Nach der Carretera Austral kommen wir in die Región de los Lagos, bekannt für zahlreiche Seen und Vulkane. Nachdem sich der Osorno-Vulkan bei Puerto Varas in zwei Tagen einfach nicht aus den Wolken bequemen will, ziehen wir weiter nach Pucón (Región de la Araucanía) und seinem aktiven “Hausvulkan”, dem Volcan Villarrica.

Die Wettervorhersage bescheinigt uns bestes Wetter, um am übernächsten Tag den Vulkan up close and in person zu bestaunen. Spät abends kommen wir in Pucón an und steigen in der kleinen Pension La Tetera ab, eine süße Holzhütte mit übersprudelnden Blumenkästen auf dem Balkon.

Zuerst wollen wir ein bisschen Recherche betreiben und vergleichen verschiedene Touranbieter in der Hauptstraße Av. Bernardo O’Higgins. Das Programm ist überall das gleiche, wie es auch schon die Bewertungen bei TripAdvisor vorhergesagt haben: früh wird man im Bus zum Fuße des Vulkans Villarrica im gleichnamigen Nationalpark gefahren, dann geht es gemeinsam in der Gruppe mit mehreren Führern den (zu dieser Jahreszeit noch zu großen Teilen schneebedeckten) 2840m hohen Vulkan hoch. Oben hat man kurz Zeit zum Fotos machen und danach rutscht man auf Schneerutschern (dem ein oder anderen aus der Kindheit als “Po-Rutscher” sicher gut bekannt) den Berg wieder runter. Im Teilnahmepreis, der umgerechnet überall zwischen 100 € und 130 € pro Person liegt, sind der Transport, die Betreuung und das Equipment (wasserfeste Jacke und Hose, Manschetten, Wanderstiefel, Rucksack, Gummischutz, Handschuhe, Helm, Eisaxt und Rutscher) mit inbegriffen. Pro drei Teilnehmer geht ein Führer vorneweg oder nebenher.

Nach unserem Vergleich entscheiden wir uns für Summit Chile, das von einem kanadisch-chilenischen Paar geführt wird. Der Chef Claudio ist selbst international geprüfter Bergführer. Wir probieren kurz ein paar Schuhe und Jacken durch, unser Equipment wartet dann am nächsten Morgen auf uns. Außerdem wird uns geraten, heute noch viel zu trinken, nicht lange in der prallen Sonne zu bleiben (davon gibt’s morgen genug) und viele Kohlehydrate zu essen. Das trifft sich gut, denn Pucón hat an jeder Ecke vielversprechende Bäckereien mit deutschen Kuchen und nette kleine Restaurants zu bieten.

Das frühe Aufstehen am nächsten Morgen wird erheblich dadurch erleichtert, dass uns die Pension ein spezielles “early breakfast” direkt am Tischchen vor unserem Zimmer vorbereitet hat. Weit haben wir es auch nicht, Summit Chile befindet sich nämlich direkt gegenüber von unserer Unterkunft. Ein kurzer Blick auf die Truppe beruhigt uns, die sehen alle relativ fit aus. Wir haben nämlich auch schon von Leuten gelesen, die mit der Gruppe kurz vor dem Vulkankrater umdrehen mussten, weil einige Teilnehmer es nicht geschafft hätten. Als alle ausstaffiert und fertig angezogen sind, geht es in den Bus. Dort unterhalten wir uns noch mit ein paar anderen Deutschen und fragen ab, wie die anderen so zum Skilift stehen. Diese Option gibt es nämlich auch noch: mit einem Sessellift die erste steile Etappe überspringen, um Kräfte für oben zu sparen … Kostenpunkt: 10.000 CLP (ca. 14 €). Aber die Frage erledigt sich von selbst, denn schon beim Einfahren auf den Parkplatz sehen wir, dass der Lift völlig still und verwaist dasteht.

Also geht’s gleich los! Mit uns stehen schon einige Gruppen von anderen Veranstaltern herum und warten auf ihre Einweisung. Wir haben neben Claudio noch drei weitere Führer dabei und sind insgesamt 12 Teilnehmer aus Deutschland, Frankreich und Kanada. Claudio zeigt uns, wie wir im Schnee auftreten sollen und wie man die Eisaxt beim Laufen als Stütze hält, ohne sich oder andere damit aufzuspießen. Dann stapfen wir im Gänsemarsch über ein steiles Geröllfeld.

Den Helm tragen wir wegen Gefahr vor fallenden Steinen oder Eisbrocken die ganze Zeit und es passiert nicht selten, dass wir uns die Köpfe am Rucksack oder Hintern unseres Vordermannes stoßen, wenn der plötzlich stehen bleibt. Der Blick nach unten bestätigt immer wieder, dass es sich hier, trotz der kleinen Gruppengrößen, um eine riesige Touristenattraktion handelt. Immer mehr Grüppchen arbeiten sich in Zick-Zack-Linien den Vulkan hinauf.
Ein einziger Ameisenhaufen!

Der Aufstieg ist deshalb eigentlich ein bisschen langweilig. Nicht wirklich anstrengend, immer hintereinander her … aber der Ausblick über Täler, Seen und Nachbar-Vulkane ist bei wolkenlosem Himmel herrlich und macht fast alles wieder wett.

Zwischendurch machen wir ein paar kurze Snack- und Trinkpausen und kommen nach etwa drei Stunden kurz unterhalb vom Krater an. Hier legen wir unsere Rucksäcke ab und haben 15-20 Minuten Zeit, in den Vulkan hineinzuschauen und Fotos zu machen.

Oben tummeln sich viele Grüppchen um die Kante des Kraters und man wechselt sich ab, einen mutigen Blick hinunter in das Innere des Villarricas zu werfen. Und da blubbert und sprudelt tatsächlich grell-orangene Lava! Ein konstantes Rauschen und Rumoren im Berg untermalt das einmalige Bild, das sich uns bietet. Wie es wohl geklungen haben mag, als der Villarrica zuletzt im März 2015 ausgebrochen ist?  Daran wollen wir jetzt lieber nicht denken …

Nur schwer können wir uns vom Anblick des Vulkaninneren und der Aussicht losreißen, aber gleich geht es an den lustigen Teil des Tages: das Runterrutschen. Nachdem wir etwa fünf Minuten lang abgestiegen sind, werden wir von Claudio angewiesen, unsere wasserdichten Hosen, Rutscher und eine Art Klettergurt mit verstärktem Hosenboden aus Gummi auszupacken. Das Anziehen ist eine Wissenschaft für sich und es dauert bestimmt 20 Minuten, bis endlich alle bereit sind. Die Eisaxt kommt auch hier wieder zum Einsatz, diesmal als Bremse, sollte man zu schnell rutschen. Etliche Gruppen vor uns haben mit ihren Allerwertesten bereits Kanäle in den Schnee gerutscht, die wir jetzt nutzen. Bei manchen dauert es ein bisschen, bis man wirklich Fahrt aufnimmt, manchmal bleibt vorne jemand stecken oder wird zur menschlichen Schneeraupe, wenn man die Beine und Füße  zu weit auseinander hält. Leider gibt es von diesem Heidenspaß keine Fotos, weil wir bevor es losgeht, alles wasserdicht verpacken (und die GoPro mal wieder streikt). Ihr müsst uns also einfach glauben, dass wir mit 100km/h durch einen Eiskanal gesaust sind und Felix am Ende sogar noch einen hoch komplizierten Salto Domingo hingelegt hat.

Am Nachmittag kehren wir nach Pucón zurück und merken, dass der Aufstieg und nachfolgender Rodelspaß doch anstrengender waren, als wir zuerst geglaubt haben. Bei Summit Chile gibt es noch frische Kirschen und ein selbst gebrautes Bier zur Belohnung. Und weil wir beide einfach kein Maß kennen, gönnen wir uns nach einer Dusche noch Kaffee und Kuchen im Kuchenladen (heißt wirklich so!). Wir deuten auf verschiedene Prachtexemplare in der Auslage und fragen, um was es sich handelt. Die Antwort ist jedesmal: “Kuchen.”

“Todos son kuchenes!” (Alle sind Kuchen!). Diese Erklärung stellt uns völlig zufrieden und danach strecken wir am See noch einmal alle Viere von uns, bevor es am Abend in den Bus Richtung Santiago geht.