus einem Flugzeug gesprungen.”

Als wir SkyDive Wanaka hinter uns lassen, ist es gerade mal halb zwei. Was also anfangen mit dem angebrochenen Tag? Wir beschließen, nach einem leckeren Eis auf den Roy’s Peak zu steigen, einen 1.581m hohen Gipfel am südwestlichen Ufer des Lake Wanaka.

Hier geht es gefühlt senkrecht im Zickzack hinauf, über grasbewachsenes Weideland. An jeder Biegung schrecken wir ein paar zufrieden grasende Schafe auf. Der Ausblick ist schon nach den ersten paar hundert Metern fantastisch. Wir können die vielen Arme des Lake Wanaka ausmachen und in der Ferne sehen wir ein paar schneebedeckte Gipfel.

Nach etwa 1,5 Stunden sind wir da. Zumindest glauben wir das. Wir knipsen das obligatorische Foto und teilen uns ein Gipfelbier, während ein paar hundert Meter weiter, ein wenig dekadenter, Leute im Heli auf den Berg geflogen werden. Wir bleiben nicht lange auf dem windigen Bergkamm und beeilen uns, wieder runter zum Parkplatz zu kommen.

Auf dem Weg checken wir nochmal Google Maps und bemerken, dass der eigentliche Gipfel des Roy’s Peak noch ein ganzes Stück weiter oben gewesen wäre. Kurz zögern wir, aber da brauchen wir uns nix vorzumachen, heute gabs schon genügend Höhenmeter (zumindest für Felix).

Nach einer heißen Dusche im brandneuen Recreation Center (man muss nur wissen, wo) fahren wir abends noch weiter bis auf die Crown Range. Vom windigen gratis Campingplatz können wir schon die Lichter Queenstowns im Tal glitzern sehen.