Plateauschuhe. Dogwalkers mit bis zu 12 Hunden an der Leine. Wild durcheinander gemischte Baustile. Thermoskannen und Maté-Becher. Das waren unsere ersten Eindrücke von Buenos Aires. Die Stadt hat drei Millionen Einwohner, im Großraum sogar 13, und ist so riesig, dass selbst wir als erfahrene Stechschritt-Erkunder nicht alles abdecken konnten. Wir haben uns auch noch über den starken Wind am ersten Tag gewundert. Bis ein Tourguide noch einmal ganz laut und deutlich den Namen der Stadt wiederholt hat, wie für einen schwerhörigen Opa: Buenos AIRES.

Richtig, wir befinden uns in der Stadt der guten Winde.

Zur Orientierung haben wir uns am ersten Nachmittag einer geführten Tour durch das Zentrum mit Free Walks Buenos Aires angeschlossen. Solche kostenlosen Stadtführungen haben wir schon oft bei Städtetrips in Europa mitgemacht, die Tourguides sind meist witzige und motivierte Studenten, die sich mit dem Trinkgeld, das man am Ende der Tour für angemessen hält, etwas dazuverdienen. Jeder hat dabei seinen eigenen Stil und Hintergrund und so bringen sie den Teilnehmern die Stadt ganz individuell und mit vielen Anekdoten und persönlichen Empfehlungen näher.

Die Tour führte uns vom Plaza del Congreso entlang der Avenida de Mayo, vorbei am Casa Barolo, dass für sein an Dantes Himmlische Komödie angelehntes Interieur bekannt ist und auf die Avenida 9 de Julio (mit 140 Metern einst die breiteste Straße der Welt) und endete am berühmten Casa Rosada, dem Präsidentenpalast. Die Farbe würde euch für euer Haus auch gefallen? Easy. Ihr braucht nur Ochsenblut und viel Kalk dafür.

Erwähnenswert ist auf jeden Fall die riesige Vielfalt an Gebäck, die man hier in Argentinien probieren kann. Facturas heißen die kleinen süßen Teilchen, wie Churros, Medialunas (kleine Croissants) oder Alfajores. Quasi alles ist mit der Caramel-Creme Dulce de Leche gefüllt und so können wir wahrscheinlich bald unsere Beine und Arme einklappen und ab sofort durch Argentinien rollen …

Low Carb? Nicht mit uns! Wir nehmen alles mit, von Empanadas und Pizza zu (Veggie-)Burgern und Papas Fritos. Am Ende habe auch ich meinen Vegetarierstolz kurz hinuntergeschluckt und habe Felix und unseren Host Felipe in eines der besten Steakrestaurants, La Brigada, begleitet. Die Menüs sind mit schwarzem Kuhfell eingebunden und die Decke ist mit den eingerahmten Trikots erfolgreicher argentinischer Fußballspieler gepflastert. Kurz gesagt, ein Mädchentraum wurde wahr. Die Jungs waren happy mit Steak, das so zart war, dass es vor ihren Augen mit einem Löffel zerteilt wurde und für mich gab es Salat und Rosmarinkartoffeln.

Buenos Aires hat unglaublich viele und vor allem vielfältige Stadtteile (barrios). In Reiseblogs und -führern gleichermaßen werden San Telmo, Palermo und Puerto Madero als Szene-Viertel gefeiert und die haben wir uns natürlich auch nicht entgehen lassen.

San Telmo ist berühmt für seine vielen Antiquitäten- und Vintageläden. Besonders schön ist die alte Markthalle Mercado de San Telmo und der Patio de Ezeiza, der viele Künstlerwerkstätten beherbergt. Vor einem kurzen Regenanflug fanden wir Unterschlupf im Yauss Club und haben dort ein tolles spätes Mittagessen mit Tapas, Waffeln und frisch gepresstem Saft genossen.

Palermo ist aufgeteilt in Palermo SoHo mit hippen Bars und Designerläden, Palermo Viejo mit Cafés, Kunstgalerien und Werkstätten und Palermo Hollywood mit Live-Musik Clubs, Restaurants und Diskos. In allen drei Teilen findet man auch überall coole Streetart.

La Boca ist mit seinen kleinen pastellfarbenen Häusern vor allem als Fotomotiv bekannt, und als Zuhause des gleichnamigen Fußballclubs, Club Atlético Boca BA. So richtig wurde uns dieser Kontrast erst bewusst, als wir zwischen dem Stadion und heruntergekommenen Häuserreihen hindurchschlenderten. Auf der Suche nach dem berühmten fotogenen Straßenzug verliefen wir uns immer weiter im Viertel. Die Häuserfassaden wurden immer zerfallener, es standen verlassene Autos ohne Scheiben und Kennzeichen herum und als dann noch ein älterer Ladenbesitzer Felix zuraunte, er solle seine Kamera gut festhalten, wurden unsere Schritte immer schneller und wir beschlossen kurzerhand, dass wir jetzt genug von La Boca gesehen hätten. Später haben wir durch Google Maps festgestellt, dass wir nur noch vier Blocks entfernt gewesen wären. Lektion 1: genau aufschreiben, bzw. speichern, was man sucht. Lektion 2: Man muss vielleicht auch nicht jeden beliebten Touristenhotspot mitnehmen.

Wer Buenos Aires hört, denkt sicher an Tango. Man kann als Besucher das ganze passiv, beim gemütlichen Zuschauen bei Essen und Getränken, oder aktiv, bei einer Tanzstunde mit Privatlehrer, angehen. Wir haben uns für eine Erweiterung der ersten Variante entschieden und im La Catedral Club, einem ehemaligen Getreidesilo aus dem 19. Jahrhundert, das später als Molkerei und als Kühlhaus diente, im Stadtteil Almagro Tango-Anfängern aus aller Welt dabei zugesehen, wie sie von den Profis in die hohe Kunst des “Schritt, Schritt, Wiegeschritt…” eingeführt wurden. Dazu kann man Wein, Sangria und verschiedenes Barfood zu sich nehmen. Jeden Freitag kommen Touristen und Porteños (Buenos Aires-stämmige) zu dieser “milonga” zusammen und schieben sich bis in die frühen Morgenstunden übers Parkett.

Wer mehr als ein paar Tage in Buenos Aires verbringt, sollte sich die nähere Umgebung nicht entgehen lassen. Im Sommer kann man es sich am Strand, in Mar del Plata, südlich der Stadt, gutgehen lassen. Wir sind am Samstag mit unserem Gastgeber Felipe in die andere Richtung, nach Tigre, rausgefahren. Tigre hat unzählige Inseln und Kanäle im Delta des Paraná und beherbergt neben einer großen Artenvielfalt an Tieren und Pflanzen, hunderte Anlegestellen auf Stelzen zu den Häusern und Anwesen, die Namen wie „La Raquel“ oder „Juanita“ tragen, sondern auch imposante Gebäude im Belle-Epoche-Stil. Außerdem gibt es einen Freizeitpark, ein riesiges Casino und eine Hafenmole mit riesigem Kunsthandwerksmarkt. Überall bekommt man Flyer für Parilla und Asado (eine Art argentinisches Barbecue) in die Hand gedrückt, wir stoßen aber nach einiger Zeit auf ein kleines vegetarisches Restaurant mit angeschlossenem Vintageladen in einem künstlerischen Hinterhof, das Cardamomo. Wir haben uns Linsen- und Rote-Beete-Burger gegönnt und durften danach noch tolle vegane Pralinen probieren. Tigre ist ein beliebter Naherholungsort für Porteños und am Wochenende von Touristen bevölkert, trotzdem war es schön, für ein paar Stunden aus der Stadt herauszukommen.

Die Woche in Buenos Aires war ein super Start für unsere Weltreise, wenn auch eher ein Fahrradfahren mit Stützrädern. Nicht zuletzt, weil uns Felipe oft mit Tipps und Übersetzungen zur Seite stand. Jetzt sind wir schon auf dem Weg zum nächsten Abenteuer. Die 18-stündige Busfahrt ruft!