Nach unserem Roadtrip durch Northland geht es für uns weiter, die Mitte der Nordinsel zu entdecken. Wir starten mit dem kleinen Städtchen Raglan an der Westküste, von dem wir von einigen Leuten gehört hatten, dass es besonders schön sein soll. Kurz davor führt uns ein kurzer Umweg zu den Bridal Veil Falls, die man vom Besucherparkplatz aus leicht in einer halben Stunde erkunden kann. Der 55 Meter hohe Wasserfall stürzt hier in einen fünf Meter tiefen See und unmittelbar unter der Wasseroberfläche auf einen großen Felsen, der das Wasser fein zerstäubt, was im Sonnenlicht für schöne Farbspiele sorgt. Definitiv sehenswert wenn man in der Gegend ist.

Viele langhaarige, braungebrannte und blonde Jungs und Mädels, die barfuß auf Skateboards die einzige Ladenstraße rauf- und runter cruisen, zeigen ganz deutlich: Raglan ist wirklich ein Surfernest! Und wir fragen uns: Was machen wir hier eigentlich? Wir surfen doch gar nicht! Das Wetter spielt auch nicht so richtig mit, aber zum Glück gibt es hier einige schöne Läden, Cafés und Restaurants. Wir machen eine Burger-Pause bei Bow Street Depot und finden den witzigen Campingplatz Kev’s Place auf einem Hügel über der Stadt. Mit viel Anlauf schafft es Heinz die steile Auffahrt hinauf (angespornt von kleinen “You can make it!” Schildern am Wegesrand) und wir stehen schließlich vor einem komischen Boot, das auf der Wiese ein bisschen fehl am Platz wirkt und zu Haus und Rezeption umfunktioniert wurde.

Auf der noch leeren großen Wiese suchen wir uns einen schönen Platz und genießen die Aussicht über Raglan und die Küste.

Am nächsten Tag fahren wir weiter östlich und verbringen den Nachmittag in den Hamilton Gardens. Der Eintritt kostet nichts und die Anlage ist riesig. Von einem runden Platz gleich hinter dem Eingang, umgeben von hohen Hecken, führen Gänge in verschiedene Themen-Gärten und man kann zwischen Paradise, Productive, Fantasy, Cultivar und Landscape Collections wählen.

Wir beginnen mit Paradise und stolpern vom chinesischen Zen- über indischen Palast- und in den italienischem Renaissance-Garten. Es ist, als ob wir uns mal eben in kurzer Zeit in die unterschiedlichsten Länder gebeamt hätten – wir stehen jedesmal in einer völlig neuen Welt.

Neben den Länderthemen und einem traditionellen Pa, einem Maori-Garten mit traditionellen Schnitzereien und Kumara-Pflanzen (Eine Art Süßkartoffel) kommen die Kräuter- und Küchengärten dran. Wir genießen den Duft von Rosmarin, Basilikum und Minze, lernen einiges über Permakultur und bestaunen riesige, über-mannshohe Sonnenblumen.

Mannshoch ist auch das Stichwort für den nächsten Ort den wir ansteuern – also eigentlich Hobbithoch. Denn 60km von Hamilton entfernt, in der Nähe der Stadt Matamata, ist das Tor nach Mittelerde! Hobbiton, das ehemalige Filmset für “Herr der Ringe” und “Der Hobbit” liegt inmitten von – na klar, grünen Hügeln und idyllischem Farmland. Wir übernachten auf der schönen Wiese eines Farmers und für Felix heißt es am nächsten Tag früh aufstehen, denn die Tour beginnt bereits um 08:30 Uhr. Lisa macht Alternativprogramm: Ausschlafen und Einkaufen.

Am Vorabend noch schnell Howard Shores Soundtrack aufs Handy gezogen, laufe ich die 2,2 Kilometer zum Filmset mit den Flötentönen der Hobbitmelodie die Straße entlang. Das Wetter ist genial und die grünen Hügel zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht, ein Auto hält an und fragt mich ob alles OK ist – na klar: “I’m just going to Hobbiton!”

Am Eingang angekommen merkt man, dass hier inmitten von großen Schaf- und Kuhfarmen eine gut geölte Touristenmaschine am Werk ist. Die Busse, die uns zum Filmset bringen, fahren im Fünf-Minuten-Takt und der Souvenirshop ist brechend voll.

Aber als unsere Gruppe aus dem Bus steigt und man in der Ferne die ersten runden Hobbittüren sieht, ist die Freude groß. Unser Tourguide fragt noch ab, ob sich jemand verkleidet hat (so in etwa wie der Superfan, der im Dumbledore-Kostüm kam und dann etwas enttäuscht war, als er feststellen musste, dass Hobbiton kein Ort im Harry Potter Universum ist), aber für Verkleiden war es in meiner Gruppe wohl noch zu früh am Morgen. Dann geht es auch schon los und wir begeben uns in das kleine Tal, dass Peter Jackson bei einem Helikopterrundflug entdeckte.

Links und rechts säumen kleine Gärten mit den typischen, runden Türen den Weg und alles ist kleiner, um den Eindruck zu vermitteln, man wäre so groß wie Gandalf. Jede der Hobbithöhlen hat einen eigenen Charakter und ist meist dem Beruf des Bewohners entsprechend gestaltet. So laufen wir am Fischer-, Metzger- und Steinmetzhaus Hobbitons vorbei. Das Haus des Bäckers ist wiederum größer gebaut worden, damit man ganz einfach auf Hobbitgröße “schrumpft”.

Natürlich darf ein Besuch in Beutelsend nicht fehlen, inklusive dem “No Admittance” Schild und dem großen – übrigens komplett künstlichen – Baum (inklusive mehrerer tausend von Hand angeklebter Plastikblätter!).

Am Ende der Tour spaziert man über die bekannte Steinbrücke direkt zum Green Dragon Inn, dem einzigen Gebäude in Hobbiton, das betretbar ist (die vielen bunten Hobbittüren sind nämlich leider nur Attrappen – dahinter nichts als Erde).

Dort bekommen wir ein frisch gezapftes (im Eintrittspreis inbegriffenes!) Bier und können nochmals unseren Blick über die Mühle, entlang der verschiedenen Hobbithöhlen bis hoch zu Bilbos Haus schweifen lassen.

Als ich Mittags beim Eingang von Hobbiton von Lisa abgeholt werde, bin ich 1. ein bisschen angetrunken und 2. sehr glücklich. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ich “vergessen” habe, den schönen getöpferten Bierkrug, aus dem ich mein zweites Bier hinuntergestürzt habe, im Pub zurückzugeben.

Zum Ausnüchtern halten wir auf der Weiterfahrt bei den Blue Springs an. Hier wandert man auf dem Waihou River Walkway für ein bis zwei Stunden entlang dem unfassbar klaren Waihou River durch Wälder aus Palmen und Farnen.

Das Wasser, das gute 100 Jahre gefiltert wird bevor es aus der Quelle entspringt, ist so klar, dass es auch für 70% der Flaschenwasser-Produktion Neuseelands verwendet wird. Manchmal kann man Glück haben und Regenbogenforellen sehen, wir begnügen uns mit dem faszinierenden Farbenspiel des Flusses.

Das nächste Ziel heißt Mount Maunganui. Dieser Vorort von Tauranga liegt in der Bay of Plenty auf einer Halbinsel. An deren Spitze ragt der Mauao ins Meer, auch schlicht “the mount” genannt, der Überrest eines Vulkankegels. In etwa 40 Minuten ist man auf einem flachen Wanderweg einmal außen rumgelaufen. Wir treffen viele Jogger und Kreuzfahrtpassagiere, die hier im Hafen eine Runde Auslauf bekommen.

Als wir die Umrundung starten, bekommen wir schnell ein visuelles Kontrastprogramm: Wenn man links hinter sich blickt, sieht man den Industriehafen von Tauranga mit Frachtern, Container und Kränen aber der weiße, feine Sandstrand, das türkisblaue Wasser und die kleinen Segelboote und Jetskis, die vorbeiziehen, erinnern an die Strandidylle einer Raffaelo-Werbung.

Am Freitag Abend ist hier ein Night Market und wie wir hier in Neuseeland schön öfter mitbekommen haben, hat “Night” rein gar nichts mit später Stunde zu tun. Um 15 Uhr geht´s los und um 21 Uhr ist das ganze Spektakel auch schon wieder vorbei. Es gibt Live-Musik und viele verheißungsvolle Foodtrucks. Wir machen es uns auf der Wiese neben dem Markt mit unseren Büchern und lecker Real Fruit Ice Cream bequem. Wir merken gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht und so machen wir uns nochmal viel zu spät auf den Weg zum Mauao, diesmal ganz nach oben. Im Laufschritt hechten wir den Pfad mit unzähligen steilen Stufen hinauf und schaffen es gerade noch, die Sonne am Horizont verschwinden zu sehen, als wir keuchend oben ankommen.

Mount Maunganui ist ein beliebter Urlaubsort,entlang der Ladenstraße gibt es coole Shops, Bars und schöne Cafés. Besonders hat es uns das Astrolabe angetan, nicht zuletzt, weil es am Freitag Abend das einzige(!) Etablissement ist, das nach 21:30 Uhr noch Essen serviert.

Nach drei schönen Faulenz-Tagen hier setzen wir unseren Roadtrip fort und steuern als nächstes Rotorua und Lake Taupo an.