Santiago ist während unserer Reise durch Chile immer ein Verkehrsknotenpunkt. Das erste Mal (wir kommen gerade mit dem Bus aus Mendoza in Argentinien) verbringen wir hier keine zehn Minuten, bevor es weiter nach Valparaiso geht. Danach sind wir drei Tage dort, bevor wir nach Punta Arenas fliegen. Die Zeit nutzen wir da vor allem, um noch letzte Vorbereitungen für den O-Trail zu treffen. Und zum Ende unserer Zeit in Chile kehren wir wieder in die Hauptstadt zurück, diesmal mit dem Vorhaben, noch ein bisschen Sightseeing nachzuholen, bevor wir den Kontinent verlassen und nach Neuseeland reisen.

Santiago de Chile mit seinen über fünf Millionen Einwohnern ist nämlich eine riesige und vielfältige Stadt und viel zu schade, von uns links liegen gelassen zu werden. Auch hier gibt es einige Stadthügel, aber anders als Valparaiso erstreckt sich Santiago ewig weit und flach übers Land, im Westen immer dramatisch eingerahmt von der Bergkette der Anden.

Beim ersten Aufenthalt Mitte November kommen wir im Universitätsviertel in einem AirBnB Apartment unter. Hier gibt es vor allem viele kleine vegetarische und vegane Restaurants (besonders nennenswert: Terra Sano) und ein paar Bars und Cafes.

U-Bahnfahren ist relativ günstig und immer unterhaltsam: fast jedes Mal drängeln sich Alleinunterhalter mit Karaokemaschinen oder Jungs, die mit kreativen Sprüchen Schokoriegel verkaufen, durch die vollen Waggons. Einziger Wermutstropfen: die Metro fährt wochentags wie am Wochenende nur bis kurz nach 23 Uhr.

An unserem ersten Tag machen wir mal wieder, ihr habt es schon geahnt, eine Walking Tour, diesmal mit Free Tour Santiago. Unser Guide führt uns fast drei Stunden durch das Zentrum, über den Plaza de Armas, vorbei an der alten Börse und der Oper und durch die Viertel Lastarria und Bellavista und endet am Pablo Neruda Museum. La Chascona, was umgangssprachlich soviel wie “Die Ungekämmte” bedeutet, ist ein Haus, das der berühmteste chilenische Schriftsteller heimlich für sich und seine damalige Geliebte kaufte.

Besonders interessant finden wir auf der Tour aber die Erklärung zu den vielen Cafés mit verspiegelten Fassaden, genannt “café con piernas”, also Kaffee mit Beinen. Mit ihrem Instantkaffee locken die Chilenen nunmal niemand hinter dem Ofen hervor. Um Kundschaft anzuziehen, haben deshalb einige clevere Betreiber in den 90ern angefangen, leicht bekleidete Damen in ihre Läden zu stellen, um die männlichen Kaffeetrinker zu unterhalten. Wir spitzen einmal kurz durch ein Guckloch und haben den Beweis: hier ist der Kaffee nur Mittel zum Zweck.

Bei unseren Vorbereitungen auf Patagonien gehen wir im Mercado Central einkaufen. Hier findet man, dicht gedrängt in einer riesigen Markthalle, Stände, die von frischem Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch, Nüssen und Getreide bis hin zu Haushaltswaren alles anbieten. Die Preise sind sehr viel günstiger als im normalen Supermarkt und auch wenn man nichts einkaufen muss, ist es ein echtes Erlebnis!

A propos Erlebnis, in Santiago finden Shopping-Begeisterte zudem das größte Einkaufszentrum Südamerikas: Das Costanera Center. Durch die unzähligen Stockwerke mit hunderten Geschäften irren wir ironischerweise an einem heißen Sommertag auf der Suche nach Fleecepullis und Handschuhen (für Patagonien).

Wer Museen mag, ist in Santiago bestens aufgehoben. Außer natürlich sie streiken gerade, wie es bei uns der Fall ist. Nur einige private Museen haben geöffnet und so finden wir uns an einem stickigen, heißen Tag im kühlen Museo de La Memoria y los Derechos Humanos wieder. Hier bekommt man einen guten Einblick in Chiles Diktatur unter Pinochet von dessen Machtergreifung 1974 bis zur demokratisch gewählten Beendigung (!) dieser 1990.

Das Museum bereitet die Geschichte gut auf, mit vielen Artefakten und Videos und einer großen Lichtinstallation, die der Opfer dieser schwierigen Zeit der Landesgeschichte gedenkt. Leider kommt Felix alles sehr spanisch vor, deswegen der wichtige Tipp: Wer der Sprache nicht fließend mächtig ist, sollte sich am Eingang einen internationalen Audioguide ausleihen: alle Titel, Beschriftungen und Erklärungen gibt es leider nur in der Landessprache.

Für einen tollen Rundum-Blick über die riesige Stadt sollte man den anstrengenden Aufstieg auf den Cerro San Cristóbal auf sich nehmen. Die immerhin 300 Höhenmeter überwindet man per Zahnradbahn (funicular), Seilbahn (teleferico) oder wie wir (schwitzend) zu Fuß vom Viertel Bellavista aus (Eingang am Ende der Straße Pio Nonno). Oben auf der Aussichtsplattform angekommen, belohnen wir uns mit Popcorn (palomitas) und warten mit vielen anderen auf einen spektakulären Sonnenuntergang.

Unsere zweite Unterkunft, das Hostal de la Barra, wählen wir dann bewusst im Zentrum, direkt zwischen Bellavista, Lastarria und dem Cerro Santa Lucia. Das Viertel Lastarria gefällt uns besonders gut, hier trinken wir (echten!) Kaffee im Wonderland, essen vegane Burger und Kuchen im La Vegetal und spitzen in die vielen kleinen Läden.

Den Cerro Santa Lucía, einen historischen Hügel, erklimmt man durch eine hübsche Parkanlage, vorbei an kleinen Türmchen, alten Mauern, Brunnen und einer Kapelle. Obwohl wir an einem seltenen Regentag vorbeischauen, fühlt man sich hier wie in einer kleinen grünen Oase inmitten der versmogten Großstadt.

Im Parque Forestal lässt es sich ebenfalls wunderbar im Grünen entspannen. Hier baden bei Sonnenschein Kinder und Hunde im großen Brunnen, auf einer Picknickdecke zupft jemand auf einer Gitarre und zwischen zwei Bäumen hat eine Gruppe junger Leute eine Slackline gespannt. Als wir auf einer Parkbank dösen, spricht uns ein netter Chilene an, der leckere kleine Gebäckteilchen aus Banane und Haferflocken verkauft, um sich Geld für eine Reise durch Südamerika zusammen zu sparen. Mit seinem Prinzip “zahl soviel du willst” wird es wahrscheinlich noch eine Weile dauern, bis es losgehen kann … vor allem, weil er uns die Teile sogar am liebsten noch schenken will, nachdem wir uns eine halbe Stunde angeregt mit ihm übers Reisen unterhalten haben.

In Bellavista kommen wir an einer coolen Streetart-Gallerie mit Bar vorbei. Im ersten Stock entdecken wir ein Zimmer, dessen Wände über und über mit verschiedenen Schriftzügen bedeckt sind. Und da steht auch schon der Gallerist in der Türe und reicht uns wortlos und lächelnd eine Tüte mit Sprühdosen und bunten Markern. Also verewigen wir uns und Hopp, Los! auch bei der Galeria de Arte Urbano.

Im selben Viertel gehen wir abends auch noch etwas mit Matias und seiner Freundin Consuelo trinken. Diesen super netten Kontakt hat Felix Schwester für uns hergestellt. Wir haben also mal wieder das Glück, Locals kennenzulernen und kommen darüber hinaus in den Genuss von Mr. Wasabi, dem Sushi-Restaurant, das die beiden gemeinsam führen. Hier sind alle Rollen riesig, lecker und nach Freunden und Familienmitgliedern der beiden benannt.

Typisch chilenisches Streetfood, das bei der Stadtführung erklärt wurde, wollen wir natürlich auch probieren. Dabei lassen wir die completos italianos (Hot Dog Variationen mit Tomaten, Mayo und Avocado) links liegen und widmen uns zuerst dem bekanntesten südamerikanischen Snack, den sopaipillas. Das sind etwa handflächengroße Teigtaler aus Maismehl, die frittiert werden und mit beliebigen Soßen, Avocado und ensalada chilena (Tomaten, Zwiebeln, Koriander) gegessen werden. Schnell, fettig, unglaublich lecker und 200-300 CLP (30-40 Cents) “teuer”.

Das nächste und für uns etwas experimentellere Streetfood nennt sich mote con huesillo, übersetzt “Weizengraupen mit eingelegtem Pfirsich”. Die Verkäufer schaufeln eine Ladung mote in einen Becher mit Löffel, dazu kommt eiskalter Pfirsichsaft und ein eingelegter, etwas verschrumpelter Pfirsich. Clever gedacht: So hat man Snack und Getränk in Einem. Klingt nicht besonders verlockend, ist aber tatsächlich sehr lecker und vor allem erfrischend!

Unsere Zeit in Südamerika endet Mitte Dezember in Santiago. Um ein bisschen Chile zu bewahren und mit nach Hause zu schicken, haben wir euch hier ein Rezept für eine Chorillana zusammengestellt. Das ist ein perfektes “comfort food” für kalte Tage, nach einer durchfeierten Nacht oder einfach, weil nichts mehr anderes im Haus ist. Viel Spaß beim Nachkochen und „Qué aproveche!”

Chorillana á la Hopp, Los!

Zutaten (für 2 Portionen):

  • 3-4 Kartoffeln und Süßkartoffeln
  • 1 rote Zwiebel
  • ½ Packung fester (Räucher-)Tofu
  • 2 Eier
  • mittelscharfer Senf
  • Soja-Soße
  • Olivenöl
  • Salz & Pfeffer
  • Merkén (oder ähnliches Gewürz: geräucherte Chilischoten, gemahlen)

Zubereitung:

  1. Kartoffeln säubern, wenn nötig, schälen und in kleine Würfel schneiden. Öl in großer Pfanne erhitzen, Salz großzügig darüber streuen, dann die Kartoffeln auf dem Pfannenboden verteilen und brutzeln lassen. So wenig wie möglich herumrühren, die Kartoffeln sollen gut knusprig anbraten. Wenn die Unterseite fertig ist, nochmal nachsalzen und die Würfel wenden.
  2. Tofu in dünne Streifen schneiden oder mit der Gabel zerdrücken. Einen Esslöffel Sojasoße und einen Teelöffel Senf untermischen, ein paar Minuten marinieren lassen.
  3. Zwiebeln in Streifen schneiden und in einer separaten, kleinen Pfanne karamellisieren.
  4. Tofu in etwas Öl anbraten.
  5. Eier zu Spiegeleiern braten.
  6. Auf einem großen Teller in der Reihenfolge Kartoffeln – Tofu – Zwiebeln – Spiegelei aufschichten und Merkén oder andere Lieblingsgewürze darüber geben.

PS: Wer es mit dem Fleisch wie die Südamerikaner hält (= je mehr, desto besser), der ersetzt Tofu lieber mit Speck, dünnen Steakstreifen oder der ein oder anderen Wurst 🙂