Für unsere Reise und den Blog haben wir uns folgendes überlegt:
An jedem neuen Ort probieren wir eine typische Touristenattraktion und eine komplett ungewöhnliche oder willkürliche Aktivität aus.

In unserem Freundeskreis haben wir schon seit Jahren einen Ausdruck, der wörtlich eigentlich keinen Sinn macht: “Random Classic”, ein willkürlicher oder zufälliger Klassiker. Damit hat die Blog-Serie auch schon einen Namen.

Starten wir die erste Runde:

Random: La Fogata de Los Cardales

Während unserer Zeit in Buenos Aires haben wir bei Felipe gewohnt, der im Vorort Tigre aufgewachsen ist. Am Wochenende luden uns seine Eltern zu einem Volksfest ein: La Fogata de los Cardales. Niemand wusste so recht, worum es dabei geht. Aber das Versprechen von einem Feuerspektakel gepaart mit Foodtrucks reichte aus, um uns zu überzeugen.

Als wir bei Einbruch der Dunkelheit im Ort Los Cardales in der Provinz Buenos Aires ankommen, ist das Volksfest bereits in vollem Gange. Hunderte von Menschen schieben sich langsam durch eine Gasse aus Verkaufsständen und Fressbuden. Es werden Speisen aus aller Welt angeboten, sogar ein deutscher Stand ist dabei, der allerdings undefinierbare Würste anbietet. Auf einer großen Freifläche, die sonst wohl als Sportplatz dient, stehen ein etwa zehn Meter hoher Turm aus Brettern, ein aufgespanntes Netz, an dem lebensgroße Figuren aus Pappe und alten Klamotten hängen und ein großer Schriftzug: „Los Cardales 2016“

Wenn man sich in der Menge umschaut, blickt man in viele gespannte und freudige Gesichter, die im Gegensatz zu uns anscheinend wissen, was sie erwartet. Dramatische Musik scheppert über riesige Lautsprecherboxen. Einige Helfer zünden das große Schild mit Fackeln an. Die Menge jubelt, als endlich alle Buchstaben und Zahlen in Flammen stehen. Feuerwehrleute stehen wachsam um das Schild herum. Zwischendurch werden immer wieder Eltern ausgerufen – Camila und Sebastian mögen bitte bei der Bühne abgeholt werden.

Als nächstes ist das Netz mit den Puppen dran. Felipes Vater erklärt uns, dass die Puppen von einigen Besuchern selbst gefertigt wurden. Sie sollen eine schlechte Eigenschaft oder Angewohnheit repräsentieren. Die Leute verbrennen buchstäblich ihre Macken. Das ist und bleibt auch das einzig verständliche Ritual an diesem Abend. Die Puppen stehen schnell in Flammen und zerfallen. Die Menge klatscht. Wieder eine Lautsprecherdurchsage – Eltern sollen sofort ihre Kinder von den Gleisen nehmen, die durch das Festivalgelände führen. Ein paar Sekunden später fährt tatsächlich ein pfeifender Zug mitten durch die Feierlichkeiten.

Bevor das eigentliche Spektakel losgeht, werden noch etwa 50 große Lampions unter großer Anstrengung (Wind!) von vielen Kindern und Eltern angezündet und in den Nachthimmel entsendet.

Dann geht es richtig rund. Das “espectaculo” wird über Lautsprecher anmoderiert. Ein U-Boot, vermutlich aus Pappmaché, das auf einem Auto montiert ist, setzt sich langsam in Bewegung. Darauf ein paar als Matrosen verkleidete Leute mit langen Pappköpfen. Sie schießen falschen Schnee durch Plastik-Kanonen in die Menge. Unter der Last des U-Boots kommt der Wagen nur langsam voran und so dreht das komische Gefährt einige wacklige Runden um den Platz.

Unter Begleitung von Wagners „Ritt der Walküre” tauchen rote Flugzeuge auf. Genauso wackelig und ebenfalls bemannt, bzw. befraut, schießen sie Stichflammen aus dem Bug. Eine wilde Verfolgungsjagd beginnt, auch, wenn man es bei diesen Geschwindigkeiten kaum so nennen kann.

Irgendwann gibt sich das U-Boot geschlagen und wackelt davon.

Die Flugzeuge bringen sich in Position, denn sie haben bereits ein neues Ziel: Den Bretterturm, aus dem plötzlich ein Feuerwerk startet. Am Fuße des Turmes beginnen auch schon die Flammen zu züngeln und es dauert nur wenige Augenblicke und die komplette Konstruktion brennt lichterloh.

Am Ende bleiben wir etwas ratlos aber zufrieden zurück. Laut Internet handelt es sich um eine Kombination aus Sonnwendfeuer (fogata = Lagerfeuer) und einer Inszenierung des ewigen Kampfes zwischen Gut und Böse (Flugzeuge gegen U-Boot). Die Begeisterung der Besucher hatte uns dann aber doch angesteckt und Flammen und große Feuer gehen ja sowieso immer.

Classic: Cementerio de la Recoleta

Der Cementerio de la Recoleta wurde uns von jedem Reiseführer, Blog und Bekannten, der schon in Buenos Aires war, ans Herz gelegt. Ein Friedhof als Touristenattraktion? Kennen wir aus Paris, den Gedanken finden wir aber trotzdem immer wieder seltsam und etwas makaber.  Der Eintritt ist kostenlos. Es gibt aber auch geführte Touren, die Geschichte, Symbole und Statuen erläutern und die ein oder andere unterhaltsame Gruselstory über die Verstorbenen parat halten. La Recoleta wurde als Friedhof für die reiche Oberschicht errichtet. Ein Mausoleum ist prunkvoller und größer als das Nächste. Zahlreiche ehemalige argentinische Präsidenten, Offiziere und Schriftsteller liegen hier begraben. Auch heute finden dort noch Begräbnisse statt.

Obwohl sich diese letzte Ruhestätte auf einem Hügel inmitten von Hochhäusern und lauten Straßen befindet, liegt eine Stille über dem Ort. Immer wieder trifft man an einer Ecke auf andere Touristen oder zerzauste Straßenkatzen. Nach unserer zweiten Walking Tour, die auf dem Friedhof endete, wandeln wir durch die vielen Gassen. Wer die Grabtafeln studiert stellt fest, dass immer nur das Sterbedatum vermerkt ist, nicht das Geburtsdatum. Manchmal sind wir mutig genug und werfen einen gründlichen Blick in die Mausoleen. Viele sind sauber und gut erhalten. Hie und da sieht man Besen oder Staubwedel im Inneren. Das Bild vom großen Reichtum der Familien wird hier aufrecht erhalten. Andere Grabmale sind halb verfallen. Schlösser fehlen, Unkraut wuchert zwischen den Bodenfliesen hervor und Spinnweben ziehen sich über Särge und Urnen. Eigentlich der perfekte Schauplatz für einen Horrorfilm.

Der Friedhof zählt, wegen seiner wichtigen verstorbenen Persönlichkeiten, der Architektur und der großen Anzahl an kunstvollen Statuen, als historisches Freiluftmuseum. Die Größe und Infrastruktur an breiten Wegen und kleinen Gassen haben dem Friedhof auch die Bezeichnung Stadt innerhalb der Stadt beschert.

Das wohl am meisten ge- und besuchte Grab ist das von Evita Perón. Die berühmte und zu gleichen Teilen des Volkes geliebte und verhasste Frau des argentinischen Präsidenten Juan Domingo Perón. Sie starb 1952 und musste nach ihrem Tod leider eine ziemliche Odyssee über ihren mumifizierten Körper ergehen lassen. Der Weg führte über die öffentliche Aufbahrung im Kongressgebäude, in die Keller einiger perverser Offiziere, zu einem Friedhof in Italien, wo sie unter falschem Namen begraben war und schließlich nach Madrid. Sie konnte erst 24 Jahre nach ihrem Tod zuhause in Argentinien im Familiengrab ihres Bruders beerdigt werden. Nach wie vor hinterlassen viele Leute dort Zeichen ihrer Wertschätzung wie Blumen, Fotos und Karten.

Der Cementerio de la Recoleta ist natürlich ein Touristenmagnet, aber man kann sich dem morbiden Charme kaum entziehen. Wir fanden den Ort spannend obwohl wir mit Friedhöfen und Totenkult nicht viel anfangen können und würden jedem Reisenden in Buenos Aires einen kurzen Ausflug dorthin empfehlen.