Patagonien. Das klingt nach Abenteuer, nach hohen Bergen, Gletschern und Seen, nach unberührter Natur und kleinen, schwierig zu erreichenden Dörfern. Für viele ist es ein Sehnsuchtsort, den man irgendwann im Leben mal sehen will. So war das auch bei uns und schon vor Abflug aus Deutschland war uns klar: Patagonien wird das Highlight unserer Südamerikareise durch Argentinien und Chile.

Aber da muss man erstmal hinkommen! Ähnlich wie in Argentinien packt uns auch in Chile wieder eine kurze Krise. Das Land ist so gross, oder besser gesagt, lang! Über 4.000 km erstreckt es sich von Nord nach Süd. Nach langem hin- und her Überlegen entscheiden wir uns für einen Flug von Santiago nach Punta Arenas, Chiles südlichster “Großstadt”.

Schon bei der Landung begrüßt uns der berühmt-berüchtigte patagonische Wind und das Flugzeug ruckelt beängstigend hin und her. Auf der Fahrt in die Stadt (es gibt fast ausschließlich Taxis, die pauschal 10.000 CLP, ca. 14 € kosten) fährt man an der Küste entlang und schaut auf die Magellanstrasse. Die karge Landschaft im Landesinneren ist geprägt von niedrigen Büschen, die sich in die Felder ducken und Bäumen, deren Äste vom Wind in eine Richtung gezwungen wurden. Bald kommen die Ausläufe Punta Arenas in Sicht: niedrige bunte Häuschen, oft mit Wellblech-Verkleidung. Wir checken in unserer hospedaje (Herberge) ein und machen uns auf den Weg, die Stadt zu erkunden, denn wir haben nur eineinhalb Tage, bevor es nach Puerto Natales weitergeht.

Bei strahlendem Sonnenschein steigen wir auf den Aussichtshügel Cerro Tres Cruces und danach hinunter ins Stadtzentrum. Die Straßen um den Plaza de Armas bieten Touristen das Nötigste, vom Supermarkt bis zum Outdoorgeschäft und von Restaurants bis Ausflugsanbietern. Eine andere Straße, die vom Hafen nach oben führt, beherbergt vor allem Table-Dance Lokale – die Seefahrer müssen wohl auch irgendwie unterhalten werden.

Die Region zwischen Punta Arenas und Feuerland ist unter anderem für ihre Pinguinkolonien bekannt. Wir wollen die kurze Zeit in Punta Arenas gerne nutzen und fragen im Tourismusbüro gleich nach einer passenden Tour. Man empfiehlt uns einen Ausflug mit der Fähre nach Feuerland, um dort Königspinguine im Nationalpark zu besuchen. Da die Tour aber den kompletten nächsten Tag in Anspruch nehmen würde und wir abends den letzten Bus nach Puerto Natales erwischen müssen, fällt die Option leider weg. Außerdem wollen wir sowieso lieber die kleineren Magellan-Pinguine sehen, die es vor allem auf der Isla Magdalena gibt. Auch hier in Punta Arenas wird brav die siesta eingehalten und so gestaltet sich die Suche nach einem Touranbieter als sehr schwierig. Zum Glück finden wir später online noch eine Agentur, die uns am nächsten Tag zur Pinguinkolonie mitnehmen kann. Jetzt, wo das geklärt ist, nehmen wir uns noch den Küstenstreifen vor und machen einen langen Abendspaziergang. Kurz nach dem Ortsausgang von Punta Arenas liegt das alte Schiffswrack der Lord Londsdale, einem alten Kriegsschiff, das 1909 auf dem Weg von Hamburg nach Mexico im Hafen auf den Falklandinseln Feuer fing. Durch die Magellanstraße wurde es abgeschleppt und kurz nach Punta Arenas einfach liegengelassen.

Anders, als der Name Solo Expediciones es vermuten lässt, treffen wir am nächsten Morgen um 6:40 Uhr beim Büro der Agentur auf etwa 30 weitere Pinguin-Begeisterte. In Kleinbussen werden wir zur Bootsanlegestelle gebracht, wo schon zwei Schiffe auf uns warten. Wir landen in einer kleinen gelben Schüssel, der Santa Isabella. Es dauert eine Weile, bis die anderen Touris all ihr Kameraequipment (riesige Tele-Objektive und Stative, die wahrscheinlich einem Erdbeben problemlos standhalten würden) aufs Boot gewuchtet haben, dann begrüßt uns der gut gelaunte Kapitän und verteilt Schwimmwesten an die Passagiere.

Er erklärt, dass wir zuerst die Isla Magdalena ansteuern, eine Insel, die von der chilenischen Nationalparkbehörde CONAF geschützt wird und hunderten Pinguinen Lebensraum bietet. Auf dem Weg könnten wir vielleicht noch chilenische Delphine zu sehen bekommen. Wenn es das Wetter und der Wellengang erlaubt, machen wir noch kurz vor der kleinen Isla Marta halt, deren Bucht voll besetzt von Seelöwen sein soll.

Einige Leute werden von den Wellen wieder in den Schlaf geschaukelt aber nach etwa 45 Minuten schippern wir auf einen schmalen Steg zu. Vom Boot aus kann man bereits hunderte kleiner weißer Punkte ausmachen. Pinguine!

Beim Näherkommen bemerken wir allerdings, dass es sich bei den meisten davon um Möwen handelt. Aber zwischen all den laut kreischenden Meerestauben wackeln auch schon die ersten echten Pinguine über den Kiesstrand am Ufer.

Der Rundweg, der von der Anlegestelle aus über die Insel führt, trennt die neugierigen Besucher links und rechts mit einem Seil von den schwarz-weißen, kniehohen Bewohnern ab. Trotzdem ist man den Magellan-Pinguinen ganz nah und manchmal kreuzen sie auch unseren Weg oder laufen vor- oder hinter den anderen Touristen her. Wir kommen aus dem Knipsen, Beobachten und Freuen gar nicht mehr heraus.

Wären wir ein paar Wochen später hier gewesen, hätten wir uns noch mehr freuen können. Denn gerade brüten die Pinguine noch in ihren kleinen Erdhöhlen und erst einige Wochen später wird man die ersten kleinen flauschigen Küken sehen können.

Auf dem Weg zum Leuchtturm beobachten wir noch eine witzige Situation: vier Pinguine stehen im Kreis, flattern mit den Flügeln und schreien sich an. Es sind ganz tiefe Geräusche, die man den kleinen Vögeln gar nicht zutrauen würde. Der Nationalparkwächter, der die Pinguinkolonie auf der Insel bewacht, erklärt uns, dass die Tiere so vor Gefahren, zum Beispiel Eindringlingen, warnen. Unsere eigene Erklärung, dass es sich hierbei um die Probe des A-capella Quartetts “The Smokings” handelt, gefällt uns besser.

Eine Stunde haben wir Zeit, dann werden wir wieder in Richtung Boot gescheucht. Einige Besucher brauchen noch zwei Aufforderungen, bis sie sich von den kleinen Frackträgern losreissen können. Völlig verständlich.

Auf dem Weg zur Isla Marta wird der Wellengang immer stärker (und Lisa immer grüner im Gesicht). Die Seelöwen können wir nur aus ca. 100m Entfernung erspähen, dann macht sich die Santa Isabella auf den Rückweg.

Zurück in Punta Arenas werden wir noch von einer Militärparade neben dem Plaza de Armas überrascht. Marschkapellen in Marineuniformen und Flecktarn-Anzügen spielen Weihnachts-Melodien. Zwischendurch gibt es ein Kommando und plötzlich laufen die Soldaten im (fast) synchronen Stechschritt auf und ab. Auf der Suche nach dem Grund für dieses Aufgebot fragen wir einen älteren Herrn am Strassenrand. “Es domingo!” (Es ist Sonntag!). Aha, und warum ist da jetzt diese Parade? “Porque es domingo.” (Weil heute Sonntag ist.). Anscheinend reicht das den Bewohnern dieser kleinen ulkigen Stadt am Ende von Chile als Grund.