The Coolest Little Capital in the World, Wellywood, Windy Wellington – An Spitznamen mangelt es Neuseelands Hauptstadt an der Südspitze der Nordinsel nicht.

Die Stadt empfängt uns erst grau und nass, also probieren wir nach unserer Ankunft Anfang Februar gleich die typischen Regenwetter-Aktivitäten aus: Museum und Kino.

Das Te Papa Museum steht bestimmt bei jedem, der Wellington besucht, auf dem Plan und auch wir lassen uns die riesige Sammlung an unterschiedlichsten Kultur-, Natur- und Historienausstellungen, und das alles bei gratis Eintritt, nicht entgehen.

Besonders interessant finden wir die Ausstellung zu Gallipolli, einer Erinnerung an Neuseelands kurzes Mitwirken im Ersten Weltkrieg an der Seite der Briten. Hier hat der Weta Workshop, die Kulissen, Masken und Attrappenschmiede der Weta Filmstudios überlebensgroße (Maßstab: 2,4:1) lebensechte Figuren gefertigt, die bestimmte Persönlichkeiten an der Front in verschiedenen Situationen zeigen. Die Detailtreue der Exponate ist unbegreifbar. Man kann jedes vor Gänsehaut aufgestellte Haar am Arm des Soldaten sehen, oder die Schweißperlen und Poren des Maschinengewehrschützen zählen.

Untermalt mit Kriegsgeräuschkulisse, vorgelesenen Tagebucheinträgen oder Briefen wirkt alles sehr echt und greifbar, dadurch auch bedrückend. Der Kampf und der Alltag für die Soldaten damals wird dem Besucher sehr lebhaft und interaktiv vermittelt, teilweise stark inszeniert. Als deutsche Museumsbesucher kommt uns das erst mal sehr ungewöhnlich vor, sind wir doch eher einen nüchternen sachlichen Umgang mit dem Thema Krieg gewöhnt.

In den ersten Tagen sind wir kulturell so motiviert, dass wir sogar noch ein zweites Museum ansteuern, das Wellington Museum direkt am Queens Wharf. Hier erlebt man Neuseelands und insbesondere Wellingtons Geschichte von 1900-2000 häppchenweise in 100 Stories. Auch hier ist der Eintritt, wie in den meisten Museen Wellingtons, gratis.

Wellington ist vor allem dank Peter Jackson Neuseelands Filmhauptstadt (deshalb auch “Wellywood”) und es ist daher nicht verwunderlich, dass die Stadt vor Kinos nur so wimmelt. Jeder Stadtteil scheint sein eigenes zu haben und die Filmhäuser sind meist klein, sehr schön restauriert und locken, ähnlich wie bei uns zuhause, die Besucher mit verschiedenen Specials über die Wochentage. Da wir in Wellington viel Zeit verbringen, schaffen wir es fast jeden Dienstag im Lighthouse Cinema oberhalb der Cuba Street die heißen Oscar-Anwärter für je 11,50 $ zu sehen.

Apropos Filme. Die Weta Caves schauen wir uns natürlich auch an. Die Tour durch die Filmwerkstatt, die zum Beispiel für die “Herr der Ringe”- und “Der Hobbit”- Trilogien oder “Die Chroniken von Narnia” bekannt ist, kostet 25$ pro Person und dauert etwa eine Stunde. Fotos sind leider nicht erlaubt, wir bekommen schließlich Originale Exponate einiger Hollywood Blockbuster zu sehen und zu fassen, während die motivierte Tourführerin uns über den Entstehungsprozess von Alienwaffen, Masken oder Miniatur-Modellen erzählt. Wie die Figuren in der Gallipoli-Ausstellung entstehen, dürfen wir auch miterleben – jedes einzelne Haar wird von Hand mit einer Nadel unter die Silikonhaut gestanzt. Ein halber Hinterkopf dauert deshalb etwa sechs Wochen.  

Die Cuba Street ist die Hauptader der Innenstadt. Hier findet man neben 08/15-Klamottenläden, Cafés, Bars und Restaurants auch coole Vintage Boutiquen, Kunstgalerien und am Freitag Abend den Wellington Night Market. Hier können wir uns noch mal kulinarisch auf Weltreise begeben: nach vietnamesischen banh zur Vorspeise folgen marokkanischer Falafel-Wrap, malaysische Nudelpfanne und indische roti. Dazu gibt es Livemusik und verschiedenste Straßenkünstler.

Nach drei bis vier Tagen haben wir in Wellington eigentlich alles gesehen, durch eine Zufallsbekanntschaft gibt es aber Aussicht auf einen Job. Viel wissen wir nicht darüber, außer dass man Sachen kaputt machen darf und soll. Das klingt sehr verlockend, also warten wir noch ein paar Tage auf eine Antwort und erkunden Wellington und Umgebung weiter. Am letzten Tag, wir wollen gerade unser Ticket auf die Südinsel buchen, bekommen wir dann einen Anruf von Steve, unserem neuen Chef. Ob wir schon weitergefahren sind oder ob wir heute mit aushelfen könnten? Ab sofort arbeiten wir also für Highline, eine Rope-Access Firma, im deutschen Fassadenkletterer genannt.

Wir erledigen die verschiedensten Jobs, von Möbellieferungen, kaputte Fenster einschlagen und neue wieder einsetzen, Regale bauen, über Zement mischen, Kärchern und Lagerräume sortieren. Die skurrilste Aufgabe unseres Angestelltendaseins bleibt aber unser erster Tag, als wir an einer Containergangway Wache stehen müssen, um eventuell Rollstuhlfahrern oder Fußgängern mit Kinderwägen zu helfen. Wir sind sozusagen der Ersatz für eine Rampe. Aber den ganzen Tag braucht niemand unsere Hilfe und so werden wir acht Stunden dafür bezahlt, im Container zu sitzen und zu lesen.

Es wird nie langweilig, vor allem weil Steve und Roland, die beiden Chefs, sehr nett und auf eine liebenswerte Art verpeilt sind. So lernen wir auch nochmal ganz andere Ecken und Gebäude Wellingtons kennen, die man sonst als Tourist wahrscheinlich nicht auf dem Plan hat. Wir kommen zum Beispiel in den Genuss, in einer alten Unilever-Fabrikhalle, wo früher Seife hergestellt wurde, Büromöbel zu sortieren und zu fotografieren oder dürfen auf einer Dachterasse in Dowtnwon Wellington Zement mischen und in Eimern über die Fassade nach unten schicken. 

Zum Übernachten wechseln wir über fast zwei Wochen zwischen den beiden gratis Parkplätzen Evans Bay Marina und Owhiro Bay (nur für Self Contained Fahrzeuge) hin und her. Eigentlich darf man hier nur je vier Nächte pro Kalendermonat stehen, wir hoffen aber, dass wir im ewig wechselnden Strom der ankommenden und abreisenden Camper nicht auffallen. Bei schönem Wetter duschen wir an einem der vielen Strände und wenn’s warmes Wasser sein soll, nutzen wir für je 2,50$ die Duschen im Freyberg Pool direkt bei der Oriental Bay. “Hashtag Vanlife” nennen wir das mal.

Dank einer glücklichen Bekanntschaft dürfen wir am Ende sogar noch für zwei Wochen in einem Gästezimmer inklusive Badezimmer, Internet und süßem Hund in Lower Hutt wohnen. Wir lieben ja unseren Bus, aber es ist toll, zur Abwechslung wenige Schritte zur Dusche und vor allem eine Küche mit Ofen zur Verfügung zu haben.

In Wellington fühlt man sich aufgrund der überschaubaren Größe und der Ausdehnung über das hügelige Umland eigentlich nie verloren im Großstadtdschungel. Wer trotzdem mal “raus” muss, hat verschiedene Möglichkeiten:

Botanic Garden - Grüne Oase über der Stadt

Der Wellington Botanic Garden liegt oberhalb der Innenstadt auf einem Hügel. Hier hoch könnte man auch mit dem berühmten roten Wellington Cable Car fahren. Wir sind sowieso mit Heinz unterwegs und begnügen uns mit dem Parkplatz auf der Rückseite des riesigen Areals. Man kann über verschiedene Rundwege vom klassischen und akkurat getrimmten Rosengarten, Sukkulentengarten, bis hin zum einheimischem bush eine große Bandbreite botanischer Glückseligkeiten erkunden und sogar eine Sternwarte besuchen.

Beach Galore - Oriental, Hataitai, Lyall, Owhiro

Da Wellington in einer großen Bucht liegt, haben Bewohner und Besucher schier endlose Möglichkeiten, sich zum Feierabend oder am Wochenende am Strand zu entspannen. Wellingtonians machen davon reichlich Gebrauch, die frühen Schließzeiten der Geschäfte und Büros begünstigen das. So entspannt hätten wir das zurück in Deutschland dann auch gerne, bitte (auch wenn wir uns jedes Mal darüber wundern, dass die Innenstädte hier ab fünf immer wie ausgestorben sind).

Vom Campingplatz am Owhiro Bay aus machen wir einmal einen langen Strandspaziergang entlang der Küste. Nachdem wir die Red Rocks (vulkanisches Gestein) inspiziert und verschiedene kleine Meeresbewohner bewundert haben, treffen wir am Ende sogar noch auf ein paar faule Seehunde, die sich auf den Steinen sonnen.

Ausflug an die (Ost-)Küste - Putangirua Pinnacles & Castle Point

An einem sonnigen Wochenende nehmen wir die etwas längere Fahrt zu den Putangirua Pinnacles auf uns. Wir passieren Masterton und Greytown und kommen nach knapp zwei Stunden fahrt am Eingang des Naturreservats an. Die Pinnacles sind zwar ein Schauplatz von “Der Herr der Ringe”, aber auch für Nicht-Fans ein Besuch wert. Der Wanderweg verläuft stetig aufwärts durch den Wald und endet an einer Aussichtsplattform. Von dort kann man einen ersten Blick auf die Pinnacles erhaschen.

Doch wir kommen den Pinnacles noch näher, als wir auf dem Rückweg, der durch ein breites, ausgetrocknetes Flussbett führt, direkt zwischen ihnen durch laufen. Wer sich an die Szene in “Herr der Ringe” erinnert, weiß, dass hier Aragorn, Legolas und Gimli auf dem Pfad der Toten wandern.

Wir haben allerdings strahlenden Sonnenschein, Gruselstimmung kommt also kaum auf. Aber je tiefer man in die engen Schluchten geht, desto beklemmender fühlt es sich an. Irgendwann kommt man auch kaum mehr weiter und wir drehen um und wandern das Flussbett entlang zurück zum Auto.

Weiter hoch entlang der Küste sind es noch einmal zwei Stunden Fahrt bis Castle Point, wo wir einen malerischen Leuchtturm auf einer Halbinsel und den namensgebenden grünen bewachsenen Felsen finden, der über die Bucht wacht. Wir übernachten am Parkplatz direkt am Strand, nach dem wir einen großartigen Sonnenuntergang genossen haben und stellen den Wecker auf 05:30 Uhr, einfach weil wir vermuten, dass der Sonnenaufgang an diesem Ort auch sehr lohnenswert sein könnte.

Der pfeifende Wind weckt uns noch vor dem schrillen Weckton und als wir die Vorhänge im Van zur Seite schieben, ist jede Müdigkeit vergangen.
Der Sonnenaufgang ist bombastisch!

Felix rennt durch die Gegend und versucht, so viele Motive wie möglich im lila-orangenen Licht einzufangen und wir kämpfen uns gegen den heftigen Wind hoch zum Leuchtturm um den neuen Tag zu begrüßen. Der “Umweg” nach Castle Point hat sich definitiv gelohnt.

Zurück in Wellington, meinen wir nach einigen Wochen die Stadt recht gut zu kennen. Verschiedenste Veranstaltungen und Festivals sorgen hier aber immer für Abwechslung. Einmal spielen wir Zaungast beim Homegrown Music Festival entlang dem Pier, wo auf sechs Bühnen Neuseelands beste Bands, wie Fat Freddy’s Drop oder The Blackseeds spielen. Die Tickets sind ausverkauft, aber hinter den Dixie-Klos ist der Sound ja bekanntlich sowieso am Besten. Im sicheren Abstand sitzen wir entspannt auf einer Parkbank, kucken den Kids beim Skaten zu und lauschen den groovigen Tönen.

Kostenlos (gegen freiwillige Spende) kommen wir auch in den Genuss einer Freiluft-Yoga-Stunde mit live Untermalung durch Gesang und Gitarre von Yoga Rhapsody mitten in der Stadt auf dem Civic Square.

Wo wir bei Gratis-Aktivitäten sind: Von den alten Bunkeranlagen neben dem Sawmill Track haben wir einen tollen und touristenfreien Ausblick über die Stadt und sehen bis ans andere Ende des Wellington Harbours, wo Fähren zur Südinsel einlaufen und ablegen.

Nach ganzen fünf Wochen in Wellington und über drei Monaten auf der Nordinsel lichten auch wir den Anker und buchen unser Ticket auf die Südinsel. Die Fahrt mit der Fähre dauert dreieinhalb Stunden, die dank Kuchenpicknick auf dem Sonnendeck und der Begleitung von Dutzenden Hectordelfinen wie im Fluge vergehen.

Die Nordinsel war schon mal der Knaller, jetzt sind wir gespannt was uns auf der Südinsel erwartet. Der Spaß an Neuseeland ist uns auf jeden Fall noch lange nicht vergangen!

Unsere Tipps für Wellington:

Essen:

  • Laundry (Lecker Burger und Bier, am Wochenende DJ-Sets und Party)
  • Chocolate Fish Cafe (Von Fish&Chips bis Quinoa-Salat alles was das herz begehrt und das mit coolem Industrial Charme auf der Miramar-Peninsula)
  • Five Boroughs (Burger und Milkshakes!)
  • House of Dumplings (Der Name ist Programm – das meiste für sein Geld bekommt man mit dem Mittags-Special)
  • Seashore Cabaret Petone (außen pfui, innen hui! Cooles Restaurant an der Strandpromenade in Petone mit Sonnendeck, eigener Kaffeerösterei und einer Auswahl an leckerem Allerlei)

Shoppen:

  • Recycle Boutique (bester Secondhand-Laden mit Designer und „normaler“ Kleidung und Accessoires)
  • Alchemy Equipment (stylische Mode für Männer und Frauen aus Merinowolle – keine typische Outdoorfashion mit Bergsteigercharme sondern schlichte Designs in gedeckten Farben)
  • Riverbank Market in Lower Hutt: Rutherford St, Lower Hutt 5010 Samstags 08-14 Uhr (Gemüse ist noch frischer als Sonntags in Wellington und viel günstiger als im Supermarkt)