Northland verspricht Meerjungfrauen, 2000 Jahre alte Bäume und einen Ort, an dem nach alter Maori-Sage die Seelen der Verstorbenen ins Land ihrer Vorfahren pilgern. Die Region oberhalb von Auckland wird aber aus Zeitmangel oder geografischer Sicht bei Rundreisen durch Neuseeland gerne mal ausgelassen. Wir wollen uns das aber nicht entgehen lassen, und setzen Heinz, frisch zertifiziert zum Freedom Camping, auf Spur gen Norden.

Unsere erste Etappe führt uns nach Whangarei („Fangarei“ ausgesprochen). In der größten Stadt innerhalb des Northlands schauen wir uns den gleichnamigen Wasserfall an. Ein kurzer Spaziergang führt durch dichten bush und bringt uns von der Spitze des Falls bis hinunter an das 26 Meter tiefer gelegene Auffangbecken. Nichts weltbewegendes, aber während der Durchreise ein schöner Zwischenstopp.

Von hier aus fahren wir nach Matapouri, wo uns die Mermaid Pools von einem unserer Mitbewohner bei Max und Terry empfohlen wurden. Die natürlichen Schwimmbecken in den Felsen der Küste sind nur bei Ebbe einfach zu Fuß zu erreichen. Einmal stehen wir genau zur falschen Zeit am Nachmittag am Strand, beim zweiten Mal starten wir gegen 11:00 Uhr vormittags und müssen, nachdem wir einen ins Meer ragenden Felsen umrundet haben, über einen steilen, dicht bewachsenen Hügel klettern.

FlipFlops und Birkenstock-Schlappen stellen sich einmal mehr als nicht ganz so verlässliches Wanderschuhwerk heraus, aber barfuß geht es über den rutschigen Lehmboden sogar besser. Nach etwa 15 Minuten stehen wir dann über den Mermaid Pools, die grünlich-blau und verheißungsvoll in der Mittagssonne glitzern.

Normalerweise sind die Pools tagsüber schon von der Sonne aufgewärmt, aber in der Nacht hat es lange geregnet. Es ist eiskalt, als wir hineinspringen, aber wunderbar erfrischend. Immer wieder schwappen Wellen vom Meer über die Ränder und füllen das große Becken mit frischem Wasser.

Nach einer kleinen Schwimmrunde lassen wir uns von der Sonne trocknen und treten dann den Rückweg an. Zurück am Strand fällt uns noch ein Schild auf, das den Weg zur Whale Bay kennzeichnet. Der Tag ist noch jung und so machen wir uns auf, auch noch dieses Küstenstück zu erkunden. Der Wanderweg geht nach einem steilen Treppen-Teil hoch oben an der Küste entlang, rechts von uns das Meer und links grünes hügeliges Farmland.

Die Whale Bay stellt sich als schönes, abgelegenes Stück Strand heraus, wo wir den Rest des Nachmittags in der Sonne genießen.

Am nächsten Tag brechen wir zu den Kawiti Glowworm Caves auf. Die berühmtesten Glühwürmchenhöhlen Neuseelands gibt es ja in Waitomo, unterhalb von Auckland. Weil wir aber Sparfüchse sind und gerne auch mal Attraktionen ab vom Schuss besuchen, muss diese kleinere Version für uns herhalten. Die Höhlen sind an der Hauptstraße ausgezeichnet und nach etwa einem Kilometer Schotterweg erreichen wir einen großen Parkplatz. Neben uns steigen gerade ein paar Amerikaner zurück in ihr Auto und wir fragen sie, ob sich der Besuch denn lohnt. Sie meinen, dass es “nett” ist und Bill Gates hier schon mit Hubschrauber eingeflogen wurde und eine Privatführung bekam, also muss es ja gut sein. Diese Schlussfolgerung ist für uns mehr als logisch, also reihen wir uns brav in die Reihe von wartenden Touristen ein und bezahlen je 20 NZ$ Eintritt. Bald führen ein paar gut gelaunte junge Leute mit Laternen die Gruppe an und wir tippeln im Gänsemarsch in die dunkle Höhle hinein

Die Guides erzählen von den verschiedenen Tropfsteinformationen und der Entdeckung der Höhle durch Vorfahren der Kawiti Family im 17. Jahrhundert. Zweimal bleibt die Gruppe stehen, alle Laternen werden ausgemacht und wenn sich die Augen an die komplette Schwärze gewöhnt haben, ist es als ob jemand die Höhlendecke geöffnet hat und wir auf einen sternengefüllten Himmel blicken. Entlang der feuchten Felsen sitzen Hunderte kleiner leuchtender stecknadelkopfgroßer Punkte, die weiß-bläulich vor sich hin leuchten. Unser Guide erklärt begeistert den Lebenszyklus, die Ernährungsweise und das Paarungsverhalten der kleinen Glühwürmchen aber hinter uns wartet schon die nächste Gruppe gespannt und wir treten den Rückweg an.

Die nächste Sehenswürdigkeit auf unserem Programm sind Toiletten. Aber nicht irgendwelche Klos – nein, ein von Hundertwasser entworfener Donnerbalken, der in der kleinen Stadt Kawakawa für Architekturintetessierte und alle, denen “es pressiert”, öffentlich zugänglich ist. Ganze Busse voll mit Touristen machen den kurzen Umweg zwischen Whangarei und Paihia hier her zu den Hundertwasser Toilets. Uns kommt der Stopp auch gelegen und tatsächlich, ein Klohäuschen mit verschnörkeltem Dach, Glasbausteinen und Weinflaschen, die in die Fassade eingemauert sind, ist schon eine willkommene Abwechslung.

Nach diesem Kulturschock brauchen wir frische Meerluft und fahren weiter ins 17km entfernte Paihia, einem Urlaubsort in der Bay of Islands. Hier wollen wir einen Segelausflug auf der R. Tucker Thompson machen, einem großen Zweimaster-Segelschiff, auf dem man den ganzen Tag durch die schöne Bucht und vorbei an ihren zahlreichen Inseln fährt.

Der Ausflug ist nicht günstig, beinhaltet aber Snacks und ein Mittagessen und die Fährtickets ins kleine Städtchen Russell. Und wir haben Glück, denn die Teilnehmergruppe ist an unserem Tag klein. Wir und 15 weitere Landratten finden sich früh um kurz vor neun am Pier in Russell ein und betreten das gut 30 Jahre alte Schiff.

Kurz nachdem wir aus dem Hafen ausgelaufen sind, werden die Segel gehisst und jeder der Lust hat kann mit Hand anlegen. Der Wind ist stark und wir genießen die Brise bei einer Tasse Kaffee und einem leckeren an Bord gebackenen scone. Klingt vielleicht erst wie eine langweilige Kaffeefahrt, aber das ändert sich schnell, als unsere Skipperin Klettergurte verteilt und die Mutigen unter den Passagieren anstachelt, in die Takelage zu klettern.

Felix wagt sich als erster dran und winkt wenige Augenblicke später aus zehn Metern Höhe hinunter. Dort oben spürt man jede Welle nochmals stärker und er wird ganz schön durchgeschüttelt. Wir segeln weitere 30 Minuten an verschiedenen Inseln vorbei, werden von Motorjachten und Jetskis überholt,  im Sachen Stil gewinnen aber definitiv wir!

In der kleinen Otupoho Bay auf der naturgeschützten Insel Motorua setzen wir Anker und werden mit einem kleinen Beiboot an Land gebracht. Eine Stunde haben wir Zeit und können uns das Vogelschutzgebiet näher ansehen und so machen wir eine schnelle Wanderung über mehrere Hügel zur nächstgelegenen Bucht.

Von dort geht es hoch auf eine weitere Anhöhe und vor uns liegt ein kleiner Teil der vielen, vielen kleinen Inseln der Bay of Islands. Den Rückweg bestreiten wir joggend, da wir uns doch etwas mit der Zeit verschätzt haben, schaffen es aber noch rechtzeitig zurück aufs Schiff und zum frisch zubereiteten Mittagessen.

Bei Hühnchen bzw. Käse mit Kartoffelsalat quatschen wir mit einem Pärchen aus der Schweiz und tauschen Reisetipps aus. Auf dem Rückweg versucht sich Felix noch als Kapitän und nach ein paar Schlangenlinien hat er die Lenkung raus, bekommt die Kapitänsmütze aufgesetzt und fährt uns sicher zurück nach Russell.

Tutukaka, Kawakawa, Mitimiti – langsam haben wir uns schon an die lustigen Ortsnamen gewöhnt, die uns hier im Norden begegnen. Für den Ort Hihi machen wir aber tatsächlich extra einen Umweg.

Danach bleiben wir fast drei Tage am Tokerau Beach auf der Karikari Halbinsel hängen. Hier gibt es einen gratis Campingplatz in den Dünen, der wunderbar abgelegen und ruhig ist und genau zwischen dem Meer und dem Coca Cola Lake liegt. Ein See, der nach dem braunen Softdrink benannt ist, klingt ja erstmal nicht nach einem Gewässer, in dem man gerne ein paar Runden schwimmen möchte. Aber entgegen jedem Misstrauen ist das Wasser wirklich sehr klar und sauber. Nur eben … braun. Schuld daran sind Mineralien.

Von der Karikari Peninsula ist es nicht mehr weit nach Awanui, wo der Ostküstenhighway (10) auf den Highway 1 trifft und wir in Richtung Nordkap abbiegen. Zuerst steuern wir die Te Paki Dunes an und leihen uns dort am frühen Abend ein Sandboard aus. Die erste Düne ist steil, aber kurz, der Übungshang sozusagen. Danach geht es über den Kamm zum Fuß der größten Düne weit und breit. Der Aufstieg ist anstrengend (ein Schritt vor, man rutscht ungefähr die Hälfte wieder nach unten) und dauert im Gegensatz zur Abfahrt ewig. Die jedoch ist so spaßig, dass sie für die Strapazen mehr als entschädigt.

Vier Runden später sind wir vollkommen K.O. aber haben es teilweise sogar geschafft, ein paar Meter auf dem Bord stehend zu bewältigen. Als unfreiwilliges Andenken an die Dünen fahren wir die nächsten Tage einige Eimer Sand im Van herum.

Am Cape Reinga kommen wir nach 20 Minuten und eine gute Stunde vor Sonnenuntergang an. Perfektes Timing also, die Kamera auszupacken und den nördlichsten Punkt Neuseelands, wo Tasmansee und Pazifischer Ozean aufeinander treffen, zu erkunden. Nach Maori-Sage gehen hier die Seelen der Verstorbenen zurück ins mythische Land ihrer Vorfahren, Reinga bedeutet auch “Absprungplatz”.

Ein schön angelegter, breiter Weg windet sich vom Parkplatz hinunter zum Leuchtturm an der Spitze des Kaps. Tatsächlich rollen im Meer entlang einer unsichtbaren Grenze Wellen von Pazifik und Tasmansee ineinander und man hört ein andauerndes Rauschen das sich über die normale Meeresgeräuschkulisse legt.

Der Sonnenuntergang kündigt sich erst spektakulär mit Orange und Rosa an, die Sonne verschwindet dann aber doch noch hinter einer dicken Wolkendecke und taucht am Horizont nicht mehr auf. Wir steuern in der Dunkelheit einen Campingplatz in der Nähe an und planen für den nächsten Tag, entlang der Westküste weiterzufahren.

Zurück geht es also am Morgen nach Awanui und wir biegen rechts in Richtung Westküste und weiter in Richtung Waipoua Forest ab. Auf dem Weg kommen wir bei den Koutu-Boulders vorbei, kugelrunden Felsbrocken, die im Sand südlich vom Hokianga Harbour ruhen. Wir beäugen und umarmen ein paar von diesen ungewöhnlichen Steinen am Rand und fragen uns wie genau es die Natur geschafft hat, so perfekt runde Formen zu schaffen. Bei Ebbe kann man anscheinend noch viele mehr sehen, die überall entlang des Küstenstücks verteilt liegen.

Mittlerweile fahren wir entlang der Route 12, einer kleinen, sich windenden Straße durch dichten heimischen Urwald. Der Waipoua Forest beherbergt einige der größten und ältesten Kauri-Bäume Neuseelands. Diesen Baum gibt es nur hier und sein wertvolles Holz wurde wegen seiner Stabilität und seiner Ausmaße vor allem zum Schiffbau verwendet, der Baumbestand war deswegen im 19. Jahrhundert schnell stark dezimiert. Heute stehen Kauri-Bäume unter Naturschutz und dürfen nur noch für rituelle Zwecke von Māori gefällt werden.

Bevor man einen Wanderweg durch den Kauriwald betritt, muss man seine Schuhe in einer Art Waschanlage säubern, damit man keine Keime der Baumkrankheit Kauri Dieback Disease mit sich hineintragen kann. Mit frisch geputzem Schuhwerk geht es anschließend entlang eines breiten Kießwegs durch den Wald. Immer wieder zweigen kleinere Pfade links und rechts des Weges ab und kündigen zum Beispiel den viert- oder siebtgrößten Kauribaum an. Zuerst begutachten wir die Four Sisters, ein Kauri-Quartett, das vier gleichbreite und -hohe Stämme in seinem Wurzelwerk vereint. Schon bei diesem Exemplar müssen wir unsere Hälse verrenken, um die Baumkronen erspähen zu können.

Als nächstes wird der zweitgrößte Baum angesteuert und es geht über schmale Holzstege tiefer in den Wald hinein. Wir sind gerade ins Gespräch vertieft und laufen, ohne wirklich auf die Umgebung zu achten, als sich plötzlich vor uns eine riesige Wand von einem Baumstamm auftut.

Wir erschrecken richtig als wir vor dem 16m Stammumfang des Te Matua Ngahere stehen – dem „Vater des Waldes“! Das Ding ist so dick, dass die normalgroßen Bäume daneben wie dünne Schaschlikspieße aussehen. Der Kauri ist zwar „nur“ der zweitgrößte, aber hat dafür den größten Stammumfang in ganz Neuseeland. Anschließend besuchen wir noch die anderen Größenwunder und begeben uns dann ein paar Kilometer weiter zum „Herrn des Waldes“, Tane Mahuta, dem höchsten und wahrscheinlich ältesten Kauribaum Neuseelands.

Tane Mahuta ist mit 52 Metern Höhe und einem geschätzten Alter von zwischen 1500-2000 Jahren definitiv ein spektakulärer Anblick. Uns wird aber der zweitgrößte Kauri eher im Gedächtnis bleiben, einfach wegen seinem „Überraschungseffekt“.

Den Kopf voller schöner Eindrücke übernachten wir zuletzt auf dem DOC (Department of Conservation) Campingplatz inmitten des Waipoua Forrest und werden von einem grandiosen, die-Glühwürmchen-in-den-Schatten-stellenden Nachthimmel und den Geräuschen der einheimischen Fauna ins Bett begleitet.

Für uns hat sich der „Umweg“ in den Norden definitiv gelohnt! Wer auf seiner Neuseelandreise von Auckland startet (oder abfliegt) und ein paar Tage zur Verfügung hat, sollte auf jeden Fall in Northland auf Entdeckungsreise gehen!