Nach unseren verregneten Strandspaziergängen entlang der Westküste betreten wir weiter im Süden nun Glacier Country bei strahlendem Sonnenschein. Die beiden berühmten Gletscher Franz Josef und Fox sind nur 25km voneinander entfernt und ziehen jedes Jahr tausende Besucher aus aller Welt an. Auch wir können uns dem Charme der Gletscher nicht entziehen, haben wir doch in Südamerika schon einige Prachtexemplare aus der Nähe bewundern dürfen.

Wir konzentrieren uns zuerst auf den Franz Josef Gletscher, so benannt nach dem österreichischen Kaiser, 10km lang und mit einer Fläche von über 32 Quadratkilometern. Der Gletscher war einmal so groß, dass er bis ans Meer reichte. Er kann sich aber anscheinend auch nicht dem Jojo-Effekt entziehen und hat in der Zwischenzeit immer wieder an Masse ab- und zugenommen und heute befindet sich die Gletscherzunge einige Kilometer landeinwärts von der Küste.

Wir nähern uns dem “ewigen” Eis aus drei Perspektiven: dem Glacier Valley Track, dem Robert’s Point Track und schließlich mit der wohl extravagantesten Variante, einem Helihike.

Glacier Valley Hike

Nachmittags kommen in Franz Josef an und nachdem wir den Ort auf der Suche nach einem Campingplatz durchquert haben, beschließen wir, uns noch eben den berühmten Gletscher vor Sonnenuntergang zu Gemüte zu führen. Das kleine Dorf selbst ist nicht besonders sehenswert, hier gibt es einige Motels und Hostels, überteuerte Bars und Restaurants und eine große moderne iSite mit angeschlossenen Hot Pools. Alles ist perfekt und mehrsprachig auf die Touristenströme ausgelegt und nach der bis auf die Pancake Rocks ruhigen Westküste ein ziemlicher “Touri”-Schock.

Die kürzeste Route zum Gletscher führt als gemütlicher Spazierweg entlang dem Fluss durch das Gletschertal bis zu einer umzäunten Aussichtsfläche. Vom Parkplatz aus brauchen wir etwa 20 Minuten zu Fuß hier her.

Weil sich der Gletscher in den letzten Jahren um mehrere hundert Meter zurück ins Tal gezogen hat, musste auch der Aussichtspunkt immer weiter nach hinten verschoben werden. Obwohl wir das schon vorher gelesen und gehört haben, sind wir doch etwas enttäuscht, als wir an der Absperrung ankommen. Wir haben uns den Gletscher irgendwie beeindruckender vorgestellt. Wir geben aber nicht auf – sicher können wir ihn noch aus einem anderen Blickwinkel erleben.

Roberts Point Track

An unserem zweiten Tag in Franz Josef machen wir uns gleich nach dem Frühstück auf zur Touristeninformation und beschließen dort nach einigem Hin- und Her, am Tag darauf tatsächlich an einem Helihike teilzunehmen. Finanziell kostet es einiges an Überwindung, aber letztendlich überwiegt das Interesse, einen Gletscher mal aus nächster Nähe zu bestaunen – wer weiß, wie lange man das noch kann?! Am nächsten Tag sind noch zwei Plätze im Helikopter frei und so haben wir noch einen ganzen sonnigen Tag vor uns und wir beschließen, das tolle Wetter für eine längere Wanderung zu nutzen.

Der NZ Frenzy schlägt den Robert’s Point Track vor, den man vom selben Parkplatz wie tags zuvor starten kann. Die Wanderung ist als anspruchsvoll angegeben und tatsächlich ist es oft eine Herausforderung, über nasse Steine und Wurzeln zu balancieren und trockenen Fußes über die zahlreichen Bachläufe zu navigieren. Der Weg führt durch dichten einheimischen Busch, aber anders als bei unseren Wanderungen zuvor werden wir hier nicht von Grillenzirpen und Vogelgezwitscher begleitet.

Hier nervt uns eher das konstante Knattern der Hubschrauber, die im Fünf-Minuten-Takt neugierige Touristen durchs Tal auf den Gletscher und zurück bugsieren. Fast fühlen wir uns ein bisschen schuldig, dass wir morgen auch zu dieser unnatürlichen Geräuschkulisse beitragen werden.

Das besondere an diesem Wanderweg sind auf jeden Fall die schwingenden Hängebrücken und die lange Treppe entlang einer steilen Feslwand – definitv nicht für Leute mit Höhenangst geeignet!

Nach ungefähr zweieinhalb Stunden Aufstieg erreichen wir die hölzerne Aussichtsplattform, von der man laut NZ Frenzy vor drei Jahren noch direkt auf das Eisfeld des Gletschers hinabschauen und die Heli-Gruppen bei ihren Wanderungen beobachten konnte. Jetzt haben wir zwar auch eine tolle Aussicht über das Tal, aber die Gletscherzunge liegt auch von hier aus in unerreichbarer Ferne.

Ein paarmal sehen und hören wir Eisbrocken, die sich mit lautem Getöse ablösen und in die Tiefe purzeln. Wir genießen unseren Proviant und die warmen Sonnenstrahlen und treten nach einer halben Stunde wieder den Rückweg an.

Helihike

Am Morgen des Helihikes stehen wir erneut früh auf und, wie gute Klischee-Deutsche, erscheinen wir überpünktlich am Check-In Schalter von Franz Josef Glacier Heli Guides. Die Gruppe vor uns wird gerade noch informiert und ausstaffiert, dann geht es bei uns auch los. Unsere 08:30 Uhr-Gruppe besteht aus elf Leuten und der Guide begrüßt uns feierlich mit einem langen Spruch auf Maori. Dann werden wir in den Umkleideraum geschickt, wo wir Socken, Stiefel, Hosen, Jacken, Mützen, Handschuhe und Umhängetaschen mit Steigeisen bekommen. Unser Guide Mason gibt uns eine kurze Einweisung, wie die Steigeisen anzulegen sind und dann folgen wir ihm im Gänsemarsch über einen schmalen Pfad durch den Wald zum Hubschrauberlandeplatz.

Hier müssen wir kurz warten, werden in zwei Gruppen aufgeteilt und bekommen noch eine Sicherheitseinweisung. Wichtigste Infos: einem laufenden Helikopter nähert man sich nur von schräg vorne, Kopfbedeckungen und Brillen hält man besser fest und seine Hände und Arme behält man am Körper! Nachdem das geklärt ist, geht es los und wir dürfen uns nacheinander in den Hubschrauber quetschen.

Über die Kopfhörer lauschen wir dem Piloten, dem, seiner guten Laune nach zu urteilen, dieser kurze Flug nie langweilig wird, obwohl er ihn jeden Tag mehrere Male fliegt. Über 3.000 Gletscher gibt es in Neuseeland und wir erfahren, dass wir mit dem Wetter außerordentlich Glück haben, weil es in Franz Josef durchschnittlich über 200 Tage im Jahr regnet.

Nach etwa vier Minuten, in denen wir hoch über dem Tal auf den Gletscher zugeflogen sind, landet der Hubschrauber auf einer relativ ebenen Fläche auf dem Eis. Innerhalb von wenigen Sekunden sind wir ausgestiegen und der Pilot hebt schon wieder ab, um die nächste Gruppe im Tal abzuholen.

Wir legen unsere Steigeisen an, jeder bekommt noch einen Wanderstecken und wir stapfen Mason über die erste Anhöhe hinterher.

Noch hat es die Sonne nicht über den Bergkamm geschafft und der ganze Gletscher liegt im Schatten vor uns. Somit ist die Umgebung in bläuliches Licht getaucht, während wir im Gänsemarsch die ersten Meter mit Steigeisen Laufen üben.

Wir passieren abstrakt geformte Eisspalten, bewegen uns durch teilweise enge, fußbreite Schluchten mit meterhohen Eiswänden und wir fühlen uns wie in einer anderen Welt. Aber manchmal sehen wir durch die gezackten Eisberge vor und hinter uns andere Gruppen als kleine Punkte in der endlosen Eiswelt umher stapfen und das notorische Rattern der Helikopter über uns holt uns wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Zwischendurch hält unsere Gruppe immer wieder an und es werden Fragen beantwortet, danach trotten wir wieder hintereinander her.

Wie Mason vorhergesagt hat, kommt die Sonne gegen vormittags dann auch über der Bergkette zum Vorschein und der Gletscher zeigt sich nochmals in komplett anderem Gewand.

Das Eis glitzert je nach Lichteinfall mal blendend weiß, mal strahlend hellblau und alle paar Meter plätschern kristallklare Rinnsale mit Gletscherwasser an uns vorbei. Wir laufen weiter durch enge Rinnen, müssen zwei bis dreimal eine Wand hinauf- oder hinunter klettern und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Als kleine Zwischenpause halten wir an einer Biegung, an der das Schmelzwasser aus einer Quelle tritt und wir unsere Flasche mit kaltem Gletscherwasser füllen können. Frisch und lecker und irgendwie weicher schmeckt das über Jahre gefilterte Wasser.

Während unserer Eiswanderung haben sich dichte Wolken tief im Tal an der Küste gesammelt, die sich jetzt langsam aber stetig auf das Gletschertal zu bewegen. Unser Guide, der sich über Funk ständig mit Kollegen und Piloten verständigt, bittet die Gruppe, jetzt möglichst nicht mehr für Fotos stehenzubleiben, sondern ihm zügig zum Abflugplatz zu folgen.

Wenn wir nicht in einer halben Stunde den Gletscher verlassen haben, können die Helis im Tal nicht mehr starten oder landen und wir müssten auf dem Gletscher übernachten. Diese Drohung verleiht Flügel. In Windeseile geht es zurück zum Ausgangspunkt. Wir haben unsere Steigeisen abgelegt und ducken uns schnell in den wartenden Hubschrauber.

Der landet im Flussbett im Tal, weil die Wolken dem Gletscher schon so nahe zu Leibe gerückt sind. Im Tal ist es heiß und wir müssen uns auf dem kurzen Fußmarsch zum Parkplatz schnell aus unseren vielen Lagen schälen.

Als wir auf einen Shuttlebus warten, erzählt uns Mason noch von einem unglücklichen Vorfall beim Fox Gletscher vor einigen Wochen, bei dem eine Touristin beim Aussteigen aus dem Helikopter bei laufenden Rotoren ihrer Freundin fröhlich winkte … vielleicht könnt ihr euch vorstellen, wie das Ganze ausgegangen ist.

Zurück im Ort beeilen wir uns, ins Spa mit den Hot Pools zu kommen, der Eintritt ist im Helihike-Preis mit inbegriffen. Hier kann man in drei großzügigen warmen Pools unter Sonnensegeln und umgeben von Regenwald entspannen. Wir haben Glück, denn Mittags ist noch nicht so viel los und wir können uns in Ruhe von lauwarm nach heiß und zurück durch die Becken probieren. Nach einer über drei Tage herbeigesehnten Dusche brechen wir auf und fahren weiter zum Lake Matheson in der Nähe vom Fox Gletscher. Anscheinend haben wir im Spa ein bisschen zu viel heißen Dampf eingeatmet, denn Lisas Schuhe stehen wahrscheinlich jetzt noch zum Lüften auf dem Parkplatz.

Die tief hängenden Wolken haben auch die Berge um den Fox Glacier fest im Griff und so halten wir uns gar nicht zu lange dort auf, sondern werfen nur einen kurzen Blick auf das, was man vom Parkplatz aus vom Gletscher sehen kann. Wir fahren zehn Minuten weiter zum Lake Matheson, der bei guten Wetterbedingungen und Windstille ein perfektes Spiegelbild der Bergkette im Hintergrund mit Mount Cook und Mount Tasman bietet.

Leider ist das heute nicht der Fall. Die Berge sind wolkenverhangen und das Wasser kräuselt sich in der leichten Abendbrise. Aber trotzdem ist der Rundweg um den See absolut sehenswert und wir steigen nach einer Stunde zufrieden, müde und voller toller Eindrücke der letzten drei Tage ins Auto. Nächster Stopp: Wanaka!