“Treffen sich drei Anwälte, zwei Ärzte, ein Koch, eine Ingenieurin und zwei Arbeitslose auf einem Berg …”

Was wie ein lahmer Witzbeginn klingt, beschreibt unseren ersten Tag auf dem O-Trail im Torres Del Paine Nationalpark ganz treffend.

Am 15. November brechen wir bestens ausgerüstet (siehe dazu unseren Vorbereitungs-Post), zur längsten Wanderung auf, die wir beide je gemacht haben. 130 Kilometer wird uns der O-Trail durch Felder und Wiesen, vorbei an Flüssen, Seen und Gletschern und über einen verschneiten Pass führen.

Tag 1: Laguna Amarga - Campamento Serón

Als wir am Parkeingang ankommen, steht die erste Entscheidung an: ein Shuttle zum Hotel Las Torres, Start- und Endpunkt unserer Rundwanderung, nehmen oder die sieben Kilometer laufen? Was für eine Frage! Übermotiviert setzen wir uns in Bewegung, Felix pfeift und beatboxt “Im Frühtau zu Berge” und in den ersten 20 Minuten erleben wir bereits einen kleinen Vorgeschmack auf das Wetter für die nächsten Tage:

Sonne – Wind – Regen – Sonne – Wind.

Kurz nach der Abzweigung, die uns zum Camp Serón führen soll, ruft hinter uns jemand: “Ist das der richtige Weg zu Serón?” Drei nette Kanadier (Christie, Ben und Adam, alle Anwälte) gesellen sich zu uns. Wir unterhalten uns, bestaunen zwischendurch die rauhe Landschaft und merken so gar nicht, wie die Zeit vergeht.

Der Weg führt relativ flach über Felder, in der Ferne sehen wir Pferde und einen eisblauen Fluss, der sich durch die Landschaft schlängelt. Am Ende wird der Weg immer matschiger und trotz beachtlicher Balance-Künste schaffen wir es nicht, unsere Schuhe und Socken trocken zu halten.

Am Camp Serón angekommen müssen wir erstmal feststellen, dass die besten Zeltplätze schon belegt sind. Zeitgleich mit uns kommt eine Gruppe junger Chilenen an, die überdimensionale Rucksäcke tragen und sich gleich daran machen, zehn identische Zelte aufzubauen. Eine riesige Papp-Palette mit Eiern haben sie auch dabei. Sie arbeiten als “porteros”, also als Träger für eine Reisegruppe, die irgendwann später eintrudelt. Wir finden das ganz schön dekadent und strafen die Gruppe bei ihrer Ankunft mit Nichtachtung. Interessiert aber keinen.

Auf einer überdachten Veranda dürfen die Camper ihre Gaskocher verwenden und so sitzen wir bald eng aneinander gekuschelt auf Holzbänken zusammen. Zu unserer Runde gesellen sich Franco (Koch aus Italien) und Christine (Ingenieurin aus Deutschland) und später Tina und Geoff (beide Ärzte aus England/Deutschland). Als Christie sich über das Gewicht der zwei Tetrapacks Wein in ihrem Rucksack beschwert, haben wir die grandiose Idee, der Kälte mit Glühwein zu kontern. Der Vorschlag wird mit großer Begeisterung angenommen!

Nach kurzer Beratung, was eigentlich alles in Glühwein hineingehört, zaubert jemand Ingwer aus dem Rucksack, die nächste steuert Orangenschalen bei und Zucker und Zimt sind auch schnell gefunden. Unser Camping-Glühwein schmeckt eher mittelmäßig, wärmt uns aber alle auf und sorgt für einen lustigen ersten Abend.

Tag 2: Campamento Serón - Campamento Dickson

Am nächsten Morgen werden wir von Sonnenstrahlen und winzigen Schneeflocken geweckt und starten nach dem Frühstück gut gelaunt mit der restlichen Glühweintruppe unsere zweite Wanderetappe.

Entlang des blauen Flusses geht es auf und ab, und auf wackeligen Bretterpfaden übers Moor. Nach kurzer Mittagspause erreichen wir den Coiron-Pass und laufen danach auf dem windigen Bergrücken entlang in ein grünes Tal. Immer wieder kommen uns Wanderer entgegen, ein eher ungewöhnliches Bild, da man den O-Trail nur entgegen dem Uhrzeigersinn ablaufen kann. Aber der Pass, den wir in zwei Tagen überqueren müssen, ist verschneit und gesperrt. Niemand darf passieren und somit müssen die  Leute wieder umkehren. Wir schlucken, und hoffen inständig, dass die Sonne die nächsten beiden Tage ihr Übriges tut, damit wir rüber kommen. Wir schwören uns: Umkehren ist keine Option!

Noch ein letzter Hügel, dann bietet sich uns ein wunderschönes Bild: Das Camp Dickson liegt auf einer grünen Landzunge, die in einen Gletschersee ragt, auf dem leuchtend hellblaue Eisbrocken schwimmen. Beschwingt steigen wir hinunter und bauen unsere Zelte auf. Wir “crazy germans” trauen uns sogar, die Füße im eiskalten Wasser zu erfrischen, ein paar Damen von der Dekadenz-Gruppe springen gleich in Badeanzügen hinein. Die Achtung steigt zumindest ein bisschen.

Nach dem Abendessen diskutieren und brüten wir wie wild über der Karte und malen uns verschiedene Alternativszenarien aus, sollte der Pass tatsächlich geschlossen bleiben. Am Ende müssen wir alle zugeben, dass wir einfach sehen müssen, was die Parkranger sagen und verabschieden uns in unsere Zelte.

Tag 3: Dickson - Los Perros

Der dritte Tag ist bewölkt aber Franco führt die Gruppe im Eilschritt und mit lautem Gesang an. Der Weg beginnt sehr steil und bietet uns nach kurzer Zeit einen Panorama-Ausblick auf gleich zwei Gletscher: Olvidado in unserem Rücken und Dickson vor uns.

Weiter geht es durch den Wald und einige Bäche sorgen dafür, dass unsere Wasservorräte nie leer sind. Als wir nach ungefähr vier Stunden am Camp Los Perros ankommen, überbringt uns der Parkranger mit breitem Grinsen die beste Nachricht des Tages: der Pass ist seit heute wieder offen! Ab sofort ist “The pass is open” unser beliebtester Motivations-Ruf!

Im Camp gibt es eine kleine Hütte zum Kochen, in der wir es uns in gut deutscher Manier möglichst breit machen, um den Platz fürs gemeinsame Abendessen zu reservieren, bevor sich die Porteros-Gruppe alle Tische und Bänke schnappt. Es ist inzwischen für uns zum Volkssport geworden, schneller als die Porteros bei den Camps anzukommen, was uns aber nur manchmal gelingt, die Jungs sind trotz über 30kg Gepäck superschnell unterwegs.

Tag 4: Los Perros - Paso

Am vierten Tag klingelt der Wecker um 04:00 Uhr. Es ist stockdunkel, als wir unsere Zelte zusammenpacken und in die Koch-Hütte schlurfen. Heute geht es ans Eingemachte, und damit ist nicht das Frühstück gemeint. Der Pass ist offen und wir müssen schnell drüber – 691 Höhenmeter, die vor einem Tag wegen starkem Schneefall noch gesperrt waren.

Über Geröllfelder geht es steil nach oben, nach etwa zwei Stunden stehen wir vorm ersten Schneefeld. Wir ziehen uns Plastiktüten über die Socken, um ein bisschen vor dem kniehohen Schnee geschützt zu sein. Die Tüten reißen nach den ersten drei Schritten, reichen aber, unsere Füße trocken zu halten. Zwei bis vier Schokoriegel und mehrere Atempausen später sind wir oben angekommen. Doch gar nicht so schwer – vor allem, wenn man bedenkt, wie viel Sorgen wir uns die Tage davor gemacht haben und wieviele Stunden wir in der Gruppe diskutiert haben.

Auf der anderen Seite schlägt uns der bekannteste Vertreter Patagoniens ins Gesicht – der Wind. Wir stellen uns ihm entgegen und kämpfen uns nach unten. Beim Abstieg hilft der sensationelle Blick auf den riesigen Gletscher Grey, der sich 28 km durchs Tal zieht und im gleichnamigen Gletschersee endet.

Als wir an der Baumgrenze ankommen und Schutz im Grün suchen, denken wir, der schwierigste Teil wäre geschafft. Doch der Weg zu unserem nächsten Campingplatz, Paso, geht steil nach unten und ist vom Schnee und Regen der letzten Tage total matschig. Wir rutschen den Weg mehr, als dass wir ihn hinuntersteigen, natürlich inklusive einiger unfreiwilliger Sitzpartien.

Am Ende kommen wir erschöpft am Campingplatz an, der idyllisch im Wald gelegen ist. Es ist einer der kostenlosen Plätze der Nationalparkbehörde CONAF, was wir spätestens bei den Sanitäranlagen merken, die aus einer flachen Betonwanne mit tennisballgroßem Loch und einem darüber baumelnden Seil zum Festhalten besteht. Wir ersparen euch an dieser Stelle ein Bild!

Am Ende stören solche Kleinigkeiten aber kaum, denn wir haben den Pass bezwungen und die Hälfte des Treks geschafft. Ab morgen treffen wir auf den W-Rundweg und sind schon gespannt auf die Horden der “Kurzwanderer”.

Tag 5: Paso - Paine Grande

Von Paso aus beginnen wir eine unserer längsten Etappen der ganzen Wanderung, über das Camp Grey zum Camp Paine Grande. Es geht unter anderem über zwei schwingende Hängebrücken und eine lose im Fels verankerte Leiter, den Gletscher Grey immer zu unserer Rechten. Die Sonne scheint und die Stimmung in der Gruppe ist immer noch euphorisch von der erfolgreichen Passüberschreitung.

Nach der zweiten Hängebrücke kommen uns die ersten W-Wanderer entgegen, mit frischen, ausgeschlafenen Gesichtern, leichteren Rucksäcken und ehrfürchtigen Blicken. Ob das an ihrer Bewunderung für uns oder unserem Geruch liegt … Wer weiß das schon?

Um die Mittagszeit kommen wir beim Refugio Grey an und sind etwas perplex beim Anblick des Minimarkts, der EC-Kartengeräte und des Wifi-Symbols. Wir decken uns mit überteuerten Süßigkeiten ein und genießen ein Mittags-Picknick in der Sonne.

Gut gestärkt und mit genug Vitamin D gehen wir die zweite Etappe an, die zwar durch wunderschöne Landschaft führt, uns aber auch ziemlich schlaucht. Spätnachmittags kommen wir in Paine Grande an. Der Campingplatz liegt idyllisch eingebettet zwischen zwei Hügeln, es gibt warme Duschen, einen kleinen Laden, eine Bar und eine große beheizte Hütte zum Kochen und Essen. Definitiv der luxuriöseste Campground auf unserer Wanderung. Ein Hase hoppelt freudig durch die niedrigen Büsche und in der Abendsonne sehen wir einen Fuchs, der neugierig zwischen den Zelten hin und her huscht – wohl, um dem Hasen Gute Nacht zu sagen.

Bevor wir in die Schlafsäcke kriechen, prüfen wir nochmals alle Heringe, denn der Wind, soll hier besonders unfreundlich zu den Zelten sein. Doch die Nacht ist windstill und nahezu wolkenlos, was besonders Felix freut, der sich um zwei Uhr nachts nochmals aus dem Schlafsack schält und frierend den Sternenhimmel fotografiert.

Tag 6: Paine Grande - Frances

Am sechsten Tag spaltet sich unsere Gruppe auf. Wir mögen uns zwar noch alle, aber die unterschiedlichen Buchungszeiten ergeben, dass alle die nächste Nacht auf verschiedenen Campingplätzen verbringen. Der Mittlere Teil des “W”s steht an, eine Wanderung ins Valle Frances.

Im Tal kann man beim Campingplatz Italiano seine schweren Rucksäcke in die Obhut der Parkranger geben und mit leichtem Tagesrucksack beschwingt den Berg hinauf hüpfen – wären da nicht die Wanderleiden Blasenfüße, Schmerzknie oder Isomatten-Krummrücken! Bei Italiano spalten wir uns also nochmal auf: Lisa geht gleich den kurzen Weg bis zu unserem Schlafplatz Campamiento Frances weiter und Felix nimmt sich den Aufstieg vor. Am ersten Aussichtspunkt kann man zusehen und -hören, wie immer wieder meterhohe Eisbrocken und kleinere Lawinen mit Donnergrollen ins Tal stürzen.

Auf dem Weg kommen ihm die Kanadier entgegen, es wird freudig mit dem Gruppenerkennungsschrei “the pass is open!” gegrüßt. Auf halber Strecke öffnet sich der Wald und macht einem breiten steppenartigen Streifen Platz, auf dem verdörrte, umgeknickte Bäume zwischen großen Felsbrocken stehen.

Am oberen Aussichtspunkt entspannen Christin und Franco in der Sonne und zu dritt genießen sie den atemberaubenden Panoramablick des Valle Frances.
Definitiv einer der besten Plätze der Wanderung.

Der Rückweg ist steil und geht auf die Knie aber der “Umweg” hat sich definitiv gelohnt. Lisa verbringt den halben Tag am Seeufer des Lago Norderskjol und gönnt sich das beste Sandwich der Welt, dass der Koch im Refugio extra für sie kreiert hat. Und so hat jeder das beste vom Tag gehabt!

Wir bewundern noch die modernen Designer-Sanitäranlagen des Campingplatzes und begeben uns müde auf unsere Isomatten – am nächsten Tag geht’s wieder früh los.

Tag 7: Frances - Torres

Vorletzter Tag. Die Müdigkeit sitzt uns tief in den Knochen, was die heutige Etappe, die uns zum größten Teil recht steil zum Campamento Torres führt, nicht einfacher. Christin und Franco müssen bereits um 06:00 Uhr loslaufen und holen Tina, Geoff und uns ab. Gemeinsam laufen wir zum Camp Los Cuernos, um die Kanadier einzusammeln.

Das Wetter ist heute wieder typisch patagonisch und wechselt im 10-Minuten Takt von Regen zu Sonne und wir im selben Takt von Jacken in T-Shirt. Es geht mühsam aber mit toller Aussicht an verschiedenen Gletscherseen vorbei und kurz bevor wir an unserem Anfangspunkt (Hotel Las Torres) vorbeikommen, steil nach links oben ins Valle Ascensio. Die Pausenfrequenz wird immer höher und wir wollen einfach nur noch ankommen. Mittlerweile haben wir schließlich schon über 100 Kilometer Wanderung hinter uns.

Eine kurze Pause am Camp Chileno stärkt uns für die letzten Schritte zum Camp Las Torres. Der Blick nach oben Richtung Torres, den vier turmförmigen Felsspitzen und Namensgebern des Parks, betrübt uns, denn der Himmel ist wolkenverhangen und grau und eigentlich ist es das Highlight des “O”s dort den Sonnenaufgang zu sehen. Doch die Stimmung in unserer Gruppe ist trotzdem gut. Christie zaubert aus ihrem Rucksack eine riesige Tüte Schmerzmittel (für alle Blasengeplagten) und Vitaminpräparate und Franco kocht für alle einen riesigen Topf Milchreis fürs Frühstück vor.

Wir stellen unsere Wecker auf 03:30 Uhr, denn die Sonne geht schon um 05:00 Uhr auf und der Aufstieg zu den Torres soll circa eine Stunde dauern. Mit fest gedrückten Daumen auf gutes Wetter schlafen wir ein.

Tag 8: Endspurt

Mit Stirnlampen und im Gänsemarsch geht es hinauf. Es ist stockfinster und wir haben beim Loslaufen keinen blassen Schimmer, ob die Torres immer noch wolkenverhangen sind, oder nicht. Aber man kann zumindest den Sternenhimmel gut sehen – ein gutes Zeichen!

Oben angekommen sucht sich jeder einen gemütlichen Platz auf großen Felsbrocken und kuschelt sich in seine Decke, Jacke oder Isomatte ein. Der Himmel ist blassblau.

Und dann warten wir.

Und warten.

Der Himmel färbt sich schleppend blauer, aber auf die rot leuchtenden Spitzen der Torres warten wir vergeblich.

Nach einer Stunde Warten überlegen wir, zum Camp aufzubrechen, da sieht man ganz oben ein ganz schüchternes Schimmern. Es beginnt. Die Sonne hat sich endlich ihren Weg über den Horizont gebahnt und lässt die Torres del Paine in warmem gelb-rot erstrahlen. Wir grinsen uns alle an und freuen uns wie verrückt. Wenn sich dann noch die Torres im See darunter spiegeln ist das Bild perfekt und manche können ihre Blicke gar nicht mehr abwenden.

Unten am Camp packen wir zusammen und beginnen glücklich den Abstieg. Freudestrahlend begrüßen wir die entgegenkommenden Wanderer, die allesamt das “W” erst beginnen und malen uns in unseren Gesprächen vor allem aus, was wir am liebsten essen wollen, wenn wir wieder in Puerto Natales angekommen sind.

Als wir endlich unten im Tal an unserem Startpunkt stehen und wir damit das O geschlossen haben, beginnt eine Welle an Umarmungen und High Fives. Wir sind stolz, die 8 Tage und 130 Kilometer gut gemeistert zu haben und sieben neue Freunde gefunden zu haben.

Zurück in Puerto Natales, nach einer wohlverdienten und langen heißen Dusche und frischen Klamotten, treffen wir uns noch alle im Mesita Grande zu einer riesigen Pizza und an unserem letzten Abend löst Franco sein Versprechen noch ein und brät für uns fette Burger. Ein perfekter Abschluss zu dieser verrückten und schönen Zeit in Torres Del Paine!