Unser erstes Ziel in Chile ist die Hafenstadt Valparaíso. Wir buchen zwei Nächte im Hostel zwischen Cerro Alegre und Cerro Concepcion, der historischen Altstadt. Valparaíso ist auf 42 Hügeln gebaut, die über kurvige Straßen, steile Treppengassen und 16 „acensores“ (diagonale Aufzüge) zugänglich sind.

Von Mendoza bis nach Santiago braucht man mit dem Bus eigentlich nur vier Stunden, würden da da nicht die Anden und die argentinisch-chilenische Grenze dazwischen liegen. Von anderen Reisenden haben wir schon Horrorgeschichten von zwangsläufigen Übernachtungen und stundenlangen Wartezeiten an der Grenze gehört. Deswegen sind wir ganz froh, als es bei uns “nur” zwei Stunden dauert, bis wir wieder in den Bus einsteigen dürfen und die Serpentinenstraße auf der chilenischen Seite herunterrollen. In Santiago verbringen wir ganze 10 Minuten: wir fahren in den Busbahnhof, kaufen am nächsten Schalter ein Ticket nach Valparaíso (3.000 CLP pro Person, ca. 4,20 €), steigen ein und fahren los. Santiago schauen wir uns in ein paar Tagen noch genauer an!

In Valparaíso angekommen, begehen wir erst mal den größten Touri-Fehler und steigen aus scheinbarem Mangel an Alternativen (= wir haben uns nicht über das öffentliche Verkehrsnetz informiert) in ein Taxi. Der Preis auf dem Taxometer steigt und steigt und bleibt schließlich auf 5.000 CLP stehen, als wir vor der schmalen Gasse Escalera Fisher halten. Für 3,6 km haben wir fast soviel gezahlt, wie für die 113 km von Santiago! Wieder was gelernt. Bus, Metro und “colectivos” (Sammeltaxis mit festem Preis und Route) sind hier nämlich sehr günstig und gut verbunden, wie sich später herausstellt.

Valparaiso, oder “Valpo”, wie die Locals es nennen, ist bunt, soviel wussten wir schon vorher. UNESCO-Weltkulturerbestadt am Pazifik, früher strategisch wichtigster Hafen in Südamerika (bis der Panamakanal eröffnet wurde). Die Häuser wurden, wie es scheint, völlig willkürlich auf und zwischen die vielen Hügel gestapelt. Alt und verfallen neben neu und modern. Keines sieht wie das andere aus, überall verschiedene Farben, Größen, Materialien. Und auf allen freien Wänden Streetart. Großflächige, bunte Kunstwerke, die den Betrachter zum Nachdenken, Schmunzeln oder Staunen bringen. Graffitikunst ist hier nicht verboten sondern sogar erwünscht!

Unser Hostel Casa Fischer liegt zwischen Allegre und Concepción, eine perfekte Lage um in der Altstadt auf Entdeckungstour zu gehen. Nach einer weiteren Stadtführung, die uns diesmal enttäuscht zurückgelassen hat, wollen wir einfach mal ungeplant auf neue Ecken stoßen. Wir steigen eine steile „escalera“ hinauf und biegen danach mal links, mal rechts ab. Bei unserer ersten Entdeckungstour führt uns der Hunger direkt zu El Internado, einem leckeren Burger Grill mit Terrasse und Saxophonisten, wo wir auch unsere erste Runde Pisco Sour (Cocktail aus Pisco-Liquör, Zitronensaft und schaumig geschlagenem Eiweiß, bei dem sich Chile und Peru um die Erfindung streiten) probieren.

Am nächsten Tag finden wir durch Zufall La Chuchoca, ein luftiges Wohnzimmer mit kleiner Küche, wo man auf Kissen an winzigen, niedrigen Tischen sitzt. An vier Tagen die Woche wird hier vom chilenisch-brasilianischen Team ein veganes Menü serviert, es herrscht ein “valor consciente”-Prinzip: man zahlt am Ende soviel, wie einem das Essen wert war.

Ein typisch chilenisches Gericht wollen wir auch noch probieren: “Chorillana”. Gar nicht so einfach, wenn man mit einem Vegetarier (Lisa) unterwegs ist. Aber im hübschen kleinen Restuarant El Jardin, werden wir fündig. Die Chorillana besteht aus mehreren Schichten: papas fritas (Pommes/Kartoffelecken), carne (verschiedenstes Fleisch & Wurst), huevos fritos (Spiegeleier) und cebollas fritas (karamellisierten Zwiebeln). Zum Glück ist der Koch flexibel und trennt die Spreu vom Weizen, oder in diesem Fall, das Fleisch vom Rest.

Mike, einer unserer amerikanischen Bekanntschaften aus Mendoza, wohnt direkt über der Altamira Brauerei. Wir probieren uns gemeinsam durch die verschiedenen Sorten und besuchen kurz die 16-köpfige WG mit ihrer Dachterrasse. Student in Valparaíso müsste man sein!

Danach geht es in die Bar Gato en La Ventana, wo eine Art Open Stage Night stattfindet. Das Publikumsalter variiert vom Teenager bis zum Rentner. Wir sind die einzigen Touristen, ein gutes Zeichen. Die beiden Music-Acts, die wir zu sehen und hören bekommen, könnten unterschiedlicher nicht sein. ZUerst kommt ein großer schlaksiger Typ dran, der sich ein Keyboard umgeschnallt hat und verrückte Funk-Musik spielt. Er hat sich anscheinend vorgenommen jeden Ton auf seiner Klaviatur mindestens einmal anzuschlagen – aber seine Begeisterung und Spielfreude sind ansteckend und wir genießen seine groovigen Läufe.

Während der Umbaupause bietet ein Straßenverkäufer Sushi aus einer großen Plastikbox an, wir wundern uns etwas und lehnen dankend ab. Danach zieht eine große Gruppe von Leuten in braunen Ponchos auf die Bühne. Jeder hat eine Panflöte, eine Trommel oder beides in der Hand und sie spielen lange (der erste Song alleine dauert über zehn Minuten) und für das fremde Ohr ein wenig eintönige Melodien, dafür aber mit solchem Enthusiasmus, dass es auch hier Spaß macht, zuzuhören.

In chilenischer Studententradition bestellen wir ein „Terremoto“ (Erdbeben), ein widerliches Getränk, das aus billigstem Wein, Fernet Branca oder wahlweise Grenadine (denn die Chilenen mögen es möglichst süß!)  und Ananas-Eiscreme besteht. Wer davon nicht genug bekommt, bestellt einen „Tsunami (das gleiche nochmal, nur stärker) und dann einen „Aftershock“ (kleiner, noch stärker). Das nennt man dann wohl chilenischen Galgenhumor.

Bei unserer Stadtführung kommen wir auch am Parque Cultural vorbei, einem architektonisch sehr interessanten Komplex auf dem Cerro Carcel, dem ehemaligen Gefängnishügel. Ein modern angelegter Park mit Beeten in verschiedenen Höhen und Größen, in der Mitte ein halb verfallenes Backsteingebäude, in dem heute statt Sprengstoff und Munition nur noch Informationen für die Besucher gelagert werden, der strahlend weiße Gefängnisblock, der heutzutage Künstleratelliers und Showrooms beherbergt, zur Rechten und das lang gezogene Centro Cultural aus Beton und Glas zur Linken. Das Kulturzentrum ist noch relativ neu und laut unserem Guide nicht bekannt genug: am Besten wir sollen wir jedem, den wir treffen, davon erzählen, damit es bald noch mehr genutzt wird.

Chile wird leider immer wieder von schlimmen Erdbeben heimgesucht. Die Region ist dafür berühmt-berüchtigt, und auch wir kommen in den Genuss unseres allerersten (und hoffentlich letzten) Erdbebens, als wir gerade in Viña del Mar zu Mittag essen. Für kurze Zeit wackeln der Boden, der Tisch, unsere Gläser – ein total komisches und unwirkliches Gefühl. Wir schauen uns mit großen Augen an. “War das…?” Die Kellner stehen gelangweilt herum, als wäre nichts gewesen. Wir fragen nach. Der Kellner lacht, winkt ab. Nix Erdbeben. Das war nur ein kleiner “tremor”, frei übersetzt ein kurzes “Erdzittern”. Wir würden schon merken, wenn es ein richtiges Erdbeben gäbe und dann sollten wir nicht rennen, sondern ruhig bleiben. Wenn es aufhört, dann müssten wir rennen. Er gluckst vor sich hin. “Kennt ihr den Song von Iron Maiden, …run to the hills, run for your life…?”. Da ist er wieder, der Galgenhumor.

Inzwischen haben wir im Hostel noch um eine Nacht verlängert, Valpraíso hat einfach so viel zu bieten. Auf Empfehlung von Cecille, die wir bei unserer Weintour in Mendoza kennengelernt haben, fahren wir an einem Morgen mit der Metro nach Portales. Dort soll es unzählige Pelikane und Seelöwen geben, die am Fischmarkt herumlungern und es auf die Reste abgesehen haben. Wir laufen direkt auf die kleinen Stände neben dem Strand zu, über uns kreischende Möwen und, tatsächlich, Pelikane! Sie sitzen auf den Standdächern, auf dem Geländer, das die Verkaufsfläche vom Sandstrand trennt, oder laufen auf ihren riesigen, fast runden Füßen mit gespieltem Desinteresse zwischen den Reste-Eimern der Fischer hin und her.

Und dann sehen wir sie: dutzende Seelöwen, die sich im warmen Sand sonnen. Mit der Ruhe ist es bald vorbei. Wir sehen gespannt zu, wie ein Verkäufer zwei Fischköpfe in die Menge wirft. Die Tiere brüllen einander an und stürzen sich darauf. Meist gewinnt der Größte von ihnen. Ein paar “lobos marinos” platzieren sich direkt hinter den Ständen, uns trennt nur das Geländer. So nah haben wir Seelöwen noch nie gesehen und verstehen vielleicht auch endlich, woher die Bezeichnung “Löwen” kommt. Um den Kopf und am Hals haben sie längeres Fell, das in der Sonne sogar ein bisschen rötlich schimmert. Dazu kommt das ohrenbetäubende Brüllen. Dafür haben sie witzigerweise ganz winzige Ohren!

Etwas, das uns beim Blick von den Hügeln in die Bucht von Valparaíso und Viña Del Mar (die beiden Städte gehen fast nahtlos ineinander über) immer wieder ins Auge sticht, sind einige riesige Sanddünen in der Ferne. Zu den Dunas de Concón braucht man etwa 40 Minuten. Der Sonnenuntergang soll von dort besonders schön sein und so hüpfen wir an einem Abend in den Bus in Richtung Dünen. Der Fahrer hat früher anscheinend Achterbahnen gesteuert, wir krallen uns an Sitzen und Haltestangen fest, keuchen bei jeder Kurve und werfen uns immer wieder ungläubige Blicke zu. Durchgeschüttelt und leicht verwirrt steigen wir schließlich am Seitenstreifen einer Schnellstraße aus. Zum Glück sind wir genau richtig: links die Dünen, rechts ein riesiger Supermarkt. Juhu! Wir kaufen ein paar Snacks und lassen den Wein links liegen, in Chile darf auf öffentlichen Plätzen und Straßen nicht getrunken werden. Hier zeigt sich wieder einmal, dass wir die deutsche Regelfolgsamkeit nicht so ganz abschütteln können, denn die Dunas stellen sich als einziges Trinkgelage heraus.

Nachdem wir uns mühsam nach oben gekämpft haben (uns hat niemand gewarnt, dass es sich hier scheinbar um Treibsand handelt!), suchen wir uns einen schönen Platz, betrachten das Farbspiel des Sonnenuntergangs und genießen unsere Chips und Guacamole mit Sandbelag.

Den letzten Abend lassen wir im Restaurant Fauna ausklingen, das in vielen Reiseblogs und auf Tripadvisor angepriesen wird. Es ist den Hype (und die Wartezeit, wenn man, wie wir, einfach spontan hereinschneit) wirklich wert. Essen und Getränke sind wahnsinnig lecker und von der Terrasse aus können wir den Ausblick aufs nächtliche “Valpo” genießen.

Am Ende haben wir in Valparaíso sechs Tage verbracht, weil wir uns einfach nicht losreißen konnten. Es gibt so viel zu entdecken, so viele Empanadas und Eiskugeln, die gegessen werden wollen, Pisco Sours, die getrunken werden sollen, Graffitis die bestaunt werden müssen – Valpo, du hast uns begeistert! Wir kommen wieder, irgendwann.

Tipps für Valparaiso

Essen & Trinken:

  • La Chuchoca: ein Ort zum Wohlfühlen und Genießen; jeden Tag ein neues veganes Menü; Super-freundliche Mitarbeiter.
  • El Internado: Lecker Burger & Cocktails
  • Fauna: Erstklassige Fleisch-, Fisch- und vegetarische Spezialitäten. Tolle Location mit Aussichtsterrasse und super Cocktailbar.
  • Café del Jardin: Ausgewähltes kleines Menü. Tages-Specials, Desserts, Cocktails, Kaffee
  • Altamira Brewing & Pub: Verschiedenste hausgebraute Biere zum probieren, angeschlossenes Restaurant, Live Jazz jeden
  • Delicias Express: riesige Auswahl an verschiedenen Empanada-Füllungen, frisch zubereitet. Schnell, fettig, gut!
  • La Morada Alegre: echter(!) Kaffee ist in Chile keine Selbstverständlichkeit. Meist bekommt man Nescafé Instantpulverwasser. Hier gibt es wirklich tollen italienischen Kaffee und riesige, leckere Eiskugeln.

Shopping:

Wenn wir nicht mit so kleinen Rucksäcken unterwegs wären, hätten hier die Kreditkarten geglüht:

  • En Casa Dimalow: Ladenkollektiv von verschieden Designern und Handwerkskünstlern
  • Munasiña Taller: Werkstatt für schöne Kleinigkeiten aus Stoff
  • Chatarralab: Design Bazar
  • La Dulceria: Handgemachte Süßigkeiten in allen Regenbogenfarben; folgt einfach den Streetart-meisen