Unsere Rückkehr nach Chile ist relativ abenteuerlich: Früh um 06:30 Uhr kommen wir in Los Antiguos an, einem kleinen Dorf, das für uns keine weitere Bedeutung hat, außer, dass es nahe der Grenze liegt. Busse, die von El Chaltén in Argentinien rüber nach Chile fahren, gibt es nämlich nicht. So stehen wir also nach einer ruckeligen Nacht im Bus in dem verschlafenen Kaff und versuchen ohne Internet herauszufinden, wie wir weiterkommen. Der überteuerte Bus, der um 08:00 Uhr bis Chile Chico, dem Grenzstädtchen auf der anderen Seite, fährt, ist für uns keine Option. Also schultern wir die Rucksäcke und stapfen, nach kurzer Wegabsprache mit zwei Polizisten, los in Richtung Grenze.

Los Antiguos - Chile Chico

An der Grenzstation auf argentinischer Seite angekommen, müssen wir warten. Es ist 07:50 Uhr, um 08:00 Uhr wird geöffnet und die Grenzbeamten müssen sich erst mal ausgiebig begrüßen und es sich bequem machen. In der Zwischenzeit lernen wir Jordi aus Spanien kennen und laufen mit ihm nach der Passkontrolle die Straße nach Chile. Den Grenzposten können wir bereits in 500 Metern Luftlinie auf der anderen Seite des Grenzflusses ausmachen, aber die u-förmige Straße zieht sich zwei Kilometer zu einer Brücke und auf der anderen Seite die gleiche Strecke zum Ziel. Aber wir sind trotzdem euphorisch, denn:

Noch nie haben wir eine Grenze zu Fuss überquert!

Nach der Pass- und Gepäckkontrolle steht schon die nächste neue Herausforderung an: eine Mitfahrgelegenheit nach Chile Chico finden. Wir sind sehr dankbar für Jordis spanische Herkunft, denn er spricht gleich das erste Auto an, das an diesem Morgen die Grenze überquert. Der Fahrer schüttelt den Kopf. Mist! Und dahinter kein Auto weit und breit. Wir laufen also einfach schon mal los, vielleicht kommt ja auf dem Weg nochmal jemand vorbei. Aber es ist Sonntag und wir haben heute außer uns Touristen noch niemanden auf der Straße gesehen. 100 Meter nach der Grenze fährt das gleiche Auto vor uns rechts ran, der Beifahrer springt freudig heraus und öffnet den Kofferraum für unsere Rucksäcke. Er nimmt uns natürlich gerne mit, sie wollten nur keinen Ärger bei der Grenze bekommen. Hallelujah! Es handelt sich um einen argentinischen Pfarrer, der heute vormittag einen Gottesdienst in Chile Chico hält.

Dort angekommen, verabschieden wir uns dankbar, stehen allerdings gleich vor dem nächsten Dilemma: Es gibt keine öffentlichen Busse nach Rio Tranquilo, unserer nächsten Station. Nach einigem Herumfragen finden wir jemanden mit einem Minibus, der uns drei und die restlichen Grenzgänger, drei Mädels aus Regensburg und eine Kanadierin, fuer 14.000 CLP pro Nase (ca. 20 €) ins 165 km entfernte Rio Tranquilo bringen kann. Nach langem Hin- und Herüberlegen und gescheiterten Versuchen, den Preis noch herunterzuhandeln, lassen wir uns auf den Deal ein.

Sieben Passagiere samt Rucksäcken werden also in den Bus gequetscht und dann geht es vier Stunden über Schotterstrassen, Schlaglöcher und viele Serpentinen am Lago General Carrera entlang, dem größten See Chiles. Der Staub, der auf der Straße aufgewirbelt wird, schafft es auch bei geschlossenen Fenstern ins Auto und legt sich auf Haare, Klamotten und Lungen und macht uns unmissverständlich klar, dass wir jetzt auf der Carretera Austral unterwegs sind.

Rio Tranquilo

In Rio Tranquilo angekommen, fährt unser Fahrer direkt zu einem Bekannten, der Bootstouren, Unterkünfte und Essen organisieren kann. In diesen kleinen Örtchen wittert jeder Bewohner bei neu angekommenen Besuchern seine große Chance für ein Geschäft. Wir nehmen das Angebot für die Unterkunft (ein kleines Häuschen mit Küche und Bad für uns sieben) und einer Bootstour dennoch dankend an.
Denn nur über den Wasserweg kommt man zu den Cuevas de Marmol, den Marmorhöhlen, für die wir in diesem kleinen Ort Halt machen. Wir steigen mit drei weiteren chilenischen Touristen in ein Motorboot und brettern mit schreiendem Außenborder über den wunderschönen, tiefblauen See zu den Steinformationen, für die diese Region berühmt ist.

Nach wenigen Minuten biegen wir in eine kleine Bucht ein und erspähen die ersten Felsformationen. Tatsächlich sieht es aus wie Marmor und Jahrhunderte von Erosion haben runde und abstrakte Formen aus dem grau-weißen Stein gewaschen. Der Bootsführer erklärt auf Spanisch, dass jeder etwas anderes in den Felsformen sieht und ihnen dann Namen wie “Der Elefant” oder “Der Broccoli” gibt.

Wir schippern langsam an einer Meerjungfrau, einem Hund und einem Seelöwen vorbei, bis wir zur eigentlichen Attraktion, der Marmorkapelle Capilla de Marmol, kommen. Hier hat das Wasser kathedralenartige Bögen geschaffen, in die wir sogar hineinfahren. Teilweise werden sie nur von dünnen Säulen gehalten und wir fragen uns, wie lange man dieses Naturphänomen noch betrachten kann.

Auf dem Rückweg holt unser Kapitän nochmal alles aus dem kleinen Boot heraus und wir fliegen in hohen Bögen und mit erfrischendem Wellenkontakt zurück ins Dorf.

Am Abend kochen wir alle zusammen, trinken ein paar Bierchen und planen, wie die Weiterreise verlaufen soll. Jordi will in zwei Tagen eine Fähre auf die Insel Chiloé nehmen, die Mädelstruppe will weiter Richtung Norden und wir schliessen uns für einen kurzen Teil der Reise bis in die nächste größere Stadt an.

Coyhaique

Am nächsten Morgen bringt uns ein voll beladener Bus nach Coyhaique. Während die anderen dort gleich Tickets für die Weiterreise organisieren, beschließen wir beide, eine Nacht in Coyhaique zu bleiben und alle Vorteile der “Zivilisation” (Geldautomaten, Supermärkte, Internet sucht man in den kleinen Dörfern entlang der Carretera vergebens) zu genießen. Um uns zu orientieren, schauen wir in der Touristeninformation vorbei und erkundigen uns über das Aktivitätenangebot der einzigen größeren Stadt entlang der Carretera Austral. “Unser zentraler Plaza ist achteckig, was in Südamerika einzigartig ist …” verkündet die nette Dame mehr oder weniger stolz. Ansonsten zuckt sie mit den Schultern und empfiehlt noch einige kurze Ausflüge. Wir spazieren also über das geometrische Kuriosum, suchen uns ein freies Zimmer in einer kleinen Pension und planen unsere Weiterreise.

Puyuhuapi

Die nächste Station auf der Carretera Austral ist für uns Puyuhuapi. Das Städtchen mit dem lustigen und schwierig auszusprechenden Namen sagt uns nichts, liegt aber in der Nähe des Nationalparks Queullat und dem Bosque Encantado (Zauberwald). Die Fahrt geht über 230 km durch Täler, und lange Zeit an einem türkisfarbenen Fluss entlang, an dessen Ufer Blumen in allen Lila-Tönen leuchten.

Auf dem Weg sehen wir einige Radfahrer, die sich schwer bepackt und eingestaubt die Schotterstraße hinauf quälen. (Später erfahren wir, dass die Carretera im Hochsommer von motorisierten und pedalbetriebenen Zweirädern nahezu überschwemmt wird, die von der Schönheit und Abgelegenheit dieser Straße angezogen werden).

Kurz vor dem Ortseingang grüßt ein Schild die Besucher: “Puyuhuapi, früher Waldhagen, gegründet 1935”. Die deutschen Wurzeln sind deutlich in der Architektur einiger kleiner Häuschen zu erkennen und im kleinen Tante-Emma-Laden finden wir Biere der ortsansässigen Brauerei “Hopperdietzl”.

Wir folgen unserem praktischen “Get South”-Guide, den wir in Valparaíso gefunden haben und finden ein Zimmer in einer gemütlichen Hütte, die man so eher in Österreich oder der Schweiz erwarten würde. Für den nächsten Tag haben wir viel vor: zuerst einen Bus zum 60 km entfernten Bosque Encantado nehmen und wenn wir fertig verzaubert sind, den Daumen am Straßenrand rausstrecken und per Anhalter wieder Richtung Puyuhuapi zum Eingang des Parque Nacional Qeullat fahren, an dem ein Wasserfall samt hängendem Gletscher auf uns wartet.

Der erste Teil läuft bestens, wir sind die ersten Besucher im Zauberwald und haben die verwunschene Landschaft ganz für uns allein. Etwa 45 Minuten dauert der Aufstieg durch den Wald. Die Stämme sind dick mit Moos überwachsen und über uns hängen Schlingpflanzen quer über dem Weg.

Der enge, sich windende Pfad verläuft die meiste Zeit entlang eines kleinen Baches, der zu einem reißenden Fluß heranwächst sobald man weiter oben aus dem Wald ans Licht tritt. Überquert man diesen über ein paar wackelige Steine, kann bis an ein paar größere Aussichtsfelsen oberhalb des klaren Gletschersees klettern.

Nach dem Abstieg kommt der schwierige Teil: eine Mitfahrgelegenheit finden. Wir sind optimistisch und winken jedem Fahrzeug freundlich zu. Die Sonne brennt, die Straße staubt. Es kommen nicht viele Autos in die richtige Richtung vorbei und wenn doch, sind sie entweder voll mit Bauarbeitern besetzt oder würdigen uns keines Blickes. Wir werden zunehmend frustrierter und wütend auf die Fahrer, die ganz offensichtlich noch Platz im Auto haben. Aber es hilft nichts.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Carretera zwischen dem Wald und Puyuhuapi in einer Stunde bis zum Abend für Bauarbeiten gesperrt wird. Irgendwann erbarmt sich aber ein kleiner Lieferwagen und nimmt uns zumindest bis zur 20 km entfernten Straßensperre mit. Kurz überlegen wir, die verbleibenden 40 km zu Fuß zu bestreiten, aber der grummelige Bauarbeiter würde uns so oder so nicht durchlassen. Jetzt heißt es drei Stunden ausharren. Wir schlagen die Zeit tot, indem wir einen nahegelegenen kleinen Wasserfall besuchen und dann auf dem Handy unseren nächsten Blogeintrag schreiben.

Den Nationalpark können wir uns abschminken, bis wir hier wegkommen ist der schon geschlossen. Als sich die Schlange an Autos langsam wieder in Bewegung setzt, haben wir uns mit einem VW-Bus voller Fährmitarbeiter angefreundet. Sie zeigen uns, dass man die riesigen Pflanzen mit den überdimensionierten, seerosenförmigen Blättern, die überall entlang der Carretera wachsen, essen kann. Nalca heißt das Gewächs, dass man roh (sauer, erfrischend) essen oder zu Marmelade oder Relish einmachen kann und das vom Geschmack an Rhabarber erinnert (zu deutsch: Mammutblatt).

Kurzerhand nehmen Sie uns bis nach Puyuhuapi mit. Während der Fahrt reden sie wild auf Felix ein, Lisa antwortet und übersetzt simultan von der Rückbank und die Herren erzählen uns, dass sie wegen der schönen Frauen unbedingt mal in die Ukraine reisen wollen. Am Ende ist unser erster alleiniger Anhalterversuch doch noch einigermaßen erfolgreich ausgegangen.

La Junta

Motiviert machen wir uns morgens auf zur winzigen Touristeninformation – wir wollen den nächsten Bus nach Chaitén erwischen und danach weiter nach Hornopirén. Aber da haben wir zu “großstädtisch” gedacht. Busse gibt es nur am nächsten Tag (Freitag) und nur vom nächsten Ort aus, La Junta. Also stellen wir uns an den Ortsausgang und halten wieder den Daumen raus.

In La Junta finden wir ein süßes Hostel mit nettem Chef, das Casa Museo und sonst leider nichts. Die lokale Brauerei verkauft nur in einer Hotelbar (natürlich geschlossen), alle Fahrräder des Verleihs sind in Reparatur und auf der Suche nach einer Zitrone in einem der zahlreichen, aber schlecht ausgestatteten Läden, geraten wir fast in Verzweiflung. Wir beschließen letztendlich, die angeblichen Mängel als Zeichen zu sehen, dass weniger manchmal mehr ist und wir auch einfach mal nichts tun können.

Chaitén - Hornopirén

In Chaitén, wo wir uns nur eine Stunde zwischen dem Bus von La Junta und der Weiterfahrt nach Hornopirén aufhalten, machen wir eine unerwartete Entdeckung: Auf der Suche nach einer Bank stoßen wir auf einen grünen Linienbus, der zum Foodtruck umfunktioniert wurde. Die 1. FC Köln Fahne am Lenkrad und riesige Streuselkuchen in der Auslage deuten auf deutsches Mitwirken hin. Natour wird von einem deutsch-chilenischen Paar geführt, die hier neben Kaffee, Kuchen und Sandwiches auch geführte Ausflüge in die umliegenden Nationalparks und auf die Vulkane anbietet.

Die Weiterfahrt führt uns im Bus und mit drei Fähren nach Hornopirén, einem Städtchen, das vor allem für seine zahlreichen Fischzuchten, Thermalbäder und den gleichnamigen Nationalpark bekannt ist.

Dort angekommen finden wir nach langer Suche günstigen Unterschlupf im Hostal Central und planen gemeinsam mit einem übermotivierten Mitarbeiter in der Touristeninfo unseren Aufenthalt. Es soll Sammeltaxis geben, die sich “flete” nennen, am zentralen Plaza zu finden sind und uns zum Parque Nacional Hornopirén fahren können. Gesagt, getan und wir finden am Samstag Morgen gleich einen netten Fahrer, der uns zwei für 8.000 CLP (11 €) in die Nähe des Parkes mitnimmt. Der Fahrer lässt uns an einem Pferdegatter raus und gibt uns zu verstehen, dass der Eingang des Parkes einige Kilometer dahinter zu finden ist.

Wir verpassen fast den unscheinbaren Wegweiser zum Entrada Parque Nacional, der sich hinter ein paar friedlich grasenden Pferden versteckt. Vorsichtig und mit Blickkontakt schleichen wir an ihnen vorbei und betreten einen Dschungel aus Bambus, Farnen, Sträuchern und Wurzelwerk. Fast eine Stunde vergeht, bis wir auf Maria aus Polen treffen. Sie ist alleine unterwegs und wollte schon wieder umkehren, weil der Weg so undeutlich gekennzeichnet ist: kleine Plastikschleifen an Ästen alle 100-200 Meter, mit Glück ist mal ein echtes Schild dabei. Wir werden mal wieder daran erinnert, dass die Welt ein Dorf ist, denn Maria hat zwei Jahre in Nürnberg für die drei Streifen gearbeitet.

Nach drei (!) Stunden erreichen wir endlich den Eingang, der nur aus einem großen Willkommensschild besteht. Danach dauert es noch zwei Stunden, bis wir, vorbei an riesigen Alerce-Bäumen am Lago Pinto Concha ankommen. Kurz davor wird uns klar, warum die Beschilderung anfangs so schlecht war. Das komplette Schilder-Budget des Nationalparks ist anscheinend für den letzten Kilometer draufgegangen. Hier animieren uns gut alle 100 Meter kleine Holzpfeile, nicht aufzugeben.

Die Landschaft um den See ist unwirklich: schwarzer Sand, schneebedeckte Gipfel und türkisblaues Wasser. Zur Abkühlung springen wir in den eiskalten See und trocknen in der Sonne. Wir haben diesen schönen Ort ganz für uns.

Der Rückweg dauert und zieht sich und unten angekommen suchen wir noch nach Handynetz und warten eine halbe Ewigkeit auf unseren flete-Fahrer.

Abends gehen wir noch in die Kneipe an der Ecke, es soll Live Musik geben. Allerdings merken wir nach dem zweiten Song, dass die Jungs wohl gerade erst zum dritten Mal proben und so begnügen wir uns mit einem kurzen Billardspiel und suchen danach das Weite.

Puerto Montt

Das Ende der Carretera Austral ist die Stadt Puerto Montt, relativ unspektakulär und wirkt, wahrscheinlich wegen des grauen Wetters, auf uns nicht wirklich einladend. Dankbar nehmen wir allerdings erneut die Vorzüge der Zivilisation an und ziehen dann weiter nach Puerto Varas, das sehr viel kleiner und interessanter scheint. Von dort geht es weiter nach Pucón.

Eine ganze Woche haben wir für den Großteil (von Rio Tranquilo geht noch ein gutes Stück südlich bis nach Villa O’Higgins) der 1.225 km langen Route gebraucht. Jedes Mal, wenn wir im Bus saßen, klebten wir am Fenster und schauten der Natur zu wie sie an uns vorbeirauschte. Jedes Mal wünschten wir uns selbst am Steuer zu sitzen, anhalten zu können wann wir wollen und die noch zu großen Teilen aus Schotter bestehende Straße in eigenem Tempo zu erforschen. Hoffentlich kommen wir wieder!