Vom Lake Taupo ist es nur noch eine Stunde bis zum Tongariro National Park, einem der ältesten Nationalparks Neuseelands. Wegen seiner historischen und spirituellen Bedeutung für die Maori, sowie der einzigartigen Vulkanlandschaft wurde der Park von der UNESCO gleich zweifach als Weltkulturerbe ausgezeichnet. Dort wollen wir am Sonntag bei besten Wettervoraussetzungen das berühmte Alpine Crossing bewältigen, das als eine der schönsten Tageswanderungen der Welt bezeichnet wird. Im und um den Nationalpark kann man als Camper zwischen einigen Übernachtungsplätzen wählen, die auch Shuttle-Services anbieten. Wir landen nach kurzer Recherche in der Discovery Lodge, die neben Hütten und Zimmern auch günstige Stellplätze für Vans und Zelte anbieten. Es gibt warme Duschen, eine Küche und einen Speiseraum. Hier übernachten wir von Samstag auf Sonntag, damit wir so früh wie möglich starten können. Gerade befinden wir uns mitten in der Hauptsaison, außerdem ist langes Wochenende. Da kann es passieren, dass an einem Tag hier mehr als 1.000 Leute unterwegs sind. Es macht also Sinn, ganz früh loszuwandern, um den Massen ein bisschen auszuweichen.

Das Crossing ist keine Rundwanderung und man kann es theoretisch von beiden Endpunkten aus wandern. Deswegen braucht man aber eine Mitfahrgelegenheit zurück zum Auto oder Campingplatz. Uns wird die Entscheidung abgenommen, da die Discovery Lodge näher am Mangatepopo Car Park liegt und zudem einen eigenen Shuttleservice anbietet.

Um 06:45 Uhr – die Sonne kämpft noch mit dem Horizont – steigen wir in den Bus und können, nach kurzer holpriger Fahrt, bereits um kurz nach 07:00 Uhr die Wanderung starten. Es gibt noch eine kurze Einweisung vom Busfahrer und den Hinweis, dass man beim Abstieg auf der anderen Seite die Strecke nicht unterschätzen soll. Der Morgenhimmel ist rosa gefärbt und es ist noch ziemlich kalt. Aber wir legen beim Laufen ein ordentliches Tempo hin und so können wir uns schon bald aus unserer äußersten Zwiebelschicht schälen.

Zu Beginn geht es noch flach auf Holzstegen entlang dem leise plätschernden Mangatepopo Sream, über dicht mit Moos bewachsene Steine und vorbei an Schilf und Büschen mit kleinen, weiß leuchtenden Blüten. Immer wieder sehen wir eine Blume, die uns an große Edelweiße erinnert.

Dann beginnt der Anstieg über die Devil’s Staircase. Wie der Name schon erahnen lässt, geht es hier etwas beschwerlich, sehr steil und über 250 Höhenmeter auf felsigem Untergrund im Zick-Zack nach oben. Etwa 45 Minuten brauchen wir für den Abschnitt, bis wir schließlich keuchend am Rande des South Craters ankommen.

Staunend durchqueren wir den riesigen, wie eine Mondlandschaft wirkenden Vulkankrater über einen schnurgeraden Weg. Rechts vor uns liegt der Mount Ngauruhoe, aus “Herr der Ringe” besser bekannt als Mount Doom und links die niedrigere Spitze des Mount Tongariros. Man könnte den Ngauruhoe auch besteigen, allerdings gibt es keinen gekennzeichneten oder befestigten Weg und es würde nochmal zwei bis drei Stunden länger dauern. Außerdem besteht laut Info in der iSite in Taupo Steinschlag-Gefahr und den einen Ring haben wir auch vergessen.

Wir geben uns deshalb mit einem kleinen Umweg auf den “Gipfel” des Tongariros zufrieden, wo wir ein paar nette Österreicher treffen und eine erste kleine Snack-Pause einlegen. Auf dem Bergrücken zwischen Tongariro und Ngauruhoe genießen wir das unglaubliche Panorama. Hinter uns ragt in 137km Luftlinie Entfernung der schneebedeckte Vulkankegel Mount Taranaki in den blauen Himmel und vor uns liegen tiefe Krater, dampfende Erdspalten und erstarrte schwarze Lavaströme.

Von hier geht es weiter über den Bergkamm bis zum Red Crater entlang. Dass der Krater rot ist, weiß man nun schon vom Namen aber als wir unseren ersten Blick hineinwerfen, werden wir trotzdem von den Farbtönen überrascht. Durch den Rand zieht sich eine tiefe Felsspalte, ein Überbleibsel des letzten Ausbruchs, dort ist heiße Magma unten herausgeflossen und die Außenwände sind erstarrt.

Der Abstieg zu den grün leuchtenden Emerald Lakes danach ist eine Herausforderung. Weil hier jeden Tag so viele Leute unterwegs sind, ist der steile Weg aus Sand und Stein relativ abgetreten und wir finden nur schwer Halt. Überall hört und sieht man Leute rutschen, stolpern, fluchen. Manche schaffen es sogar während des Selfies im Stand auszurutschen, was bestimmt interessante Bilder hervorbringt.

Aber dann ist es geschafft und wir können die grünen Kraterseen aus nächster Nähe bewundern. Natürlich wieder begleitet vom ständigen Geruch nach Schwefel … Nach einer weiteren kurzen Trinkpause machen wir uns auf den Weg zum Blue Lake, der nach einem flachen Stück durch den Great Crater hinter einer Anhöhe liegt.

Beim Blick von hier aus zurück bildet der rote Krater einen tollen Kontrast zum blauen Himmel und man kann den breiten Lavateppich eines zurückliegenden Ausbruchs erkennen. Der See funkelt hübsch in der Mittagssonne, allzu lange braucht man hier aber nicht verweilen denn der See gilt für die Maori als heilig und man darf weder das Wasser berühren noch an seinem Ufer trinken oder essen.

Der Abstieg auf der anderen Seite bietet ein komplettes Kontrastprogramm. Anders als beim Aufstieg durch karge, fast unbewachsene Landschaft ist der Berg hier grün bewachsen. Der Weg ist befestigt und führt in unzähligen lang gezogenen Serpentinen zwischen Büschen und Farnen hinunter.

Auch hier sehen wir wieder viele Edelweiß-Verschnitte und passieren einen Bach mit milchig-grauem Wasser und dem altbekannten Faule-Eier-Geruch. Inzwischen spüren wir die Wanderung auch langsam in den Beinen und die starke Sonne tut ihr Übriges, uns zu erschöpfen.

Da kommt uns der schattige Regenwald, durch den wir die letzte Stunde bis zum Parkplatz laufen, gerade recht. Als wir endlich gegen 14:00 Uhr beim Ketetahi Car Park ankommen, lassen wir uns einfach nur noch auf den Boden plumpsen und fallen über unsere letzten Wasser- und Essensvorräte her.

19,4 Kilometer sind geschafft. Wir auch. Der Shuttle-Bus und eine Dusche können nicht schnell genug kommen!