Einige Tage machen wir das bunte Treiben von Valparaíso mit, merken aber auch, dass uns die Natur ein bisschen fehlt. Wir fragen also unsere erste Quelle für Tipps in “Valpo” – die amerikanischen Studenten – was man denn in der Gegend so alles machen kann. Mike zeigt uns Bilder vom La Campana (zu deutsch „Die Glocke“), ein Berg in der Nähe der Stadt, auf den er schon zwei Male gestiegen ist. Eine ganz leichte Wanderung, vielleicht drei, höchstens dreieinhalb Stunden.

Wir machen uns also hochmotiviert Samstagmorgens auf, Mike, Steve und Morgan im Schlepptau. Mit der Metro geht es bis nach Villa Alemana, dann weiter mit dem Bus. Der bleibt aber mit Motorschaden circa einen Kilometer vor dem Parkeingang (La Campana befindet sich im gleichnamigen Nationalpark) stehen. Naja, dann startet die Wanderung eben jetzt schon, denken wir und schwingen uns die Rucksäcke auf den Rücken.

Am Parkeingang melden wir uns bei den Rangern an und zahlen dank unserer studentischen Begleitung nur 2.300 CLP (3,20 €) pro Person (statt den regulären 4.000 CLP). Die Rangerin händigt uns die Wanderkarte mit den Worten: „Bitte nur bis La Mina gehen, für den Gipfel seid ihr zu spät dran. Da hättet ihr vor 9:00 Uhr kommen müssen, jetzt reicht die Zeit nicht mehr aus”. Wir kucken sie etwas verdutzt an – schließlich sind wir vor allem wegen der grandiosen Aussicht von ganz oben gekommen – aber Mike bedankt sich freundlich bei ihr und schiebt uns wohlwissend Richtung Wanderweg. “We’ll make it to the peak. This is Chile – nobody cares!”

Doch erstmal müssen wir den steilen Anstieg meistern, der sich durch dichten Wald schlängelt. Die Luft ist feucht und schwül, die Sonne steckt noch hinter dicken Nebelschwaden. Mike und Steve legen ein beachtliches Tempo vor, während wir uns um unsere Kondition und den bevorstehenden O-Trail in Patagonien sorgen.

Irgendwann öffnet sich der schmale Weg und wir laufen auf einer breiten Schotterpiste, die früher als Zugangsweg zu den Minen im Berg verwendet wurde. Mittlerweile brennt die Sonne unerbittlich auf uns herab. Nach einigen wenigen Kurven erreichen wir den in der Karte als La Mina gekennzeichneten Ort.

Eigentlich sollten wir hier umkehren, aber der breite Platz mit der kleinen Trinkwasserquelle wird nicht voller, obwohl ständig weitere Wanderer von unten aus dem Dickicht kommen. Also folgen wir den anderen Wander-Rebellen weiter nach oben, nachdem wir unsere Flaschen gefüllt und kurz Luft geholt haben.

Das Gelände wird immer schroffer. Auf einer kleinen Lichtung entdecken wir eine Stute mit ihrem Fohlen, das uns interessiert beobachtet. Wir ziehen weiter und kämpfen uns den immer steiler werdenden Pfad nach oben. Mike und Steve sind mittlerweile schon außer Sichtweite – die jungen Dinger.

Wir halten kurz an der Placa de Darwin (eine Plakette, die an den Bestieg des Berges durch Charles Darwin erinnert) – allerdings mehr aus konditioneller Sicht, als um dem Forscher unsere Ehre zu erweisen. „Survival of the fittest“ – gerade fühlen wir uns alles andere als fit.

Uns kommen immer wieder kleine Grüppchen entgegen die uns im 20-Minuten Takt versichern, dass es nur noch eine halbe Stunde bis zum Gipfel ist.

Zwischenzeitlich kommt uns der schreckliche Gedanke, dass wir den ganzen Spaß ja wieder runter müssen. Dies wird aber schnell wieder vergessen und wir kraxeln erschöpft weiter die Felsen nach oben.

Eine gefühlte Ewigkeit und definitiv keine “media hora” später sind wir dann endlich oben und es ist wie jedes Mal, wenn man mit beiden Füßen auf dem Gipfel steht – Rundherum Ausblick. Das ist in den Alpen schon immer gut, aber auf La Campana mit seinen (vergleichsweise mickrigen) 1.880 Höhenmetern hat man östlich die Andenkette, aus der majestätisch der Aconcagua emporsteigt und westwärts sieht man am Horizont das Meer und Valparaíso.

Wir machen schnell ein paar Fotos und ein erschöpftes Gruppenfoto, beißen in unser Sandwich und treten den Rückweg an. Schon 15:30 Uhr und um 17:00 Uhr sollten wir am Parkeingang zurück sein.

Auf dem Weg nach unten begegnen uns aber tatsächlich noch Leute, die gen Gipfel steigen und Mike grinst uns zufrieden an! “I told you, nobody cares!”

Am Ende ist es fast eine Qual, wir sind müde, Füße und Knie tun weh und Hunger haben wir auch. Entweder Mike hat unser Fitnesslevel über- oder wir den Berg unterschätzt.

Nach weiteren zwei Stunden sind wir endlich unten, es ist bereits 17:45 Uhr, aber einen mahnenden oder besorgten Parkranger sucht man vergebens.

Während wir auf den Zug warten, hauen wir noch Empanadas rein und freuen uns auf eine Dusche und unser Bett. La Campana hat uns geschafft aber auch begeistert und es bleibt wie immer das gute Gefühl, den Berg bezwungen und sich eine tolle Aussicht erarbeitet zu haben.

Infos zu La Campana

Hinkommen

  • Metro Richtung Limache (Vorsicht: Samstags erst ab 08:30 Uhr, Sonntags ab 09:00 Uhr!). Tarif: 727 CLP one way (ca. 1 €)
  • Ab Villa Alemana den Bus zum Entrada Parque Nacional/La Campana nehmen

Reinkommen

Nationalpark La Campana Eintritt: 4.000 CLP regulär (für internationale Besucher)

Hochkommen

  • Aufstieg (je nach Kondition) 3-4 Stunden,  Abstieg 3 Stunden.
  • Wanderstöcke sind empfehlenswert!
  • Ausreichend Essen und Trinken mitnehmen (Trinkwasserquelle auf halber Strecke bei La Mina). 
  • Sonnencreme und Kopfbedeckung nicht vergessen!