Als wir in Santiago de Chile in den Flieger steigen wissen wir: die Zeit in Südamerika war grandios aber jetzt kommt Neuseeland dran! Unser Haupt- und Traumziel, seit dem ersten Gedanken an eine Weltreise.

Als wir dann in Auckland ankommen, wissen wir jedoch nicht genau, wo wir anfangen sollen. Wir haben ein Working Holiday Visum, können also bis zu 12 Monate im Land bleiben, wir wollen einen Van kaufen und beide Inseln erkunden, zwischendurch vielleicht arbeiten und so viel wie möglich von diesem schönen Land sehen.

Damit wir uns eingewöhnen können und über die Weihnachtsfeiertage und Silvester “aufgeräumt” sind, entscheiden wir uns, mal wieder ein Workaway zu machen.

Im Großraum Auckland finden wir viele potentielle Optionen und haben schon aus Santiago bei einigen angefragt, der Großteil der Gastgeber ist aber anscheinend schon im Weihnachtsstress. Aber kurz nach unser Ankunft am Flughafen meldet sich Terry bei uns zurück. Gemeinsam mit seiner Frau Max verkauft er Klamotten aus Bali und Thailand in ein paar eigenen Läden und am Wochenenden auf Märkten. Am Telefon verstehen wir uns gleich gut und machen aus, dass wir am nächsten Tag einen Bus nach Warkworth nehmen, eine Kleinstadt etwa 50 km nördlich von Auckland.

Unsere Ankunft im Haus von Terry und Max in Algies Bay ist schwer zu beschreiben und fühlt sich an wie ein amüsanter Fiebertraum. Darin spielen ein freundlicher Riese, der nach einer neuseeländischen Muschelart benannt ist, ein Handwerker im knappen Badehöschen, und eine Handvoll weiterer Leute, die wir erst nach ein paar Tagen einzuordnen wissen, eine Rolle.

Am ersten Tag werden wir noch ein bisschen geschont. Wir nehmen die Hunde mit zum Strand, kochen Abendessen und spülen ab. Dann helfen wir, das ganze Haus um- und aufzuräumen und den Garten herzurichten.

Kurz danach bekommt Terry die Zusage für eine Ladenfläche in Warkworth und wir unsere Hauptaufgabe für die nächsten Tage: Ein leerstehender, alter und muffiger Supermarkt soll nach Terrys Vision in wenigen Tagen in einen hellen und lebendigen Pop-up Shop verwandelt werden. Ganz so recht können wir beide es uns nicht ganz vorstellen, wie der dröge graue Laden ein Zuhause für bunte Sommermode werden soll, wir packen aber beherzt zu.

Zuerst müssen Fenster und Türen von Folien und hartnäckiger Farbe befreit werden, eine Aufgabe, die mehrere Tage, verschiedenste Spatel, Skalpelle und Farblösemittel beansprucht. Dann werden Regale installiert, Kleiderstangen aus Bambus aufgehängt, den wir vorher noch am Straßenrand ernten und zwei Umkleidekabinen zusammengeschustert, bei denen MacGyver vor Neid erblassen würde.

Nach und nach können wir erahnen, wie das Endprodukt aussehen wird. Terry stürmt immer wieder in den Laden und hat neue Ideen und wirft uns aus unserer organisierten, irgendwie typisch deutschen Effizienzbahn. Aber irgendwann können wir uns auf eine gesunde Mischung aus Neuseeländischer DIY-Mentalität und Deutscher “Qualitätsarbeit” einigen.

Am Ende bleiben Kisten über Kisten an Klamotten, die organisiert, aufgehängt, dampfgebügelt und sortiert werden müssen. Innerhalb von vier Tagen verkaufen wir schon aus dem teilweise noch chaotischen Laden heraus, die neugierigen Bewohner von Warkworth haben schon in den Tagen davor immer wieder erwartungsvoll herein gespitzt und das Angebot kommt gut an, schließlich sind gerade Weihnachtsferien und die Leute sind in Shoppinglaune.

Nach etwa einer Woche in Warkworth finden wir Heinz. Er ist zwar nicht mehr der Jüngste und sieht außen auch ein bisschen heruntergekommen aus. Aber er trägt Vorhänge mit rosa Schnüren und ist mit einer Lichterkette geschmückt – Es ist Liebe auf den ersten Blick. Es handelt sich um einen Toyota Hiace, Baujahr 1997, mit eingebautem Regal, Bett und einer bunten Mischung aus Campingutensilien. Nach kurzer Testfahrt und Inspektion von einem Mechaniker fassen wir uns ein Herz und treffen uns mit dem Verkäufer, um über den Preis zu reden. Am Ende können wir ihn 350 NZD runterhandeln und er hat sogar noch 2.000 Dieselkilometer gutgeschrieben. Angenehm überrascht werden wir auch von dem unkomplizierten Besitzerwechsel, der in wenigen Sekunden online geregelt ist und Heinz gehört offiziell uns.

Wir sind super happy und machen uns in den nächsten Tagen daran, den Van weiter auszustatten. Am schönsten ist unsere Begegnung mit einer netten Dame in Matakana, die den “free stall” führt, eine Art Gratis-Secondhandladen. Was man braucht, bekommt man dort geschenkt und wir finden erstaunlich gut erhaltenes Geschirr, Besteck, Schüsseln, Topf und Pfanne, Dosenöffner und Messer. Alles weitere finden wir in hospice shops, also wohltätig orientierten Secondhandläden, die super sortiert sind. Hier ist auch für unsere Unterhaltung auf den zukünftigen Roadtrips gesorgt, wir kaufen neben einem kleinen Regal, einer Pflanze und weiteren Vorhängen einen Haufen Bücher und ein Strandtennis-Spiel für wenige Dollar.

Doch bevor es mit Heinz auf große Reise geht, ist erstmal Weihnachten und wir erfreuen uns an den neuseeländischen Weihnachtsbäumen.

Die gibt es in zweierlei Ausführung, die klassische Variante die man auch bei uns kennt (wenn auch in Terry und Max Fall ein wenig verrückter – Stichwort: Modeleisenbahn die in der Mitte des Baumes fixiert ist und ihre Runden dreht). Oder die natürliche Variante, die sich im Pohutukawa manifestiert. Ein knorriger Baum mit grünen Blättern, der zwei bis drei Wochen im Dezember blüht und dann große, rote Puschelblüten zur Schau stellt. Sowohl am Straßenrand als auch am Strand leuchtet es überall festlich rot und wir kommen trotz sommerlicher Temperaturen in Weihnachtsstimmung.

Denn Weihnachten im Sommer und so nah am Meer ist ungewohnt, aber eine schöne Abwechslung. Hier feiert man, wie in England oder Amerika, ebenfalls erst am 25. Dezember mit der Familie, die Tage davor sind meist für Christmas Parties mit Freunden und Nachbarn reserviert.

Weihnachtskonzerte dürfen da natürlich auch nicht fehlen und Maxie nimmt uns kurz vor dem Fest mit zu einem Event in der Nähe von Auckland, das von einer guten Freundin organisiert wird und sich „The Christmas Carol Olympics” nennt. Wir finden uns also in einem kleinen Konzertsaal eines Gemeindezentrums wieder, sehen noch aufgeregte Schüler in den Backstagebereich huschen, und wissen nicht so recht, was uns die nächsten zwei Stunden erwarten wird.

Am Ende ist es eine Mischung aus Varietéshow, Konzert und tatsächlich olympisch anmutendem Wettsingen. Die Wettkämpfer müssen in einer vorgegebenen Zone bleiben und schiefe Töne erhalten Strafpunkte. Wir erleben alles Mögliche von absurd witzigen Einlagen bis richtig schön gesungenen Weihnachtsliedern.

Am Tag vor Weihnachten fällt Lisas Geburtstag mit der bereits von Max und Terry geplanten Feier perfekt zusammen. Das Buffet ist riesig, es gibt saftige rote Kirschen, der Gästestrom scheint nicht abzureißen. Es wird viel gegessen, getrunken und gelacht und Felix versucht mit der Gitarre den wilden Liederwünschen aus der Menge gerecht zu werden.

Nach Silvester geht es für uns mit Max auf die Coromandel Halbinsel, wo wir auf verschiedenen Märkten Coconut Gallery Stände aufbauen und beim Verkaufen helfen. Wir drei kriegen nach dem ersten riesigen Event, dem Coromandel Keltic Fair mit 15.000 Besuchern, Live Musik und bestem Wetter eine gute Routine hin: Maxie ist quatschendes Verkaufstalent und gute Seele der Operation. Felix optimiert den Auf- und Abbau der Pavillions mit jedem Tag und lässt die Kreditkarten der Kunden glühen. Lisa trägt als lebendige Schaufensterpuppe wechselnde Outfits zur Schau und berät die Konsum-wütigen Besucher.

Bei den Märkten spielt das Wetter verrückt und wir machen von Sauna-Temperaturen über Windböen bis monsunartigen Regenschauern alles tapfer mit. So arbeiten wir uns durch die ersten Tage des jungen Jahres und verbringen auch schon die ersten Nächte im Van.

Die “Bilanz” nach drei Wochen Workaway kann sich sehen lassen: Unsere Orientierung und Eingewöhnung in Neuseeland ist geglückt. Die Leute, die wir in unserer Zeit hier getroffen haben, haben uns den Kiwi-Lebensstil näher gebracht – unglaublich offen und relaxt. Davon können wir uns auf jeden Fall eine Scheibe abschneiden!

Wir verabschieden uns dankbar von unseren Gastgebern und beginnen die Erkundung der Nordinsel mit einigen Tagestrips auf der Coromandel Halbinsel. Die ist aber so toll, das sie einen eigenen Blogeintrag verdient.